Gefährlicher Sommer (Teil 13) - Page 4

von Annelie Kelch
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noch schneller produzier­tes Fleisch.“
„Ist dein Vater dieser Meinung?“
„Unter anderem“, lächelte Hannes.
Ich sah ihn verwundert an. Er hatte bisher keineswegs den Eindruck auf mich gemacht, als interessierte er sich auch nur im Geringsten für landwirtschaftliche Fragen, liebe Christine. Er wolle Ingenieur werden, Brücken bauen in fernen, fremden Ländern, hatte er mir gestern, während unseres gruseligen Heimwegs durch den Lachauer Forst, verraten.
Wir bogen in einen der Feldwege, über denen die Hitze in Kaskaden brütete, und liefen durch das hohe Gras, das am Ackerrain spross, um keinen Staub auf­zuwirbeln.
„Hatten wir nicht gestern ausgemacht, dass wir ...“, begann ich.
„Hatten wir, Katja“, fiel mir Hannes ins Wort. „Aber ich habe einen besseren Plan. Der Hochsitz ist doch höchstens zwei Kilometer vom Kiesteich entfernt. Es ist viel einfacher und wesentlich ungefährlicher, wenn wir uns von dort aus hinschleichen, etappenweise, verstehst du?“
„Nein“, sagte ich.
„Katja!“, seufzte Hannes. Dann erzähl mir wenigstens etwas über diese Kameliendame.“
„Ich habe gerade erst mit diesem Buch begonnen“, fauchte ich empört und fühlte eine riesige Wut in mir hochsteigen. „Außer­dem weiß ich, dass du in meinem Zimmer gewesen bist und in meinen Brie­fen herumge­schnüffelt hast.“
„Klaro“, kicherte Hannes dreist – ohne die leiseste Spur eines schlechten Gewissens. „Ich wollte in Erfahrungen bringen, was dieser Harry für ein Kerl ist. Echt oder ein falscher Fuffziger.“
„Harry ist sechzehn und durchaus kein falscher Fuffziger.“
Ich kochte vor Wut über so viel Unverschämtheit.
„Du hast den Brief von Harry tatsächlich gelesen?“, stieß ich ungläubig hervor.
„Es geschah nur zu deinem Besten, Katja. Außerdem hast ja auch du eine Postkarte gelesen, die nicht für dich, sondern für meinen Vater bestimmt war“, fuhr der freche Kerl fort.
„Ja“, beeilte ich mich zu sagen, „aber nur, weil dein Vater zum Kreis der ...“
„Halt endlich deine Klappe, Katja, sonst kannst du was von mir erleben“, fiel Hannes mir aufgebracht ins Wort. „Mein Vater kann gar nicht zum Kreis der Verdächtigen gehören. Er hat zum Zeitpunkt des Mordes an Knut auf einem Gut bei Seesen gearbeitet, weit weg vom Schuss, im wahrsten Sinne des Wortes.“
Ich war wahnsinnig wütend, Christine, und gleich­zeitig froh, dass Harry mir keinen Liebesbrief nach Lachau geschickt hat. Er schrieb ganz allgemein. Zum Beispiel, dass das Wetter an seinem Urlaubsort spitzen­mäßig sei, dass er morgens und abends eine Stunde im Meer schwimme, dass die Mädchen dort wunderschön sind, dass er sich aber nichts sehnlicher auf Erden wünsche, als mir in der Algebrastunde gegenüber zu sitzen, dem Spiel der beiden kleinen Falten über meiner Nasenwurzel zuzu­sehen und mein Miene zu beobachten, die mit jeder unbekannten Größe, die Meischke in seiner Sauklaue auf die Tafel zu kritzeln pflegt, unruhiger und verzweifelter würde. Ich habe mir nach der Lektüre des Briefes vorgenommen, eine von Muttis exquisiten Fal­tencreme auszuprobieren.

