Fortsetzung v. 11.11.2016, "Im Dickicht der Zeichen"; Nora Meranes 1. Fall; Krimi

von Annelie Kelch
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Obwohl das düstere Gehöft, das Alma mit ihrem um viele Jahre älteren und vermutlich psychisch kranken Bruder "verwaltete", einen verheerenden Einfluss auf meinen Schlaf und insbesondere auf die ihm innewohnenden Träume hatte, schreckte ich eines schönen Sommertages nicht davor zurück, Feindesland betreten, um im gegenüberliegenden Apfelgarten ein paar von diesen giftgrünen, steinharten und demzufolge ungenießbaren Früchten aufzulesen, die dort zuhauf im Gras umherlagen. Irgendeinem Buch hatte ich entnommen ‑ vermutlich den Abenteuern von Tom Sawyer und Huckleberry Finn ‑, dass „anständige“ Kinder wenigstens einmal im Leben Äpfel stibitzen mussten. Meine Freundin stand „in der Dunkelkammer“ Schmiere, eifrig darauf bedacht, bei drohender Gefahr den warnenden Pfiff auszuführen; während ich mich durch das Dickicht des gruseligen Apfelgartens kämpfte; aber der Zufall wollte es, dass mein Vater, der Spätschicht hatte, auf seinem Fahrrad den Finstergang durchquerte und sich bei ihr erkundigte, wo um alles in der Welt sie mich gelassen habe, denn wir galten zu jener Zeit als nahezu unzertrennlich. Ihr fiel spontan ein - und sie sprach es laut aus, dass mich ein menschliches Bedürfnis in den Garten getrieben habe, jedoch verrieten mich, als ich kurz darauf aus dem Dickicht auftauchte, die verschrumpelten, grünen Apfel, die in meinem marineblauen Strickpulli lagen, den ich wie eine Schürze hochgerollt hatte. Das Theater, das Vater deshalb machte, habe ich bis heute nicht vergessen.
Mutter bekam zu Hause auch ihr Fett weg: Sie habe mich schlecht erzogen, wie ich wieder aussehe, immer diese Nietenhosen, die Haare, insbesondere der Pony seien viel zu lang, ich könne kaum noch aus den Augen schauen, keine Strümpfe in den Schuhen und so weiter und so fort, eine geschlagene Stunde lang. Vater wusste anscheinend nicht, dass Mutter mich überhaupt nicht erzog. Solange ich nicht frech war, war alles in Ordnung, und ich konnte, im gewissen Rahmen, tun und lassen, was ich wollte – solange Vater zur Arbeit war. Und da ich selten oder nie frech war, wuchs ich zwar relativ frei, jedoch ein wenig verwahrlost auf; denn Vater befand sich entweder auf der Arbeit oder schlief, weil die Schichtarbeit strapaziös war.

Almas Bruder Hagen galt als Sonderling. Es mochten mehrere Jahre verstrichen sein, dass man ihn außerhalb des düsteren Gebäudes gesichtet hatte. Er hielt sich selbst während des Hochsommers im Haus auf, und das einzige helle Fleckchen vor den kühlen grauen Mauern, wohin sich bei strahlendem Wetter gelegentlich ein paar Sonnenstrahlen verirrten, verwaiste gänzlich.
Dort nämlich hatte er früher zuweilen gesessen: auf einem hölzernen Küchenstuhl, regungslos, mit hängendem Kopf, als weile er näher bei den Toten als bei den Lebenden. Durchquerte man an einem dieser sommerlichen Tage den Finstergang, was Mutter und mir manches Mal einfiel, um den Nachhauseweg abzukürzen, konnte es geschehen, dass wir ihn zu Gesicht bekamen. Mutter grüßte den Einsamen stets mit lauter Stimme; denn der vor ewigen Zeiten weiß getünchte Küchenstuhl stand kaum zehn Meter vom Finstergang entfernt. Hagen hob jedes Mal seinen Kopf und erwiderte unseren Gruß, den wir fast synchron zu ihm hinüberschickten. Schlenderte ich nach der Schule jedoch alleine oder mit meiner Freundin durch den Finstergang, ließ er meinen Gruß unerwidert und setzte eine derart schroffe Miene auf, als habe er Anspruch auf ein verbrieftes Wegerecht.
Gleichwohl spielten das geheimnisvolle Gehöft und der Finstergang zu jener Zeit, als ich heranwuchs, nur noch selten eine Hauptrolle in meinen Träumen, und mit vierzehn Jahren gab es einen Tag in meinem Leben, an dem ich mich als geheilt betrachtete – ganz von allein -, ohne dass jemand von meinen nächtlichen Qualen Kenntnis erlangt hätte.
Wer weiß, was man alles mit mir angestellt hätte, hätte ich diese Träume einem Psychologen anvertraut – damals hielt man noch viel von Elektroschocks; ich mag gar nicht daran denken.

