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Fortsetzung v. 14. Dez. 2016; Im Dickicht der Zeichen; Nora Meranes 1. Fall, ein Krimi - Page 2

Bild von Annelie Kelch
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nur möglich über das Phone und sagte mit zitternder Stimme: „Frank, ihr müsst sofort nach Hamburg ausrücken. Ich bin im Keller einer Blankeneser Villa eingesperrt, mit einem Toten. Man hat mich niedergeschlagen und gefesselt. Bitte kommt schnell – und bringt die 'SpuSi' (Spurensicherung) mit." Ich gab Frank noch die genaue Anschrift und den mutmaßlichen Namen des Eigentümers bekannt: Arnulf Koska.
„Bin schon unterwegs, Nora“, sagte Frank und beendete das Gespräch durch Tastendruck.
„Frank war dran. Sie fahren sofort los“, informierte ich Marc.
„Ausgerechnet der“, sagte Marc.
„Ich hätte nicht gedacht, dass du in dieser Situation auch noch wählerisch bist.“
„Frank Anger, dieser eingebildete Kerl, hat mir mal eine Freundin ausgespannt - kurz vor Weihnachten, auf einem Polizeiball.“
„Frank ist längst verheiratet und hat Kinder. Seine Frau ist Engländerin“, sagte ich.
„Das freut mich, dass das nicht gehalten hat mit meiner Verflossenen. Das war auch so ein Weib, das keinen vernünftigen Beruf gelernt und nichts anderes als Kerle im Kopf hatte“, sagte Marc verächtlich.
Ich wollte ihn gerade darauf hinweisen, dass auch ich, zumindest was das Geschlecht anbelangte, zu den „Weibern“ gehörte, als von der gegenüberliegenden Wand, neben der Arnulf Koska lag, ein Stöhnen an mein Ohr drang.
„Marc“, flüsterte ich. „Arnulf Koska lebt noch. Hoffentlich flippt der jetzt nicht aus.“
„Haben w i r ihn derart zugerichtet, dass ihm das Blut über den Schädel fließt“, fragte Marc.
„Nein“, sagte ich. „Aber weiß Koska das?“
Ich hörte, dass Koska sich bewegte; er stöhnte dabei vor Schmerzen; es hörte sich an, als habe man ihm unter unzureichender Narkose den Leib aufgeschnitten. Ich beobachtete, wie er sich mühsam aufrichtete und auf uns zugekrochen kam, langsamer als eine Schnecke.
Marc rutschte ein Stück nach vorne, rollte sich vor das Weinregal und zog mit gefesselten Händen eine Flasche heraus, ein paar andere folgten wie Dominosteine und kullerten mit Getöse über die graumelierten Steinfliesen. Einige zerbrachen bei diesem Manöver, und es dauerte keine drei Minuten, bis sich ein blumiger Obstgeruch ausgebreitet hatte.
„Der Wein riecht formidabel und ist nicht von schlechten Eltern, sprich Keltern“, sagte Marc. „Manche Weine riechen dumpf und unsauber.“
Ich fragte mich, wie er an Weinsorten denken konnte, während wir in Lebensgefahr schwebten.

Koska bewegte sich wie in Zeitlupe vorwärts. Er schien von dem Geklirre, das die herabfallenden Weinflaschen verursacht hatten, nicht das Geringste mitbekommen zu haben.
Arnulf Koska hatte Kurs auf mich genommen. An seinem rechten Daumen baumelte Marcs Dienstwaffe. Marc hob seine Arme und warf die Flasche. Sie verfehlte Koska nur knapp. Koska stieß ein irrwitziges Brüllen aus, als die Rotweinpulle neben seinem Kopf zerbrach; es hörte sich an wie der Schrei eines verletzten Monsters, das aussschließlich eines im Sinn hatte: Rache. - Aber weshalb? Wir hatten ihm nicht das Geringste getan, hatten ihm lediglich ein paar Fragen zu Leander und Brenda stellen wollen.
„Herr Koska“, sagte Marc. „Hören Sie mir gut zu. W i r , Nora Merane und ich, Marc Keppler, haben Ihnen diese grausamen Verletzungen nicht zugefügt. Das war einzig und allein Ihr Neffe Leander, der vermutlich Brenda Bohlau auf dem Gewissen hat.“
Koska reagierte nicht. Er kroch näher und näher auf mich zu. Marc hatte eine neue Weinflasche ergriffen und rollte sie in meine Richtung. Sie landete neben meinen Waden, und ich beugte mich so weit wie möglich hinab, um sie näher an mich ranzuholen. Es war das erste Mal, dass sich die Yoga-Übungen, die ich seit Jahren fast täglich praktizierte, als hilfreich erwiesen.

