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Jawlensky, mon amour

Bild von Annelie Kelch
Bibliothek

Mein erster Urlaub, der wirklich Sinn macht, dachte ich frohgelaunt, während ich beschwingten Schrittes dem Kloster zustrebte, in dessen Gewölben mein Malkurs stattfinden sollte.
All die Jahre zuvor war ich nach Sommerreisen extrem gebräunt an meine Arbeitsstelle zurückgekehrt, und hätte man mich damals mit einem Grillhähnchen verglichen, wäre dem bedauernswerten Vogel vornehme Blässe bescheinigt worden. Innerlich hingegen fühlte ich mich bei jeder Heimkehr leer und unzufrieden. Ich wollte diesen Zustand unbedingt beenden, aber dass bereits mein nächster Urlaub 'dran glauben musste', damit hatte ich nicht gerechnet. Während des Besuchs einer Gemäldeausstellung in unserem Heimatmuseum verliebte ich mich in die Werke expressionistischer Maler und beschloss auf dem Nachhauseweg, mein restliches Leben der Kunst zu widmen.

Unsere Malgruppe bestand aus zwei Herren, sechs Damen und einem weiblichen Teenager. Wir hatten uns im Klosterhof versammelt und harrten der Dinge, die uns glücklich machen sollten. Margarita stach mir sofort ins Auge. Sie war ein Bild von einer Frau, mit üppigem Haar, das im Licht des ermattenden Spätsommertages leuchtete, als sei das Abendrot darin untergegangen, und ihre goldbraunen Augen sprühten Funken wie das Hauptfeuer eines Leuchtturms. Der Kursleiter, ein Mann um die vierzig, begrüßte uns mit warmen Worten und stellte sich mit 'Alwin Meister' vor. Wir gaben unsere Namen preis, und nachdem Margarita an der Reihe gewesen war, kicherte Teenie Paula: „‘Der Meister und Margarita’, optimalo.“

„Sie haben 'Bulgakow' gelesen, Kindchen?“, zweifelte Hertha, eine resolute Dame mit barocken Formen.

„Angefangen“, sagte Paula, „abgemackertes Gedöns, dieser Schinken.“

Es war mehr als deutlich, dass Margaritas Anblick ‘dem Meister’ die Rede verschlug. Er konnte seine Augen kaum von ihr lassen, und ich rätselte die ganze Zeit herum, weshalb Jeff, ein gutaussehender junger Mann, sie keines Blickes würdigte.

„Wir wollen uns in diesem Seminar den prächtigen Farben unserer Landschaften zuwenden“, stammelte Meister. Sein Blick glitt zu Margarita hinüber, verfing sich in ihrem Haar und blieb darin hängen.
„Zu diesem Zweck hat uns die Städtische Galerie in München ein Gemälde des Künstlers Alexej von Jawlensky zur Verfügung gestellt“, fuhr Meister mit verklärter Miene fort. „Es trägt den Titel ‘Sommerabend in Murnau’. Wir werden Jawlenskys vortreffliches Kunstwerk in den Räumen dieses wunderschönen Klosters interpretieren, weil es draußen Schaden nehmen könnte.“
„Blaue Berge, grüne Täler, mittendrin zwei Tannen, klein“, trällerte Paula am nächsten Morgen, nachdem Alwin ‑ wir duzten uns alle nach mehreren nächtlichen Schoppen Rebensaft ‑ Jawlenskys Schöpfung auf eine Staffelei gehoben hatte. Paulas geringschätzige Bemerkungen wie ‘abgezopfter Rührschinken’ und ‘schlampenpampig hingeätzt’, gingen in den ‘Ahs’ und ‘Ohs’ der anderen unter.
„Nicht allein van Gogh hat den Maler inspiriert, sondern auch Matisse“, schwärmte Alwin. „Das zeigt uns der Verzicht auf räumliche Perspektive und die generöse Flächenaufteilung.“ Sein Blick glitt schwärmerisch über Margaritas atemberaubende Kurven.
„‘Verzicht’ nennt der das, ‘generös’, hah!“, motzte Paula. Auch meine Begeisterung für das hochgelobte Kunstwerk hielt sich in Grenzen, wenngleich die Farben durch kaum zu übertreffende Wärme und Leuchtkraft bestachen. Ich führte die Enttäuschung, die mich beim Anblick des berühmten Gemäldes ergriffen hatte, auf meinen noch ungeschulten Kunstverstand zurück; außerdem wusste ich nicht, was Jawlensky sonst noch in petto hielt und war zu jenem Zeitpunkt auch nicht sonderlich gespannt darauf.

