Fortsetzung v. 14. Dez. 2016; Im Dickicht der Zeichen; Nora Meranes 1. Fall, ein Krimi

von Annelie Kelch
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„Nora?“
Ich richtete mich mühselig auf und drehte meinen Kopf in die Richtung, aus der die Stimme kam. Die ganze Bude drehte sich um mich. - 'Die ganze Bude' war ein Keller, stellte ich nach einer geraumen Weile fest – ein wunderschöner Keller mit einem Kreuzrippengewölbe, das mit aufwendigem Stuck dekoriert war. Die hohen, weiß getünchten Wände hatte ein talentierter Künstler mit originellen Rötelzeichnungen ausgeschmückt.
Ich konnte mich nicht erinnern, wie ich in dieses schummerige, luxuriöse Verließ geraten war. Mir war schwindelig, mein Mund fühlte sich trocken wie uralter Zwieback an, und meine Hände zitterten wie Efeublätter an einer Sprossenwand, über die eine Sturmböe geglitten war. Ich tastete mit beiden Händen, die an den Gelenken gefesselt waren, nach meiner Waffe; sie war verschwunden - mitsamt meinem nagelneuen Hüfttaschenholster.
Nach und nach stellte sich die Erinnerung ein; ich brachte die Bilder, die in meinem Kopf durcheinander purzelten, peu à peu in die richtige Reihenfolge: Marc und ich waren nach Hamburg gefahren, nachdem Marc mich unendlich lange geküsst hatte und mit mir in sein Appartement wollte, das ich bewohnen durfte, bis der Mord an Brenda aufgeklärt war. Ich hingegen, pflichtbewusst wie Friedrich der Große, hatte andere Pläne verfolgt. In Hamburg-Blankenese sollte angeblich Leanders Onkel leben, aber wie der hieß, wollte mir partout nicht einfallen: eine Insel im Mittelmeer schwirrte mir im Kopf 'rum: Elba? Malta? Korsika? - Koska! - Koska hieß der Typ, Ulf Koska? Nein, irgendwas kam noch vorneweg. 'Gangulf'? War das überhaupt ein richtiger Name. - Nein. 'Gangolf' hieß die korrekte Bezeichnung. Koskas Vorname lautete jeoch mitnichten 'Gangolf'. Dieser Name hätte sich mir eingeprägt wie das Jahr, in dem die Französische Revolution ausbrach: 1789, kinderleicht zu merken.
„Nora!“
Diesmal klang die Stimme forscher, so forsch, dass ein paar Männchen in meinem Kopf zu hämmern begannen.
„Marc?“, fragte ich schließlich mit schwacher Stimme.
„Hier, neben dem Weinregal, Schatz.“
„Du hast dir mal wieder den besten Platz ausgesucht.“
Ich riss meine Augen weit auf und sah mit einem Mal nur noch Schemen - als hingen Myriaden von Spinnennetzen vor meinen Augen.
„Ich kann dich nicht erkennen, Marc“, sagte ich. „Alles ist verschwommen.“
„Dann leg dich wieder hin, schlaf noch ein bisschen, sofern dir danach ist, aber bitte nicht zu lange, anderenfalls wirst du nach dem Aufwachen wirklich nichts mehr erkennen können, weil es dann draußen und hier drinnen stockdunkel sein wird. Meine LED-Leuchte steckt in der Innentasche meiner Lederjacke, und die hat sich Leander Koska unter den Nagel gerissen.“
„Ich muss zu 'Lassie' ins Krankenhaus“, sagte ich.
„Versuch es“, sagte Marc.
Ich wollte aufstehen und mühte mich ab, bis ich feststellen musste, dass nicht allein meine Hände, sondern auch meine Füße in Fesseln lagen.
„Ich bin gefesselt, Marc. An Händen u n d Füßen.“
„Du bist nicht die einzige in diesem Keller, die dieses Problem hat, Nora; nur der Typ, der dort an der Wand gegenüber herumliegt, braucht keine Fesseln mehr, der ist nämlich mausetot.“
„Leander, der Würger?“, fragte ich hoffnungsfroh.
„Nee“, sagte Marc. „Ich vermute, dass es Arnulf Koska ist, der Typ, der dir einen Schlag auf den Hinterkopf versetzt hat. Ich habe alles mitansehen müssen. Koska hatte mich bereits in den Keller geschleppt, nachdem ich einen Striptease hinlegen musste, weil der Kerl ganz scharf auf meine Kleidung war. Hast mal wieder geglaubt, ich sei der Böse gewesen?“