Drei, vier Jahre früher freilich, genauer gesagt, jedes Mal, wenn ich mit meiner Mutter, die berufstätig war, im frühen Morgengrau auf dem Gehsteig an dem total verwilderten Vorgarten des Bauernhauses vorübereilte, konnte ich gewiss sein, dass mir der Finstergang‑Traum die Nacht zur Hölle machte.
Kaum dass ich gegen zehn Uhr abends eingeschlafen war, sah ich Mutter und mich auf dem Gehsteig, der an dem verwilderten Vorgarten vorbeiführte, dahineilen; jedoch bevor wir die gefährliche Stelle gänzlich passiert hatten, warf ich einen scheuen Blick in den Vorstadt-Dschungel und entdeckte Hagen, dessen Arme im selben Moment wie meterlange Tentakeln hervorschnellten und mich in das unwegsame Dickicht zerrten. Dort herrschte bodenlose Finsternis und die Luft war feucht und stickig wie in einem moderigen Sarg. Unter meinen Füßen tat sich ein Abgrund von unendlicher Tiefe auf, eine Art Totengruft, die mich mit Haut und Haaren verschlingen wollte, und ehe ich mich recht versah, reichte mir die Erde bis zur Hüfte. Eine unbeschreibliche Angst schnürte mir die Kehle zu, indes schreckte ich, bevor mir die Luft völlig wegblieb, jedes Mal schweißgebadet hoch und schwor Stein und Bein, nie mehr im Leben an diesem verhexten Vorgarten vorbeizulaufen und um keinen Preis der Welt mehr einen Fuß in den Finstergang zu setzen. Ich wollte fortan jeden Umweg in Kauf nehmen und einen riesigen Bogen um das Anwesen schlagen, selbst wenn ich deshalb zu spät in den Unterricht käme.

Fatalerweise korrespondierte unsere erste Unterrichtsstunde allzu häufig mit Mutters Arbeitsbeginn, und sie bestand darauf, dass ich sie bis zum „Grevenshof“, wie das düstere kleine Anwesen genannt wurde, begleitete; denn unsere Schule befand sich nur wenige Meter vom Ende des Finstergangs entfernt, und vom Physiksaal, der im zweiten Stock lag, konnte man gar einen Blick in die „Dunkelkammer“ werfen, auf den schwarzen Schotter und den Grund jeder einzelnen Kuhle, die bei Regenschauern überliefen und den Gespensterpfad nahezu unpassierbar machten. Selbst akrobatisch Veranlagte gelangten nach Wolkengüssen nicht ungeschoren ans Tageslicht und mussten - von Kopf bis Fuß mit Schlammflecken übersät - ihren Weg fortsetzen.

In sentimentalen Stunden, wenn ich Rückschau auf jene Zeit halte, kommt es mir bisweilen vor, als seien diese grauenvollen Albträume nichts weiter als Zeichen gewesen, Zeichen in einem Dickicht, aus dem ich mich nicht aus eigener Kraft befreien konnte, Vorboten gleich -, beileibe nicht im positiven Sinne wie etwa das Knospen von Tulpen und Narzissen, die den Frühling ankünden, eher wie Warnschüsse, grobe Winke mit Zaunpfählen.

