Gefährlicher Sommer (Teil 13)

von Annelie Kelch
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Weshalb wollen wir strenger sein als Christus?
Weshalb stoßen wir, starrsinnig dem Urteil einer
Welt hörig, die lärmt, um für stark zu gelten,
jene zurück, welche das Böse ihrer Vergangenheit
aus den Wunden ausscheiden, wie der Kranke
schlechtes Blut ausschwitzt, und nur auf die ihrer
Seele Linderung und Genesung bringende Freundeshand warten.
(Alexandre Dumas, Die Kameliendame)

Geheimnisse und Pläne

„Katja, wach auf. Es ist vorbei.“
Jemand klatschte mir Wasser ins Gesicht. – Hannes?
Ich saß auf dem Bootssteg und betrachtete verängstigt die sonnenge­bräunten Arme, die mich um­schlungen hielten. Sie waren dünn und sehnig.
‚Mittelgroß und schlank', schoss mir durch Kopf. Ich wollte aufsprin­gen und mich aus dem Staub machen, aber Hannes hielt mich fest. Mein Herz spielte mal wieder total verrückt. Das waren keine harmlosen Extraschläge mehr. Wenn das so weiterging, würde ich einen Kardiologen aufsuchen müssen.
„Du bist der Maskenmann, wer sonst!“, schrie ich aufgeregt.
„Nein, Katja. Du irrst dich“, sagte Hannes seelenruhig.
„Ich habe mit dem Horror nicht das Geringste zu tun. – Als wir aus Lübeck zurückkamen, erzählte mir dein Opa, dass du über die Dörfer fahren wolltest. Mit seinem guten Fernglas. Ich bin sofort in den Wald gerast. Dass du tatsächlich vorhattest, über die Dörfer zu fahren, konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Viel zu langweilig! Und ich hatte den Eindruck, dass deine Großeltern und Mutter Kleve auch ihre Zweifel daran hatten. Sie wirkten ziemlich beunruhigt.
Du hast Glück gehabt, dass ich dich noch rechtzeitig gefunden habe. Der maskierte Unhold hat dich über Bord geworfen und war dabei, deinen Kopf unter Wasser zu drücken. Ein Mordversuch, den ich bezeugen kann! Als er mich sah, ließ er dich sofort los, kraulte ans Ufer und rannte in den Wald. Ich hab dich aus dem See gefischt, ins Boot gelegt und bin zum Steg gepaddelt. Das m u s s t du mir glauben!“
Hannes sah mich mit bettelnden Augen und total zerknirschter Miene an.
„Ich glaube dir, Hannes. Danke“, beruhigte ich ihn. Was blieb mir ande­res übrig, Christine?
Als ich meine Arme betrachtete, kam blankes Entsetzen auf. Blutige Dornenkratzer und bucklige rote Stellen von zahllosen Mückenstichen zogen sich über die geschunde­ne, von Nesseln verbrannte Haut.
„Das heilt schnell ab, wirst sehen. In zwei, drei Wochen ist alles wieder glatt und braun“, tröstete mich Hannes und drückte einen Kuss auf einen besonders dicken Mückenstich, der ebenso gut von einer Baby-Hornisse hätte herrühren können. Ich hatte weder die Nerven noch die Kraft, mich über Hannes' mehr als offensichtliche Verwandlung zu wundern.
Meine Kleidung war pitschnass. Hannes musste sich umdrehen, während ich meine triefenden Shorts abstreifte und den mit Tannennadeln übersäten Pulli übern Kopf zog. Nachdem ich mich abgetrocknet hatte, schlüpfte ich in meinen Badeanzug und legte mich auf die Holzplanken.
Die schwelende Glut der tief stehende Abendsonne wärmte noch kolos­sal, und der alte Holzsteg, vollgesogen mit dem Feuer der Mittagssonne, hatte eine angenehme Temperatur. Es roch nach Schlick, Schilf und Entengrütze. Ein leises Geplätscher vom See her wirkte ausgesprochen beruhigend. Ich seufzte erleichtert.
Bevor ich die Augen schloss, warf ich einen letzten Blick auf den abendstillen See, dessen Wellen sich vom Hauch einer Brise gekräuselt hatten. Über dem Wasser, im rosigen Widerschein des Abendhimmels, schwebten kleine Dunstwolken, während das Land am anderen Ufer bereits im Schatten der Dämmerung lag. Ein Stück weit vom Ufer entfernt, fast mitten im See, wiegte sich ein alter Holzkahn in den Schlaf.
Auf meine nach Frieden schmachtende Seele fiel eine dunkle Wolke – von jener Art, die jäh die Blässe eines harmlosen Himmels trüben.
„Das Boot, Hannes? Wo ist eigentlich das Boot?“, rief ich aufgeregt und richtete mich auf.
„Mensch Katja, nun bleib mal locker. Wir lie­gen fast drin. Ich hab es unterm Steg vertäut“, gab Hannes genervt zur Antwort, warf mir einen sorgenvollen Blick zu und zupfte ein paar Tannennadeln aus meinem Haar.
Ich ließ erleichtert meinen Kopf sinken – als ob dieses verfluchte Boot noch irgendeine Bedeutung für mich gehabt hätte.
Zwanzig Sekunden später ließ Hannes verlauten: „Also mich wundert doch sehr, dass du nach allem nicht zu erschöpft bist, dir über diesen morschen Kahn Gedanken zu machen. Du scheinst unverwüstlich zu sein, Katja.“
Ich warf Hannes einen empörten Blick zu, worüber er sich köstlich amüsierte. Entrüstet starrte ich in den Himmel, der ganz vom Abendrot erfüllt war.
Hannes ist und bleibt ein „Blindgänger“, Christine, selbst dann, wenn er den Maskentyp durch sein plötzliches Erscheinen aufgescheucht und mich vorm Ertrinken gerettet hat.

