Gefährlicher Sommer (Teil 13) - Page 3

von Annelie Kelch
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zur Kenntnis nahm.
„Nein, leider nicht, Katja. Es wäre aufgefallen,“ sagte er. „ Aber würden sich Ihre Hoheit mit dieser doch sehr ergiebigen Nach­richt bitte zufrieden geben?“

Wir gingen in den Park zurück und suchten Konny und Kora, die die letzten Stachelbeeren von den Sträuchern aßen. Konny sah traurig aus. Er murmelte irgendwas von blöden Geheimnissen.
„Lasst uns Federball spielen“, schlug Kora vor, aber Hannes und Konny wollten unbedingt zum Erd­beerpflücken ins Nachbardorf. Als ob es auf Lachau keine Erdbeeren in Hülle und Fülle gebe!
Kora und ich spielten eine Weile Federball auf dem Rasen neben den Fenstern im Saal, und jedes Mal, wenn sich einer der Bälle verirrte und an eine der hohen Scheiben schlug, tauchte Oma dahinter auf und schüttelte missbilligend ihr weises Haupt, darauf eine perfekte Hochfrisur thronte, über die sie ein feines Haarnetz geschlungen hatte.
Uns verging die Lust am Federballspiel genauso schnell wie sie gekommen war. Ohne Hannes und Konny brachte es nur halb so viel Spaß, von deiner Abwe­senheit mal ganz zu schweigen, liebe Christine. Du ahnst nicht, wie sehr du mir fehlst.
Lenis erbarmte sich unser, zückte großherzig ihre Geldbörse, förder­te aus deren unergründlicher Tiefe fünf Mark ans Morgenlicht und stellte trocken fest: „Das dürfte ausreichen, euch bei Laune zu halten, Mädels. Und kein Wort zu Anita! Sonst heißt es wieder, ich wolle mich bei euch beliebt machen und sie ins Abseits drängen.“
„Ehrenwort“, versprach Kora.
Wir knuddelten Leni eine Weile, was sie sich gerne gefallen ließ, und verzogen uns dann unauffällig zum einzigen Dorfladen, der allerdings sechs verschiedene Eissorten auf Lager hatte. Kora kaufte sich noch eine Wundertüte, nachdem sie sämtliche Tüten angetatscht und halb zerquetscht hatte, um herauszufinden, in welcher ein Ring steckte.
Unser Eis verdrückten wir in der Scheune, wohin Oma sich ge­wiss nicht verirren würde – allein schon wegen der vielen Mäuse.
Kora und ich vertrödelten den ganzen Vor­mittag, liebe Christine, als seien wir unfähig, ohne Konny und Hannes etwas Handfestes auf die Beine zu stellen. Ich war unzufrieden wie selten. Das wäre ich ganz gewiss nicht gewesen, wenn ich gewusst hätte, was uns in den nächsten Tagen blühen würde.
Wir kamen einfach nicht in die Gänge, Kora und ich. Der Tag schien vor Langeweile zu seufzen, während er sich durch die Stunden schlich. Kurz vor dem Mit­tagessen kamen Hannes und Konny zurück. Sie sahen aus wie kleine Erdbeerferkel. Solche Flecken gehen doch nie mehr raus. Mutti hätte mich gelyncht.
Ich wusste nicht, was ich da­von halten sollte, als Hannes laut­hals verkündete, dass er mit uns am Nach­mittag wieder zum Kiesteich fahren wolle.
„Aber wir hatten doch abgemacht ...“, begann ich ärgerlich. Hannes sah mich an und fuhr sich mit dem Zeigefinger senkrecht über die Lippen, als wische er irgendein kleines Tier fort. Ich sollte wohl meine Klappe halten.
***
„Kora!, Konny!“ – Eine dunkelhaarige Frau mitt­leren Alters kam auf die Veranda zu, vor der wir uns alle ver­sammelt hatten. Sie war sehr schlank und trug ein weißes Sommerkleid aus Leinen.
„Hallo, Tante Selma!“, begrüsste Hannes Kora und Konnys Mutter und sah sie vorwurfsvoll an.
„Du hast mich vergessen.“
„Natürlich nicht, Hannes“, sagte die Frau und lächel­te ihn freund­lich an. Aber im Moment brauche ich nur die Hilfe von Konny und Kora. Wir haben eine Fuhre Brenn­holz be­kommen. Es müsste im Keller ordentlich aufgestapelt werden.
„Im Keller?“, erkundigte sich Hannes. „Im Keller ist es doch viel zu feucht.“
„Wie kommst du denn da nur wieder drauf? Unser Keller ist trocken wie zehn Tage altes Brot“, lachte seine Tante.
„Hast du das noch gar nicht be­merkt, Hannes?“
„Ehrlich gesagt, nein. Aber ich war ja auch erst zweimal unten.“
Hannes zog ein bedeppertes Ge­sicht.
„Und weshalb darf ich nicht helfen?“, fragte er empört.
„Weil du heute Morgen schon fleißig genug warst.“
Sie wandte sich um schaute mir geradewegs in die Augen.
Mir fiel auf, dass sie ihrem Bruder, Hannes' Vater, sehr ähnlich sah.
„Du bist Katja, nicht wahr?“
Ich lächelte sie an und bestätigte ihre Vermutung.
„Weil mich hier niemand vorstellt, mache ich es eben selber. Ich bin die Mutter von Kora und Konny. Axel Kröger, der neue Gutsinspektor auf Hof Lachau, ist mein Bruder. Er hat mir schon viel von dir erzählt.“
„Tatsächlich? Was denn?“, wollte ich fragen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Kröger irgendwas von mir erzählt haben sollte. Er war mir allerhöchstens sechsmal auf dem Hof begegnet, und ich hatte durchaus nicht das Bedürfnis, ihm über den Weg zu laufen.
Aber Krögers Schwester fuhr sogleich fort: „Mein Neffe Hannes hat heute Morgen sämtliche Teppiche über die Stangen im Garten verfrachtet und sie dermaßen grimmig ausgeklopft, dass selbst der feinste Staub sich buchstäblich aus demselben ge­macht hat." Konny grinste.
„Aber damit nicht genug: Er hat danach sogar noch alle Gardinen von den Fenstern genommen.“
Man sah Hannes an, dass er sich riesig über das Lob freute. Hausarbeit hätte ich ihm am wenigsten zugetraut. Er grinste selbstzufrieden, während Konnys Lächeln nach den letzten Worten seiner Mutter wie eingefroren schien.
„Und Konny hat fast ganz allein Lenis Kräuter- und Gemüsegarten gejätet und in Schuss gebracht“, stieß ich hastig hervor.
„Ich weiß, was ich an Konny habe, Katja“, lächelte Tante Selma.
„Dann hast du sicher nichts dagegen, wenn ich mit Katja bis zum Mittagessen ein wenig über die Felder spaziere. Vielleicht erfahre ich dabei Näheres über eine gewisse Kameliendame.“ Hannes lachte ein wenig spöttisch und sah seine Tante fragend an. Ich zuckte zusammen. Woher wusste Hannes, welches Buch ich gerade las? Vermutlich hatte der dreiste Kerl wieder in meinem Zimmer herumgeschnüffelt.
„Geht nur, ihr zwei. Aber seid rechtzeitig zum Essen zurück. Katjas Oma mag es nämlich gar nicht, wenn man unpünktlich ist“, warnte uns Hannes' Tante.
Wie wahr, dachte ich.
Hannes nahm meinen Arm und entführte mich zu den Kuhställen, hinter denen ein paar Wiesen lagen, flaches, fruchtbares Land, an manchen Stellen ein wenig sumpfig.
Die Ställe waren leer. Heiner hatte die Tiere schon vor Sonnen­aufgang ins Freie getrieben.
„Unsere Kühe verwandeln das Gras in hochwertiges Protein“, erklärte der Sprößling des neuen Gutsinspektors. „Die Tiere brauchen die Wie­sen und Weiden zum Herumwandern und Grasen, damit sie gesund blei­ben. Alles ande­re wäre Tier­quälerei, Tierfabriken und so, für mehr und