„Nimm die Pulle in beide Hände und schlag sie ihm über den Schädel, falls er dir zu nahe kommen sollte“, sagte Marc. „Es wird ihm nicht mehr gelingen, den Abzugshahn meiner Dienstwaffe zu ziehen; Koska ist mehr tot als lebendig.“
Arnulf Koska erzeugte einen Laut, der unbeschreiblich war, den niemand unter der Spalte „nachahmungsfähig“ gefunden hätte, sofern eine solche in irgendeiner mehrspaltigen Liste mit der Kopfzeile 'Makabre Laute' aufgeführt gewesen wäre. Der Laut, den er ausgestoßen hatte, hörte sich unmenschlich und dermaßen grauenhaft an, dass mir eiskalte Schauer über den Rücken rieselten. Über Koskas Gesicht lief aus einer klaffenden Kopfwunde das Blut in Strömen. Phänomenal, dass er die Richtung halten konnte. Er befand sich nur noch knappe vier Meter von mir entfernt, und ich nahm mir vor, dem großzügigen Architekten, der diesen Keller entworfen hatte, auf Knien zu danken, – falls ich lebend aus dieser Hölle herauskäme.
„Was hatte ich diesem Mann getan? Er kannte mich überhaupt nicht. Weshalb hatte er ausgerechnet m i c h ins Visier genommen und nicht Marc? Hatte Leander ihm Schauermärchen über mich erzählt? Hatte Leander ihm vorgelogen, ich sei Brenda und wolle mich für irgendetwas an ihm, Arnulf, rächen? Hat Arnulf Koska Brenda überhaupt gekannt?

Hier saß ich nun, im Kellergewölbe einer feudalen Villa in Blankenese – neben mir an der Wand, nur fünf, sechs Meter von mir entfernt, in Boxershorts und Turnhemd: Marc Keppler. Aber wer war Marc Keppler? Mr. Jeckyll oder gar der böse Mr. Hyde? Waren Marc Keppler und Leander Koska ein und dieselbe Person?, lebte Leander überhaupt noch, wandelte Keppler auf seinen Spuren, oder hatte sich Leander in Marc verwandelt? Sollte ich irgendeiner gemeinen Intrige zum Opfer fallen? Aber weshalb, zum Teufel? -

Und nicht zuletzt Arnulf Koska, Dracula höchstpersönlich – ungehindert auf mich zukrauchend, den Triumph der Rache in den farblosen toten Augen, blutüberströmt, und mit ein wenig Fantasie konnte man links und rechts die Vampirzähne knirschen hören.
Koska hielt plötzlich den Revolver in seiner Hand und zielte damit auf meinen Oberkörper.
Ich schrie mir fast die Lunge aus dem Hals und ließ mich seitwärts fallen. - Ein klirrendes Geräusch, ein letzter röchelnder Seufzer wie aus einem Horrorr-Film, ein dumpfer Knall: Koska war mit seiner Stirn auf die Steinfliesen geknallt, nachdem ihn Marcs Flasche getroffen hatte.

Marc stand plötzlich neben mir. Von seinen Handgelenken tropfte Blut; er hatte sich verletzt, während er mit einer Glasscherbe die Fesseln aufgetrennt hatte. Marc zog sein Hemd aus, zerriss es in Streifen und verband die Wunden.
„Nora, ich muss dir etwas ganz Wichtiges sagen, bevor ich deine Fesseln löse“, sagte Marc. „Dann kannst du wenigstens nachdenken, bevor du fortläufst und mich im Grund und Boden verdammst.“
Bevor ich antworten konnte, sprang die Kellertür auf und Frank stürmte mit gezückter Waffe und seinen Leuten die kalte Grotte.
„Bist du okay, Nora?“
„Ja“, sagte ich.
„Keppler ist auch hier? - Halbnackt?
„Wonach sieht es denn wohl aus, von Anger!“, sagte Mark und klapperte mit den Zähnen.
„Und wer ist der Kerl mit dem halb zerfetzten Schädel?“
„Soweit ich unterrichtet bin, handelt es sich bei dem Toten um Arnulf Koska, dem Onkel von Leander Koska, der Nora fast erwürgt hätte.“
Marc nahm mir die Fesseln ab, und ich rieb mir die Hand- und Fußgelenke, um den Blutstau aufzulösen.

„Wisst ihr inzwischen, wie es Stefan geht“, wandte ich mich an Frank, der sich im Keller umsah.
„Besser, Nora. Ich saß an seinem Bett, als du angerufen hast und soll dich von ihm grüßen. Wo hält sich dieser Leander zur Zeit auf?“
„Vermutlich in Weidenbach“, sagte ich. „Er scheint im Apfelgarten neben dem Finstergang irgendetwas zu suchen. Ich werde morgen früh beantragen, dass das Gelände mit Leichenspürhunden abgesucht wird."

Fortsetzung am kommenden Mittwoch, den 21. Dezember 2016 - Winteranfang / Wintersonnenwende

Dracula - in action

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Interne Verweise

Kommentare

17. Dez 2016

Die Spannung, sie bleibt. UnVERSehrt:
Drum bleibt der Krimi lesenswert!
(Nur Bertha Krause ist empört:
"Mit Pullen werfen! Unahört!")

LG Axel

17. Dez 2016

Ich weiß, wo Nora wohnt,
dort ein Besuch sich lohnt:
Sie schenkt mir sicher ein paar Flaschen Wein,
die pack ich schön für Bertha ein,
damit sie weiterliest, die KRAUSE
und guten Rotwein trinkt zu Hause.

LG Annelie

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