„Scheint ganz in Ordnung zu sein, dein Freund“, riss Hannes mich aus meinen Gedanken, die mir für einen winzigen Augenblick einen glasklaren Blick in Harrys Gesicht gewährten.
„Ich will sofort zurück zum Herrenhaus, Hannes“, sagte ich und schüttelte unwillig seine Hand von meiner Schulter. „Und solltest du auch nur noch ein einziges Mal meine Kammer betreten, werde ich dafür sorgen, dass dein Vater und die Gnädigste es erfahren. Kapiert?“
„Ja, Katja“, erwiderte Hannes. „Lass uns nur noch schnell ein paar Feld­blumen für die gute Leni pflücken. Dann machen wir uns auf den Heimweg."
Hannes wird mir von Tag zu Tag rätselhaf­ter, Christine. Vielleicht gelingt es dir ja, hinter sein Ge­heimnis zu kommen, im nächsten Sommer, hier auf dem Gut. Ich rechne fest mit dir. Gib bitte auf dich Acht! Sollten mir nochmals Ferien ohne dich auf Lachau in Aussicht gestellt werden – von Tante Agnes oder wem auch immer – ich führe auf der Stelle nach Hause. Das hätte Leni nicht verdient.
***
„Für dich, Leni.“ – Hannes machte eine vollendete Verbeugung und überreichte Leni galant den bunten Feldblumen­strauß. Lenis Augen wurden feucht ange­sichts von Hahnenfuß, flammendem Klatschmohn, Margeriten, Kornblumen und Zittergras. Sie wischte mit ihrem bunten Schürzenzipfel die Tränen fort, die ihr vor lauter Freude über die Wangen kullerten. Nicht allein Leni, auch Hannes und ich wurden rot und ein wenig verlegen.
„Meine Güte, ihr Lieben, dass ich das noch erleben darf“, schniefte Leni, deren Verlobter, dem sie seit hundert Jahren die Treue hält, im Ersten Weltkrieg gefallen war.
„Ge­wöhn dich schon mal dran, Leni“, versuchte Hannes seine Rührung zu verbergen. „Von jetzt an schenke ich dir jede Woche einen Strauß – bis wir auf Hof Lachau keine einzige Blume mehr fin­den.“
Wir lachten alle drei, und Leni machte sich auf den Weg in ihre Gemächer, um den wunderschönen Strauß in die Vase zu stellen.
„Tja“, griente Hannes. „Sie hat sich wirklich gefreut, die gute Leni. Und womit kann man dich happy machen, Katja? Ich schätze mal, mit dem spannendsten Schmöker der Welt.“
„Falsch, Hannes“, sagte ich ge­lassen, „... ganz einfach damit, dass du deine Finger von meinen persönlichen Sachen lässt, ins­besondere von Briefen, die an mich gerichtet sind und dich nicht die Bohne etwas angehen.“
Mit diesen Worten drehte ich mich um, ging gemessenen Schrittes durch das Herrenzimmer und verschwand durch die Doppeltür, die in den Saal führt.
Oma hatte Koteletts gebraten. Es gab Kartoffeln und Karotten dazu und schmeckte hervorragend.
„Ich habe mindestens fünf Pfund zugenommen, seit wir hier sind“, beklagte sich Mutter Kleve, liebe Christine. „Ab heute bin ich auf Diät, egal, was du mir vor­setzt, Mama.“
Sie seufzte wie ein Mannequin, das nicht mehr auf den Laufsteg darf, weil es sich erlaubt hatte, zu Mittag zu speisen.
„Das kommt überhaupt nicht in Frage. Hier wird gegessen, was auf den Tisch kommt“, befahl Oma und fügte hinzu: „So wahr ich Anita Wilhelmine Caroline heiße.“ ‚Rundloch geborene Spundloch', ergänzte Mutti in Ge­danken. Ich sah es ihr an der Nasenspitze an.
„Lass man, Oma“, sagte ich. „Dein Essen schmeckt hervorragend. Ich kann gar nicht genug davon be­kommen.“
„Warte ab, bis du so alt bist wie ich. Dann wirst du an meine Worte den­ken“, gab Mutti mir mit einem Seitenblick auf Oma zu verstehen.
„Du willst doch wohl nicht etwa behaupten, dass ich zu dick bin? Meine eigene Tochter!“ Oma war empört.
„Ich gehe in die Laube“, sagte Opa hastig und stieß geräuschvoll seinen Stuhl zurück.
„Wir fahren zum Kiesteich“, rief ich schnell und folgte Opa zur Tür, um meine Bade­sachen zu holen. „Bis heute Abend! Streitet euch nicht! Schönen Nachmittag!“
Auf der Treppe begegnete mir Frau Brandner.
„Wirk­lich, Katja. Das war aber lieb von euch, unserer guten Leni eine Freude zu bereiten. Ich habe sie selten so glücklich gesehen.“
„Sie meinen den Feldblumenstrauß? Das war ganz allein Hannes' Idee, Frau Brandner“, erwiderte ich.
Sie stutzte einen Moment, als hätte ich einen guten Witz gerissen.
„Wenn du ihn nicht begleitet hättest, Katja, wäre ihm sicher nicht im Traum eingefal­len, Blumen für unsere Leni zu pflücken.“
„Wer weiß ... ich kenne Hannes ja erst seit ein paar Tagen“, räumte ich ein und fügte hinzu (das Thema war mir nicht ganz geheuer): „Wir fahren gleich zum Baden, Hannes, Konny, Kora und ich.“
„Das ist das Beste, was ihr bei diesem herrlichen Ferienwetter unternehmen könnt, Katja. Und wenn dir irgendetwas Verdächtiges im Forst auffällt, musst du mir heute Abend unbedingt Bericht erstatten“, flehte mich die Gnä­digste an. Sie meinte es bitterernst und sah mit einem Mal dermaßen unglücklich aus, dass ich sie unbedingt beruhigen wollte. Wahrscheinlich waren wir beide nicht frei von Ressentiments, wenn es um den Lachauer Forst ging.
„Darauf können Sie sich verlassen, Frau Brandner“, versprach ich mit ziemlich schlechtem Gewissen. Ich dachte an die unheimliche Begegnung mit dem Maskenmonster. Wenn die Gnädigste davon Wind bekäme, wäre es mit meinen Recherchen im „Mordfall Knut“ ein und für alle Mal vorbei.

