Emmas Grab (Warnung: fieser Krimi) - Page 2

von Annelie Kelch
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mehr als einer Woche vor mich herschob.

Mutter grüßte Emma stets sehr höflich, und ich sah keinen Grund, es ihr nicht gleichzutun – mal ganz davon abgese­hen, dass ich mir anderenfalls eine Ohrfeige eingefangen hätte. Emma führe kein leichtes Leben, hatte Mutter irgendwann einmal erklärt. Einsam und verlassen lebe sie seit Jahrzehnten auf ihrem kleinen Bauernhof, der kaum genug zum Leben abwerfe, noch dazu in dieser unange­nehm düsteren Strohdachkate, die niemand freiwillig be­treten würde.
Es lag niemals in meiner Absicht, Emma auch nur das ge­ringste Leid zuzufügen. Ehrlich jetzt. - Genau genommen wollte ich Susan und Karen lediglich beweisen, wie fantas­tisch ich zielen konnte. Das allein war der Grund, weshalb ich diesen Unfug mitgemacht habe. Bitte glauben Sie mir!

Leider war Emma nicht schlau genug, ihren Mund zu halten. „Dat vertell ik allens jug Klassenliehrer. Dann fleigt ji von de Schol. Jug Öllern warden sik freun“, hatte sie im derben Platt getönt, nachdem etliche Steinchen in der Milch gelandet waren. - Wir haben ihre Ansage prompt verstanden, obwohl uns der niederdeutsche Dialekt kaum vertrauter war als etwa Swahili oder Montenegrinisch.

Überhaupt war alles nur ein dummer Zufall gewesen: Wir waren von der Großen Deichstraße in den einsamen Feld­weg gebogen, weil Susan zuviel Cola getrunken hatte und dringend Pipi musste. Sie wolle sich lieber von einer Wespe in den Hintern stechen lassen, anstatt sich auf eine dieser versifften Klobrillen im Bahnhof zu schwingen, hatte sie verächtlich geschnaubt.

Über der dörflichen Gegend lag an jenem Nachmittag ein himmlischer Friede, keineswegs vergleichbar mit dem Ge­dränge und ohrenbetäubendem Lärm in der Kaiserstraße, dem „Broadway“ von Donnerstedt, wo unsere kleinen Ge­heimnisse nicht länger geheim geblieben wären. Deshalb beschlossen wir, jenem verdammten Feldweg mit seinen verfluchten, dämlichen Schottersteinchen zu folgen, weil er darüber hinaus ohne Umschweife in die Nähe der Siedlung führte, wo Karen wohnte.

Emma tauchte urplötzlich zwischen den rotbraunen Kühen und Kälbern auf, furchte wenige Minuten später vor uns her und trieb das Staubgewölk in den Veitstanz. Sie war mit einem sperrigen Schulterholz beladen, an dessen Ketten zwei Blechkübel hingen, aus denen frisch gezapfte Kuhmilch schwappte.

Es war beileibe kein Kinderspiel gewesen, Emma aus ih­rem vorläufigen Versteck, einem eingetrockneten Graben neben der Friesenkoppel, der selbst bei Flut kein Wasser mehr führte, zur Villa zu transportieren - sie wog mindes­tens siebzig Kilo -, zumal Susan keine Möglichkeit sah, sich wie verabredet gegen Mitternacht aus dem schmucken Eigenheim ihrer Eltern zu schleichen, die ausgerechnet an jenem Abend nicht ins Bett fanden. Emmas Bestattung blieb deshalb an Karen und mir hängen. Schließlich konnten wir sie nicht einfach dort liegen lassen. Die Kühe hätten früher oder später das Blut gewittert, das aus Emmas dauergewellten weizenblonden Haaren zu strömen begann, als wir die Flucht antraten.

Jede von uns hat mehrmals zugeschlagen, aus Leibes­kräften - mit einem Zaunpfahl, der am Wegrand lag. Hätte dieses fiese Teil nicht unkontrolliert dort herumgelegen, wären wir jetzt vermutlich nach wie vor glücklich - glücklich und unbeschwert ...

