Das Spiel der Prinzessinnen

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Daumen und Zeigefinger blieben im exakt gleichen Abstand zueinander, so als würde sich ein unsichtbarer Gegenstand zwischen ihnen befinden. Die entsprechende Hand zog wie eine schattenwerfende Wolke über das hölzerne Spielbrett. Es bestand aus vierundsechzig Feldern, angeordnet in acht Reihen mit jeweils ebenso vielen kleinen Quadraten, die abwechselnd entweder ganzflächig schwarz oder weiß eingefärbt worden waren … Sie hatte es offensichtlich auf den glänzenden Pferdekopf abgesehen, hob ihn empor, um die goldene Figur dann kurz darauf strategisch gut zu positionieren.
„Schach!“
Annabella schaute auf ihren König hinab, er bestand wie seine übrigen fünfzehn Mitstreiter aus Silber, doch das Edelmetall war im Laufe der Zeit schwarz angelaufen. Die Situation schien ausweglos zu sein, aber noch wollte sie sich ihre unmittelbar bevorstehende Niederlage nicht eingestehen. Am gegenüberliegenden Ende des kleinen Tisches saß ebenfalls eine junge Frau. Lange lockige Haare, blond wie ein Engel mit unschuldig wirkenden hellblauen Augen, ausgesprochen intelligent und eigentlich atemberaubend hübsch, wenn nicht …
„Mein Gegenzug sollte wirklich gut überlegt sein …“
„Nimm dir ruhig die nötige Zeit ...“
Der unübersehbare Makel auf Elisabeths linker Wange war eine große Narbe, hervorgerufen durch … Die zweieiigen Zwillinge, damals noch Prinzessinnen im frühen Teenageralter, spielten an jenem Tag gemeinsam mit ihrem Hund Adalbert im Park des königlichen Schlosses. Aus scheinbar unerklärlichen Gründen hatte das Tier plötzlich die Beherrschung verloren und Annabellas Schwester ins Gesicht gebissen …
„Du hast gewonnen!“
Meistens trug Elisabeth den Sieg davon, auch außerhalb des Schachspiels. Nur wenige Minuten früher das Licht der Welt erblickt, würde sie in nicht allzu ferner Zukunft allein den königlichen Thron erben, da für dieses höchste Amt im Staat lediglich das erstgeborene Kind berücksichtigt werden durfte. Annabella konnte und wollte sich mit dem undankbaren zweiten Platz allerdings nicht zufriedengeben … Nachdem ihre Schwester das Zimmer verlassen hatte, räumte sie die zweiunddreißig Figuren in eine ausreichend große Holzkiste, die kurz darauf unterhalb des kleinen Tisches verstaut wurde.
„Irgendwann …“
In dem reichlich verzierten Handspiegel war ein markantes Gesicht zu erkennen, gerahmt von langen glatten dunkelblonden Haaren. Strahlende braune Augen standen sofort im Fokus des Betrachters, die laut ihrer viel zu früh verstorbenen Mutter bis zum Ende des ersten Lebensjahres einmal blau gewesen sein mussten. Ohne Zweifel, stehen würde Annabella der königliche Kopfschmuck mindestens genauso gut wie Elisabeth. Außerdem war sie im Gegensatz zur Kronprinzessin nicht entstellt …
„Brr!“
Immer kälter wurde der auffällig große schwarze Edelstein, in Platin gefasst und an einer entsprechenden Kette um ihren Hals hängend. Angewidert trennte sie sich von dem Schmuckstück, ließ es im Anschluss sogar absichtlich zu Boden gleiten. Das Juwel schlug auf, sendete aus seinem Inneren stetig lauter werdendes Knacken, bis es kurz darauf in viele Splitter zersprungen war. Die Einzelteile wiederum schwebten in Richtung Zimmerdecke und bildeten auf Augenhöhe zur Prinzessin ein angedeutetes Gesicht. Voller Ehrfurcht erhöhte sie sofort den Abstand zu ihrem soeben entstandenen Gegenüber.
„Hab keine Angst!“
„Wer seid Ihr?!“
Leichtes Zittern nahm Besitz von dem jungen adligen Körper, einhergehend mit einem gefühlten Temperaturanstieg im Inneren ihres Kopfes, was Stirn und Wangen auch tatsächlich wärmer werden ließ.
„Ich möchte dir helfen, deinen größten Wunsch zu erfüllen …“