Die Gnädigste verzog sich in die Küche, und im nächsten Moment hörte ich sie trällern. Irgendein Lied. Ich weiß den Titel leider nicht mehr, liebe Christine, noch nicht einmal der Refrain ist mir in Erinnerung geblieben; denn zur Zeit wan­dern meine Gedanken nahezu unablässig von Knut über Hannes zu Axel Krö­ger und wieder zurück. Aber sie singt ja fast immer, unsere Gnädigste, selbst wenn sie Leni ruft, das klingt dann wie „Leeeheeniiii!“ Und wenn Opa sie von der Laube aus über den Hof schreiten sieht, schwärmt er jedes Mal: ‚Sie läuft heute wieder mal wie ein junges Reh.' Oma wird dann nämlich immer wütend und eifersüchtig, worüber sich Opa zu freuen scheint. Macht das für dich irgendeinen Sinn, Christine? Ich finde es schlichtweg albern.

Die Clique wartete in Tante Selmas schmuckem Einfamilienhaus auf mich. Ich lief auf dem Graspfad um den Teich herum. Die Seerosen, die wie goldene Unterteller auf dem grünen Wasser lagen, waren zum Malen schön!
Kröger kam mir entgegen. Wahrscheinlich hatte er bei seiner Schwester Mittag gegessen. Leider war ich bereits an der großen Pforte, die in den Park führt, vorbei, anderenfalls wäre ich in das grüne Dickicht ausgewichen, um dem Herrn Gutsinspektor begegnen zu müssen.
Ich war nicht mit nach Lübeck gefahren – Schande.
Ich hatte seinen Pyjama zugenäht – große Schande.
Ich verdächtigte ihn des Mordes an Knut – Unverschämtheit und riesengroße Schande.