Wir saßen im Refektorium. Die Vormittagssonne ergoss sich durch bodentiefe Fensterscheiben und fühlte uns und Jawlenskys Schöpfung mächtig auf den Zahn. Wir waren entsetzlich müde, und Aug in Aug mit einem ‘der besten Gemälde dieser Welt’, wie Alwin mehrfach betonte, fühlte ich mich in die Trotzphase eines Kleinkinds zurückversetzt, die Paula vermutlich noch nicht überwunden hatte. Während sie dem nächtlichen, von Alwin spendierten Klosterwein in des Klostergartens lauschiger Laube in einer Weise zugesprochen hatte, die uns glauben machte, sie saufe sich tagtäglich ins Koma, hatten zwei klitzekleine Gläser ausgereicht, mich lebensuntauglich zu machen. Ich war als Erste in meine Klosterzelle gewankt und wenige Stunden später, der Mond verharrte alleweil prall am Himmelszelt, mit rasendem Kopfweh aufgewacht.
Alwin bat uns, die Landschaften unserer Heimatorte im Stile Jawlenskys aufs Papier zu zaubern und beauftragte Hertha, das wertvolle Kunstwerk im Auge zu behalten, er habe Wichtiges zu erledigen. Ich beugte mich über das Eierschalenweiß meines Zeichenkartons, und als ich irgendwann wieder aufsah, waren nicht nur der Meister und Margarita, sondern auch Paula und Jawlenkys ‘Sommerabend’ verschwunden. Ich blickte zu Hertha hinüber, die mit Jeff schwadronierte, aber noch ehe ich begriff, was geschehen war, tauchte Alwin auf ‑ mit verwuscheltem Haarschopf und irrem Blick. Seine Hose war nachlässig am Bauchgewölbe verankert, die Schnalle seines Hüftriemens klapperte geräuschvoll über die Fliesen des Refektoriums.
Er deutete auf die leere Staffelei und brüllte: „Wo! ‑ Wo ist Jawlenskys ‘Sommerabend’?“ Seine Blicke erdolchten Hertha, deren verstörte Miene den Verdacht aufkommen ließ, sie wolle sich augenblicklich aufs Rad flechten.
„Ruf die Polizei, Alwin“, sagte Jeff. „Wir suchen derweil die Gegend ab.“
Hertha und ich rasten in den Park, bogen jeden Busch auseinander und fanden in der Tiefe eines Stachelbeerstrauchs einen Blechkasten mit Pornos. Ich winkte ab, als Hertha den Fund konfiszieren wollte. Wozu den Mönchen die Freude verderben.
Während der Zeugenvernehmung durch einen Kriminalbeamten erfuhren wir, dass der schöne Jeff ebenfalls getürmt war. Alwin brach unter der Last seines Gewissens in Tränen aus und gestand, dass Margarita ihn mit verheißungsvollen Worten zu einem Schäferstündchen in den Park gelockt habe. Just in dem Moment, als es am Schönsten gewesen sei, habe sie ihn von sich gestoßen und sei davongerannt. Der Kommissar konnte sich ein amüsiertes Grinsen nicht verkneifen.

Letzte Woche entdeckte ich in unserem Tageblatt die Konterfeis eines international gesuchten, auf Kunstraub spezialisierten Gaunertrios. Die Gesichter erinnerten mich lebhaft an Margarita, Jeff und Paula. Bundespolizisten hatten Andrej und Jekaterina Smirnow samt Tochter Natalia an der polnischen Grenze aufgegriffen. In ihrem Handgepäck befand sich der ‘Sommerabend in Murnau’ – ein echter Jawlensky.
Mir kann’s egal sein. Das farbenfrohe Gemälde hängt eh in meinem Appartement – neben all den anderen Jawlenskys. Einige sind von den Originalwerken kaum zu unterscheiden. Er lässt sich fantastisch abkupfern. Allerdings dauert es ein Weilchen, bis der Farbton stimmt. Jawlensky war ein Farbenfetischist par excellence; aber stellen Sie sich unsere Welt doch nur mal in Schwarzweiß vor. Mega ödig, oder?

veröffentlicht in "Kunterbunt"; Anthologie des Herbert Utz Verlages