Seit jenem Unfall im Park des königlichen Schlosses hatte Annabella diesen Moment herbeigesehnt, um so trauriger, dass es sich hier offensichtlich nur um einen schönen Traum handelte.
„Willst du nach dem Tod deines Vaters alleinige Königin werden?!“
Der ebenfalls aus Edelsteinsplittern geformte Mund gab den Worten eine zusätzliche Verbindlichkeit.
„Ich … Ja, aber …“
„Dann hör mir jetzt genau zu!“
Was, wenn es doch kein Traum war?
„Also?!“
Kopfnickend signalisierte die Prinzessin Zustimmung, woraufhin das der Stimme nach zu urteilen weibliche Gegenüber mit seinen Ausführungen begann, die sich schnell als konkrete Arbeitsanweisungen entpuppten. Zuerst musste Annabella dem Gesicht einen größeren Splitter entnehmen, mit dem ein circa zwei Meter mal ein Meter großes Rechteck in den weichen Parkettboden geritzt werden sollte. Obwohl das improvisierte Werkzeug scharfe Kanten aufwies, kam es bei dieser Aktion glücklicherweise zu keinen Verletzungen. Im Anschluss wurde das wertvolle Bruchstück exakt mittig innerhalb der soeben entstandenen geometrischen Figur platziert. Genau dort versank der jetzt rot glühende Splitter im Boden, wodurch ein Loch entstand, aus dem schwarze Flüssigkeit heraussprudelte. Die Substanz verteilte sich auf der gesamten Fläche, übertrat allerdings an keiner einzigen Stelle die Begrenzung des Rechtecks und wuchs sogar in die Höhe, so als würde sich dort ein durchsichtiges quaderförmiges Becken befinden. Bereits nach wenigen Minuten konnte das vollendete Werk bestaunt werden. Derweil versiegte die mysteriöse Quelle und jene Flüssigkeit hatte sich in eine feste schwarze Materie verwandelt. Beim genaueren Hinschauen erkannte man in dem Gebilde eine dreidimensionale Landkarte mit Flüssen, Seen, Wäldern, Wiesen, Feldern, Wegen und zum Teil seltsamen Gebäuden. Annabella war bis dato lediglich ein gut gelungenes Modell des königlichen Schlosses inklusive direkter Umgebung geläufig gewesen. Diese pechschwarze Landschaft machte sie jedoch regelrecht sprachlos. Als nächstes musste die Holzkiste mit den Schachfiguren geöffnet und der gesamte Inhalt mit Ausnahme der beiden Könige wahllos auf dem Gebilde verteilt werden.
„Dieses Spiel wird über Sein oder Nichtsein entscheiden, also lassen wir es schleunigst beginnen!“
Schadenfreudiges Lachen begleitete das mittlerweile über dem Landschaftsmodell schwebende Gesicht.
„Bist du bereit?!“
Annabella bekam vor lauter Aufregung kein Wort heraus.
„Ich werte das mal als Zustimmung!“
In Windeseile ordneten sich die Edelsteinsplitter neu an, wodurch der Umriss einer Krone entstand. Von dem majestätischen Kopfschmuck ausgehend, wurde jede auf der dreidimensionalen Karte liegende Schachfigur von einem ununterbrochenen weißen Lichtstrahl getroffen. Im Zentrum des Reifs liefen sprichwörtlich alle Fäden zusammen. Ein dort verorteter schwarzer Splitter brach die geballte Energie und ließ Annabella kurz darauf in den Farben des Regenbogens erstrahlen. Auch Elisabeth, die sich gerade in ihrem eigenen Gemach aufhielt, wurde entsprechend bedacht. Zwischenzeitlich lösten sich die beiden noch in der Kiste verweilenden Königsfiguren in Luft auf. Mit einem lauten Geräusch explodierte die Krone und regnete auf das Erschaffene herab. Als die Prinzessin wieder zu sich kam, war das Modell realitätsgetreu eingefärbt. Darüber hinaus schien dort Leben einzukehren …

Insekten schwirrten umher, von denen sich einige auf den Blumen des dazugehörigen Beetes niederließen, um nach unterschiedlich langen Aufenthalten wieder davonzufliegen. Rote und weiße Blütenkelche, scheinbar immer im Wechsel angeordnet. Sie lag inmitten dieser blühenden Pracht und genoss den Anblick des leicht bewölkten Frühlingshimmels. In aller Ruhe setzte sich der schlanke Körper auf. Erst

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