„Hallo Katja!“ Kröger blieb vor mir stehen und bremste mich ab. „Wollt ihr wieder zu den Kiesteichen?“ –
Wonach sieht es denn wohl aus, Herr Kröger?, hätte ich am liebsten gefragt, stattdessen beschränkte ich mich auf ein kurzes: „Hm!“
„Kommst du einigermaßen mit Hannes zurecht?“
„Sollte ich nicht?“, fragte ich.
„Ich meine nur; er ist manchmal etwas schwierig.“
Manchmal ist gut, dachte ich.
„Du bist heute nicht sehr gesprächig …?“
„Ich … mir ist … ich habe zu viel gegessen; meine Großmutter kocht so gut“, stammelte ich.
„Ja, das ist wahr. Anita ist eine fabelhafte Köchin. Sie hat mich ein paarmal zum Abendessen eingeladen.“
„Das freut mich für Sie, Herr Kröger“, brachte ich höflichkeitshalber zustande.
„Soll ich euch heute Abend vom Kiesteich abholen?“
Das fehlte noch, dachte ich.
„Nein danke“, sagte ich mit zittriger Stimme. „Hannes und ich wollen noch … wir fahren alle mit dem Rad.“
„Ich könnte den Jeep nehmen. Da passen auch die Räder rein.“
Ich stöhnte innerlich auf: Gibt es auf dem Gutshof nicht genug Arbeit? Was will dieser Mensch von mir?
„Wir fahren wirklich gerne mit dem Rad durch den Wald“, log ich ihm die Hucke voll. „Machen Sie sich bitte keine Umstände, Herr Kröger.“
„Also gut, Katja. Du kannst im Übrigen ‚Axel' zu mir sagen. Wie alle anderen auf dem Gut und hier im Dorf.“
Auch das noch! Womit hatte ich das verdient?
„Du hast ein Efeublatt aus der Laube deiner Großeltern im Haar. Darf ich es fortnehmen?“
Meine Fresse, dieser Mann hat Sorgen, fuhr mir durchs Hirn, doch ich sagte: „Tun Sie sich keinen Zwang an, Herr Kröger.“
„Axel ...“, sagte er. „‚Herr Kröger' hört sich schrecklich förmlich an.“
„Meinetwegen. Darf ich jetzt weitergehen? Die Clique wartet auf mich.“
„Damit meinst du Kora, Konny und Hannes …?“
Wen denn sonst? Ist der schwer von Begriff?
„Klar“, sagte ich. „Bis dann.“
„Bis später, Katja“, griente Kröger und gab endlich den Weg frei.

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Kommentare

19. Aug 2017

Die Welt, die sich aus Worten nährt -
Verdient fürwahr ein "lesenswert"!

LG Axel

19. Aug 2017

Dank, Axel, dir für deinen Kommentar,
der wieder mal sehr geistreich war.
Aus Worten eine neue Welt zu schaffen,
gelingt nicht, wenn man sich benimmt
wie die drei Affen.

LG Annelie

20. Aug 2017

Habe es wieder gerne gelesen, Annelie, kann aber das Zitat von Alexandre Dumas nicht mit dem Inhalt des Romanausschnittes in Einklang bringen ...

Liebe Grüße - Marie

20. Aug 2017

Liebe Marie, herzlichen Dank für deinen Kommentar und dass du die Fortsetzung gelesen hast. Die "Zitate" sind nicht unbedingt zum Inhalt passend. Allerdings ist ein Mord auf Lachau geschehen. Niemand weiß, weshalb. Der Täter spukt noch im Forst umher. Ich wollte möglicherweise darauf hinweisen, dass er sich stellen und die Verantwortung für die Tat auf sich nehmen sollte, um wieder ein relativ "freier Mensch" zu sein. Beim Lesen der "Kameliendame" habe ich an den Täter gedacht.

Liebe Grüße,
Annelie

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