„Nicht wirklich“, sagte ich. „Aber es musste ja jemand anderer gewesen sein, weil Leander Koska während der Ausführung des Schlages direkt vor mir stand; es sei denn, du bist Dr. Jeckyll und der böse Mr. Hyde in einer Person.“
„Ich friere“, sagte Marc. „Liege hier in Boxershorts und weißem Hemd vom Turnvater Jahn.
Hier unten ist es kühler als in einem Eisfach.“
„Das ist gut“, sagte ich. „Dann riecht es wenigstens nicht so – wegen der Leiche von Arnulf. Weshalb hat Leander d e n umgebracht und nicht u n s ?“
„Wer weiß, was für ein gewiefter Plan im Kopf von Leander Koska, diesem feigen Hund, herumspukt. Möglicherweise will er seinem Onkel post mortem den Mord an Brenda in die Schuhe schieben. Vor Gericht plädiert er dann auf 'Notwehr', obwohl er Arnulf regelrecht abgeschlachtet hat – mit Jagdmesser und Eisenstange. Das war weiß Gott kein schöner Film, der vor wenigen Stunden vor meinen Augen ablief.“
„Mir ist entsetzlich übel“, sagte ich. „Aber ich kann wieder einigermaßen klar sehen.“
„Hallo, Nora, hier bin ich, schau mal nach links.“
Ich drehte meinen Kopf zur Seite und erblickte Marc - endlich. Er saß tatsächlich neben einem riesigen Weinregal, das fast bis an das Deckengewölbe reichte.
„Wie ist es Leander gelungen, dich zu fesseln? Du hasst es doch geradezu, dich nicht mehr bewegen zu können.“
„Arnulf musste ran“, sagte Marc. „Der böse Onkel hielt mich mit meiner eigenen Pistole in Schach, während Leander mich Ketten legte.“
„Aber das sind doch ganz gewöhnliche Kälberstricke, die du um deine Handgelenke und Knöchel trägst.“
„Nora“, stöhnte Marc. „Das weiß ich doch. Sag mir lieber, wie wir hier wieder rauskommen, mal ganz davon abgesehen, dass Arnulf Koska schon bald einen üblen Geruch ausströmen, sprich heftig müffeln wird.“
„Das dauert noch“, sagte ich. „Hier ist es kühl, wie du ganz richtig bemerkt hast.
So manche menschliche Leiche liegt oft wochenlang in ihrer ehemaligen Wohnung, und niemand will einen außergewöhnlichen Geruch wahrgenommen haben.“
„Das sind Ignoranten“, sagte Marc. „Die haben Angst, in irgendwas hineingezogen zu werden, nicht selten aus gutem bzw. schlechtem Grund.“
„Wo mag sich Leander jetzt wohl aufhalten?“
„Was hältst du vom Apfelgarten neben dem Finstergang?“, schlug Marc vor. „Möglicherweise sucht er den kleinen Leichnam, Brendas Kind, das eventuell sein Kind war und ist froh, dass wir ihm dabei nicht in die Quere kommen können.“
„Er hat mein Handy übersehen“, sagte ich.
„Dein Handy befindet sich noch in deiner Jackentasche, Nora?
Weshalb sagst du das nicht gleich?“
Marcs Stimme klang, als seien wir bereits gerettet.
„Weil ich es eben erst bemerkt habe?“, gab ich grimmig zur Antwort.
„Außerdem habe ich die Nummer vom Weidenbacher Revier nicht gespeichert.“
„Vom Hellerburger?“
„Die schon“, sagte ich.
„Drück drauf“, sagte Marc.
Ich setzte mich auf, legte das Handy zwischen meine Oberschenkel, drückte mit einem Fingerknöchel die Nummer ins Display und versuchte auf dieselbe Art und Weise eine Verbindung herzustellen. Es klappte auf Anhieb.
„Frank von Anger, Morddezernat Hellerburg?“
Ich beugte mich so tief wie

Dracula - in action

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Kommentare

17. Dez 2016

Die Spannung, sie bleibt. UnVERSehrt:
Drum bleibt der Krimi lesenswert!
(Nur Bertha Krause ist empört:
"Mit Pullen werfen! Unahört!")

LG Axel

17. Dez 2016

Ich weiß, wo Nora wohnt,
dort ein Besuch sich lohnt:
Sie schenkt mir sicher ein paar Flaschen Wein,
die pack ich schön für Bertha ein,
damit sie weiterliest, die KRAUSE
und guten Rotwein trinkt zu Hause.

LG Annelie

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