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Kommentare

19. Aug 2017

Die Welt, die sich aus Worten nährt -
Verdient fürwahr ein "lesenswert"!

LG Axel

19. Aug 2017

Dank, Axel, dir für deinen Kommentar,
der wieder mal sehr geistreich war.
Aus Worten eine neue Welt zu schaffen,
gelingt nicht, wenn man sich benimmt
wie die drei Affen.

LG Annelie

20. Aug 2017

Habe es wieder gerne gelesen, Annelie, kann aber das Zitat von Alexandre Dumas nicht mit dem Inhalt des Romanausschnittes in Einklang bringen ...

Liebe Grüße - Marie

20. Aug 2017

Liebe Marie, herzlichen Dank für deinen Kommentar und dass du die Fortsetzung gelesen hast. Die "Zitate" sind nicht unbedingt zum Inhalt passend. Allerdings ist ein Mord auf Lachau geschehen. Niemand weiß, weshalb. Der Täter spukt noch im Forst umher. Ich wollte möglicherweise darauf hinweisen, dass er sich stellen und die Verantwortung für die Tat auf sich nehmen sollte, um wieder ein relativ "freier Mensch" zu sein. Beim Lesen der "Kameliendame" habe ich an den Täter gedacht.

Liebe Grüße,
Annelie

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