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MEINE LIEBE, DEINE LIEBE

Bild von ffolcus
Bibliothek

Jeder von uns kennt doch diesen kuriosen Kurzdialog in Film, Fernsehen, Theater, Oper und Operette, ja auch in der Realität. Ein verliebter Er und eine verliebte Sie umarmen sich und flüstern sich etwas zu. Sie: „Ich liebe dich.“ Er: „Ich dich auch.“

Welch ein Quatsch in unlogischer Soße! Ich will Ihnen das mal genauer erklären:

Das erste „Ich liebe dich“ aus IHREM Mund bezieht sich eindeutig auf die männliche Person. SIE meint damit IHN.

Das zweite „Ich dich auch", also “Ich liebe dich auch" SOLL sich zwar auf SIE beziehen, fälschlicherweise benutzt ER aber das „auch“, was nur dann Gültigkeit hätte, wenn es sich auf DIESELBE Person bezöge wie das erste „Ich liebe dich“, nämlich auf die männliche Person, IHN SELBST.

Oder aber ein DRITTER hätte ebenfalls in diesem Zusammenhang seine Liebe zu IHR bekundet, so dass obiger ER sagen kann: “ICH liebe dich auch.“ Das „auch“ heißt, dass der Bezug derselbe ist und sein muss.

Also ist doch da wohl irgendetwas falsch! Es sei denn, sie hätte vorher gesagt:

„Ich liebe MICH.“
Und dann er: „Ich DICH auch.“

Oder aber, Variation zwei:
Sie: „Ich liebe dich.“
Er: „Ich MICH auch.“

Richtig wäre allerdings der Gebrauch mit „und“:
Sie: „Ich liebe dich.“
Er: „Und ICH liebe DICH.“

Oder, wenn schon mit „auch“, so dann doch wenigstens:
Sie: „Ich liebe dich.“
Er: „Auch ICH liebe - und zwar DICH!“

Aber lassen wir Wortklaube- und Oberlehrerei! Wollen wir sie sich gegenseitig ihre stilistisch verworrene Liebe weiterhin an den Kopf werfen lassen, wir sollten es uns ja schon denken können, wie sie es meinen! Liebe macht bekanntlich blind, warum sollte sie nicht auch in fortgesetzter Ignoranz die Grammatik schmälern? Im übrigen geht es uns auch überhaupt nichts an. Und so lobe ich mir die EHRLICHEN SELBSTVERLIEBTEN, deren folgender fiktiver und herzerfrischend unverbrauchter Dialog in Leben, Film, Theater und Fernsehen einem jeden sofort ein tränenfeuchtes Taschentuch bescheren dürfte:

Er: „Ich liebe mich.“

SIE: „Ich mich auch.“

ER: „Ich liebe mich, wie noch nie zuvor mich jemand geliebt hat! - Aber könntest du dir vorstellen, dass es außer mir selbst noch jemand anderen gibt, der mich liebt?“

Sie: „Warum nicht? Wäre es eventuell in deinem Sinne, wenn ich dieser jemand wäre? Vorausgesetzt natürlich, im Gegenzug wärest du für mich die erkennbar ehrliche Person, die meine innige Eigenliebe durch eine von außen auf mich zukommende Zuneigung vervollständigte. Also, ganz konkret: Könntest du außer dich selbst auch jemand anderen lieben, sagen wir mal beispielsweise mich?"

Er: „Klar! Wäre zudem durchaus einverstanden, wenn du außerdem auch noch ein wenig von deiner Liebe zu dir, also von der großen von dir zu dir selbst, auf mich umfokussieren könntest. Mal ganz vorsichtig formuliert, versteht sich.“

Sie: „In Ordnung. Lieben wir uns demnach so was wie einander? So richtig einer den andern und umgekehrt, hin und zurück?“

Er: „Lieben wir uns also! Ein-ander! Sogar ein-einander: ich und du mich und du und ich dich!“

Sie: „Ja, und je größer die Liebe ist und wird: mehr vielleicht jeder den anderen als jeder sich selbst?“

Er: „Mehr, Geliebte, als jemals irgendein Mensch sich selbst und einen anderen, ein-ander gegenseitig, rüber und nüber, hin und her, drunter und drüber, rauf und runter, kreuz und quer.“

Sie, seufzend: „Ach, ich liebe dich...“

Er, beglückt: „...und du liebst mich...“

Franz Lehar, bestätigend: „...und da liegt alles drin!“

vcj

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