Gefährlicher Sommer (22. Teil)

von Annelie Kelch
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Wohin wir uns wenden im Gewitter der Rosen,
ist die Nacht von Dornen erhellt, und der Donner
des Laubs, das so leise war in den Büschen,
folgt uns jetzt auf dem Fuß.
(Ingeborg Bachmann, „Im Gewitter der Rosen“)

Mit Hannes nach Lübeck

Der frühe Abend hatte derweil auf Sparflamme geschaltet und verströmte die letzte Glut unseres sommerlichen Ferientages.
Hannes wartete an der Bushaltestelle auf mich. Sein Kopf war mit einer hellblauen Schirm­mütze bedeckt. Offenbar hatte er sein widerspenstiges Haar straff aus dem Gesicht gekämmt, denn entgegen aller Gewohnheit fiel keine einzige Ponysträhne in seine Stirn. Getarnt mit einer riesigen Sonnenbrille, deren dunkelbraune Gläser in einer schwarzen Hornfassung steckten, hätte noch nicht einmal ich ihn erkannt.
Perfekte Maskierung, dachte ich und wollte ihn loben, aber Hannes zog, kaum dass er mich erblickt hatte, eine zerknitterte Packung „Peter Stuyvesant“ aus seiner Hosen­tasche und zündete sich eine Zigarette an. Als ihn mein vorwurfsvoller Blick traf, sagte er: „Wenn ich schon wie ein sizilianischer Mafiaboss herumlaufen muss, will ich wenigstens so tun, als sei ich tatsächlich einer.“
Er nahm einen tiefen Lungenzug, blies kaum Rauch aus, und warf sich mächtig in die Brust.
„Um es mit einem Mafioso aufnehmen zu können, müsstest du schon bedeutend fiesere Geschütze auf­fahren, ja, es müsste dir noch etwas sehr viel Dämlicheres einfallen, als zu rauchen und deine Gesundheit zu ruinieren“, sagte ich. „Aber falls du unbedingt an Lun­genkrebs sterben willst, bitte! Des Menschen Wille ist sein Himmelreich!“

Der Bus tauchte in der Ferne der kurvenreichen, einspurigen Dorfstraße auf. Unter dem Einfluss der nach wie vor flirrenden Hitze erweckte er den Anschein eines wutschnau­benden Monsters, einer prustende Fata Morgana in verdorrter Steppen­landschaft. Aus sämtlichen Löchern und Ritzen keuchend, schob sich die gelbe Frontpartie des Busses, einen Brechreiz auslösenden Benzindunst mit sich schleppend, trotz eindeutiger Verwei­gerungshaltung näher und näher an uns heran. Das Fahrzeug erweckte den Eindruck, als sei es längst dem Tode geweiht. Von Weitem, so dachte ich, macht der alte Bus gar den Eindruck, als warte er nur darauf, in seine vom ewigen Pendelverkehr er­müdeten Knochen zerlegt und auf den Autofriedhof geschafft zu werden. Zischend vor Wut und Widerborstigkeit stoppte er vor der Haltestelle neben dem verbrannten Grasstreifen seine Fahrt, um Hannes und mich, die einzigen Wartenden, in seinen fast leeren, höllenheißen Bauch zu schlingen.
Wir stiegen ein und setzten uns in die letzte Reihe. Vor uns lag die vertraute Landschaft: unendlich weit und flach, sich in grüne Felder und Wiesen verlierend. Es würde eine Weile dauern, bis die ersten Lübecker Häuserfassaden auftauchten. Uns blieb jede Menge Zeit. Hannes' Rücken musste als Schreibunterlage herhalten, weil ich wegen Muttis neuer ominöser Haarfarbe den Brief an Herrn Fuchs nicht in meinem Zimmer hatte schreiben können.
„Sehr geehrter Herr Fuchs“, schrieb ich auf Hannes' Rücken, „einige Dorfbewohner hier in Lachau haben keine ruhige Minute mehr, geschweige denn nächtens auch nur den geringsten Schlaf. Sie stellen sich unablässig dieselben Fragen: Wer hat Knud Knudsen ermordet? Wer hat die Katzen getötet? Wer hat Selma Gerlach überfallen? Wer wird der oder die Nächste sein? Bitte kommen Sie möglichst umgehend nach Lachau und nehmen Sie die Ermittlungen wieder auf.
Freundliche Grüße!
Zwei unruhige Menschen,
in Gedanken an
Knud Knudsen und Selma Gerlach!“
Ich gab Hannes den Brief, der ihn mehrmals las. Er starrte der­maßen lange auf das Papier, dass ich in Versuchung geriet ihn zu fragen, ob Deutsch tatsächlich seine Muttersprache sei; Zweitklässler hätten den Wortlaut des Briefes vermutlich bereits nach dem zweiten Durchgang verstan­den, dachte ich voller Ungeduld.
„Okay“, sagte Hannes endlich und sah mich dermaßen verstört an, als habe er meine Gedanken erraten. Ich blickte wie ertappt zur Seite.
„Du bist dir doch hoffentlich im Klaren darüber, Katja, dass ,das Füchslein' mit Leichtigkeit herausfinden kann, wer ihm diese Nachricht hat zukommen lassen; denn wie ich deine Großeltern einschätze, verwahren sie gewiss alle Briefe auf, die du ihnen je geschrieben hast.“
„Das ist gut möglich“, gab ich zur Antwort. „Ich schreibe ihnen mindestens sechsmal im Jahr: zu Weihnachten, zu Ostern, wenn Oma und Opa Geburtstag haben, und nach den Schulzeugnissen. Daraufhin erreicht mich nämlich postwendend ein sogenannter ,Lachauer Belohnungsbrief' mit mindestens dreißig Mark.“
„Egal, wie das Zeug­nis ausgefallen ist?“, fragte Hannes.
„So schlecht können meine Zensuren gar nicht ausfallen, dass Oma und Opa mir keinen einzigen Penny zukommen ließen“, lachte ich.
„Ach ja, und nach den Zeugnisbelohnungen und meinen Geburtstagen be­danke ich mich bei ihnen mit einem weiteren Brief.“
„Du hast es gut, Katja“, gab Hannes mit trauriger Stimme kund. „Meine Großeltern wohnen unheimlich weit weg, in Australien, in der Nähe von Rockhampton, auch ,Rinderhauptstadt' genannt.“
„Klasse“, sagte ich. „Dorthin würde ich auch gern mal reisen.“
„Mein Opa väterlicherseits und die Brüder meines Vaters, meine Onkel also, sind Viehzüchter und bauen Getreide an, allerbesten Weizen“, fuhr Hannes eifrig fort. „Wusstest du eigentlich, dass es in Argentinien um die fünfzig Millionen Rinder gibt? Meine Verwandten haben allein zirka zehntausend von diesen urigen Viechern. Bereits im Jahr 1280 soll es in Argentinien vierzig Millionen Rinder gegeben haben. Zuerst fingen Indianer und später Gauchos das Hornvieh ein. Die armen Tiere mussten das Blut für den Mörtel liefern, mit dem die Herrenhäuser gebaut wurden. ,Rosa' ist dort nämlich Traditionsfarbe.“
„In einem solchen Haus möchte ich aber nicht leben, Hannes“, sagte ich. „Dort spukt es gewiss.“
„Auch nicht mehr als im Lachauer Herrenhaus“, gab Hannes grinsend zur Antwort. „Außerdem gewöhnt man sich dran.“
„Kann ich mir kaum vorstellen. Weshalb baut man die Häuser nicht aus dem Holz des Mammutbaums? Das ist auch rötlich. Man nennt es sogar ,Redwood', glaube ich.“
„Viel zu teuer“, belehrte mich Hannes. „Das nimmt man nur für Dielen. Aber um nochmals auf den Brief zurückzukommen, Katja: Bevor ich ihn auf irgendeiner Polizeiwache abgebe, müssen wir erst noch in unsere Lübecker Wohnung und denselben in ein neutrales Schriftbild umwandeln. Ich schneide die Buchstaben aus und du klebst. Okay? Diesmal kann uns deine Mutter wenigstens nicht stören, und wenn du nicht wieder einen Lachanfall bekommst, geht es sicher ganz schnell.“
„Du hast doch selber gelacht“, sagte ich empört.
„Aber ich für meinen Teil weiß, wann ich damit aufhören muss“, brummte Hannes.
Allein über diese Bemerkung, die sich anhörte, als sei er wer weiß wie vernünftig