„Was wolltest du eigentlich allein im Wald?“, quengelte mein Lebensretter.
„Ich wollte auf den Hochsitz, um mit Opas Fernglas all jenes zu entdec­ken, was Knut in seiner letzten Stunde vor Augen schwebte“, verriet ich ihm.
Ich hatte keinen Bock mehr auf Lügen. Dieser Waldausflug war ein einziges Trauma, von dem ich mich nicht so schnell wieder erholen würde.

„Knut?“, grübelte Hannes. „Das war doch der Vorgänger meines Vaters. „Und du glaubst tatsächlich, dass mein Vater in den Mordfall verwickelt ist?“
Ich starrte ihn erschrocken an. Jetzt, nachdem er meine rigorosen Gedanken ausgesprochen hatte, kam mir mein Verdacht mit einem Mal ungeheuerlich vor.

„Er steht jedenfalls auf Schnitzel“, beharrte ich stur. Hannes schüttelte verständnislos den Kopf.

„Leni steht auch auf Schnitzel“, sagte er. „Dein Opa übrigens auch, soviel ich weiß.“

„Du willst doch nicht etwa behaupten, dass mein Opa seinen besten Freund erschossen hat. Er hatte überhaupt kein Motiv, ganz im Gegenteil“, gab ich empört zur Antwort.

„Aber mein Vater ist kein Mörder, Katja! Wie kannst du nur so etwas glauben! Du ver­rennst dich da in was!“, stieß Hannes aufgeregt hervor.

„Mag sein, aber man muss alle Möglichkeiten in Betracht ziehen“, sagte ich stur.

„Aber mein Vater hat diesen Knut überhaupt nicht gekannt“, rief Hannes. Seine Stimme klang fast verbittert.
Ich erzählte ihm von der Quittung, die ich beim Hochsitz gefunden hatte und von dem Gespräch seines Vaters mit Leni in der Gutsküche.

„Das beweist gar nichts“, sagte Hannes. „In diesem Gasthaus verkehren viele Leute, wenn der Tag lang ist.“
Ich überlegte, ob ich die Postkarte erwähnen sollte, die jener unbekannte Sieghelm an seinen Vater geschrieben hatte.
„Kat­ja, du musst mir alles erzählen, was du über die Sache weißt“, drängelte Hannes, als habe er erraten, dass ich ihm Informationen

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Kommentare

19. Aug 2017

Die Welt, die sich aus Worten nährt -
Verdient fürwahr ein "lesenswert"!

LG Axel

19. Aug 2017

Dank, Axel, dir für deinen Kommentar,
der wieder mal sehr geistreich war.
Aus Worten eine neue Welt zu schaffen,
gelingt nicht, wenn man sich benimmt
wie die drei Affen.

LG Annelie

20. Aug 2017

Habe es wieder gerne gelesen, Annelie, kann aber das Zitat von Alexandre Dumas nicht mit dem Inhalt des Romanausschnittes in Einklang bringen ...

Liebe Grüße - Marie

20. Aug 2017

Liebe Marie, herzlichen Dank für deinen Kommentar und dass du die Fortsetzung gelesen hast. Die "Zitate" sind nicht unbedingt zum Inhalt passend. Allerdings ist ein Mord auf Lachau geschehen. Niemand weiß, weshalb. Der Täter spukt noch im Forst umher. Ich wollte möglicherweise darauf hinweisen, dass er sich stellen und die Verantwortung für die Tat auf sich nehmen sollte, um wieder ein relativ "freier Mensch" zu sein. Beim Lesen der "Kameliendame" habe ich an den Täter gedacht.

Liebe Grüße,
Annelie

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