Mir war nicht bewusst, wie lange ich schon regungslos im Wagen vor dem Steuer saß; ich hatte nicht nur die Zeit völlig vergessen, sondern auch den dringlichen Grund meiner Reise ins heimatliche Weidenbach. Es lag durchaus im Bereich des Möglichen, dass ich eine geschlagene Stunde verträumt hatte. Meine Knie zitterten immer noch leicht, als ich mit gemischten Gefühlen Richtung Tatort stakste. Ich hob das Trassierband an, um hinüber ins Reich der Kriminalen und des vermutlichen Tatorts zu gelangen, als einer der Polizeibeamten angerannt kam und mich anblaffte: „Was fällt Ihnen denn ein, Sie können hier doch nicht so einfach ...“ –
„Merane, Kripo Hellerburg“, sagte ich knapp und zeigte ihm meinen Dienstausweis.

Er schluckte, riss jedoch prompt das Absperrband in die Höhe, so dass ich bequem hindurchgehen konnte.

„Und mit wem habe ich die Ehre?“, erkundigte ich mich mit verhaltener Ironie; denn der dienstbeflissene Beamte hielt es offenbar nicht für nötig, sich vorzustellen. ‑
„Jensen, Polizeimeister Jensen, Revier Wasserburg“, kam es wie aus der Pistole geschossen. Ich bringe Sie zum Chef. Die Kollegen von der Kriminaltechnik und vom Erkennungsdienst sind bereits seit zwei Stunden am Tatort.“

Er warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu, den ich beflissentlich ignorierte. Ich pfiff meine fünf Sinne bei Fuß und konzentrierte mich auf den Finstergang, der wie in vergangenen Zeiten dunkel und öde zwischen den alten Pappeln lag, die ihn nach wie vor hundebrav eskortierten. Einen Moment lang war mir zumute, als risse mir jemand den Boden unter den Füßen fort, und nur mit titanischer Willensanstrengung hielt ich mich auf den Beinen, fürwahr, ein schlechtes Zeichen. Erst kürzlich hatte ich in einem Wellnessbuch gelesen, dass man unbedingt auf seinen Körper hören müsse, wenn man Erkrankungen verhindern wolle, andererseits wollte ich Stefan nicht noch tiefer in die Bredouille reiten, er war mit Fällen hoffnungslos überlastet, und nicht zuletzt war dies der erste Mordfall, den ich eigenverantwortlich leiten durfte. Es wäre nicht nur unklug, sondern mehr als peinlich, würde ich gleich zu Beginn des Handtuch werfen.

Ich bog vom Finstergang in die von Löwenzahn überwucherte Auffahrt des Apfelgartens ein. Die zur Genüge erwähnten, erbärmlichen Pappeln und eine gleichermaßen hoch wie wild aufgeschossene Weißdornhecke, die hinter einem Graben wuchs, der neben dem Schotterweg sein undefinierbares Wasser führte, schirmte den Apfelgarten fast vollständig ab.
Die Sicherung des mutmaßlichen Tatorts war im vollen Gange. Drei Kriminaltechniker in weißen Schutzoveralls suchten im stellenweise hüfthohen Gras, das zwischen den verkrüppelten Apfelbäumen wucherte, nach Beweismaterial.

Mir stockte für einen Moment der Atem, als ich Marc entdeckte.
Fortsetzung folgt.

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Kommentare

13. Nov 2016

Danke, Axel, das tut gut;
zumal man ständig daran zweifelt,
was man schreit und "tut".
Da ist Krausen besser dran:
Die packt an -
oder etwa nicht?

LG Annelie

13. Nov 2016

Ich meinte natürlich: ... was man schreibt und .... nicht schreit - ich schreie nicht.
Krausen ist wirklich faul!

LG Annelie