Mix aus pixabay- und privaten Bildern

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Kommentare

17. Nov 2017

"Wutschnaubendes Monster" - an irgendwas
Erinnert mich das -
Aber Dein Text macht richtig Spaß!

LG Axel

17. Nov 2017

Die Mafia hat - stärker denn je - 'nen Teil der Welt im festen Griff:
so mancher Wirt fühlt sich im eigenen Lokal wie auf 'nem Handelsschiff.

Liebe Grüße,
Annelie

17. Nov 2017

Du bist un-glaublich reich an Phantasie, die sich auch in deinen Collagen ausdrückt, liebe Annelie ... ob Edward Munch auch ohne den " Schrei" so bekannt geworden wäre?
Liebe Grüße - Marie

17. Nov 2017

Liebe Marie, danke für deinen Kommentar. Ja, ich glaube, dass Munch auch ohne den "Schrei" bekannt und berühmt geworden wäre, weil er ein unglaublich guter Maler war. Ich erinnere nur an den "Kuss", an seine "Madonna", "den Tanz am Ufer", Frau mit Mohnblumen", "Mädchen auf der Brücke", "Loslösung" und "Melancholie", um nur einige seiner Werke zu nennen. Ich mag fast alle; sie sind außergewöhnlich eindrucksvoll. "Der Schrei" ist fast ein Psychogramm. Man braucht sich nur ein Werk von Munch anzuschauen - und wenn man das lang genug praktiziert, fällt einem eine Geschichte dazu ein. Probier es doch mal, liebe Marie. Es kommt ganz gewiss etwas Gutes und Spezielles dabei heraus.

Liebe Abendgrüße,
Annelie

17. Nov 2017

Liebe Annelie,
ja leider ist das so mit der Mafia und sie wird sich gerade hier in Deutschland auf weiter ausbreiten, weil es hier schlichtweg egal ist, wenn man Immobilien kauft, woher das Geld kommt. In Italien z.B. muss erst bewiesen werden, dass das Geld sauber ist, d.h. die wollen entsprechende Quellenangaben.
Tja aber hierzulande ist es quasi ein Paradies für solche Leute. Egal ob Pizza-Service als Geldwaschanlage dient, der Imbiss um die Ecke, der keine Kundschaft hat oder irgendwelche exquisiten kleinen Läden, die keiner besucht.....etc......
LG, Sabrina

17. Nov 2017

Liebe Sabrina, die Zahl der Mafioso in Deutschland soll sich in neun Jahren vervierfacht haben. Wahrscheinlich jedoch ist diese Zahl ungleich höher. Hier können sich die Banden anscheinend austoben und sich ab und an auch mal gegenseitig umbringen. Es ist ein Skandal, dass diese primitiven Verbrecher so leichtes Spiel haben.

Liebe Grüße,
Annelie

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