Emmas Gestöhne, nachdem sie auf die Knie gesunken war, ging mir tierisch an die Nieren. Die jammervollen Klagelaute, die aus ihrem Mund drangen, spuken in schlaflosen Nächten, von denen es mehr als genug gibt, pausenlos in meinen Ohren herum, und ich befürchte, dass ich sie mein Lebtag nicht mehr loswerde.

An jenem Tag, als wir Emma zum Verhängnis wurden und sie uns kaum minder, kam es mir wie eine Ewigkeit vor, bis sie ein für alle Mal verstummte. Heute wünsche ich mir nichts sehnlicher, als dass sie wie früher imstande wäre, mit Mutter ein Schwätzchen zu halten.

Das Schulterholz haben wir später von den schweren Blechkannen befreit und in den Tränen versenkt, die der Elbgott während der Flut verströmt - in einen dieser gro­ßen, tiefen Priele. Susan und ich, von konsequenten Veganer-Eltern zum Verzicht auf Fleisch und tierische Pro­dukte erzogen, grauste zu unserer Schande weitaus mehr vor der fetten Milch, als vor unserer heimtückischen Mord­tat, und wir schüttelten uns vor Ekel, als wir beim Entleeren der randvollen Kannen ein paar Spritzer abbekamen. Karen hingegen hatte zuvor verstohlen - als schäme sie sich dafür -, ihre Hand in das weiße Nass getaucht und ihre vermutlich von der Aufregung ausgedörrten Lippen benetzt.
Nachdem wir die leeren Blechkannen in die Elbe ge­schleudert hatten, waren wir mit den Nerven am Ende. Karen weinte leise vor sich hin, bis Susan sie wütend an­schrie: „Wolltest du von der Schule fliegen oder was? Hör sofort mit dem Geflenne auf.“ - Ich war froh, dass sie meine zitternden Hände nicht sehen konnte, die ich tief in den Taschen meiner Jeans vergraben hatte.

Wir haben Emma hinterrücks ermordet; aber es war weiß Gott nicht unser Wille, dass die Rinder oder andere Rie­senviecher sie in Grund und Boden stampften oder gar auffraßen. Deshalb haben wir ihre Leiche vorab in den trockenen Graben transportiert, der fernab gelegen und für die Weidetiere aufgrund etlicher Zäune und Gatter uner­reichbar war.
Wir wollten Emma bei Anbruch der Nacht anständig be­graben, an einem ruhigen Ort, unter einem ehrwürdigen Baum. Die alte Kastanie vor der Villa schien mir wie ge­schaffen dafür.
Glücklicherweise kam mir die Idee mit der Schiebkarre, die der Maulwurf zwecks seiner wühlerischen Machenschaften im Geräteschuppen verwahrte. Damit haben wir Emma zur letzten Ruhe verholfen.

An Hausaufgaben war nicht zu denken. Ich konnte mich nicht die Bohne konzentrieren. Stattdessen setzte ich mich auf einen der Stühle vor dem Küchentisch und starrte auf die Zeitung vom vergangenen Tag, die aufgeschlagen auf der Resopalplatte lag. Mein Kopf verstand kein einziges Wort von dem, was meine Augen ihm erzählten.

Nach einer beklemmenden Weile riskierte ich einen Blick aus dem Fenster. Was sich mir dort unten darbot, trieb mir sämtliches Blut in die Wangen. Fassungslos und voller Entsetzen stellte ich fest, dass sich Mull doch tatsächlich an die prächtige, hochbetagte Kastanie herangemacht hatte. Ich glaubte, Emmas mohnrot geblümte Schürze durch das von Baumwurzeln zerklüftete Erdreich schim­mern zu sehen.
Mull war in seinem Element und durch nichts mehr zu bremsen. Er wühlte wie vom Wahnsinn getrieben das unschuldige Erdreich unter dem knorrigen Baumriesen auf und legte Emma in null Komma nichts Stück für Stück frei. Karen und ich hatten an die vier Stun­den gebraucht, um Emma würdevoll unter den Rasen zu brin­gen.

Wie hätte ich ahnen können, dass Mull noch nicht mal die mit Rosenbeeten veredelte Grünfläche im Vorgarten respek­tiert. - Maulwürfe sind unberechenbar und sowas von pietät­los!

Ulla,
Jugendstrafanstalt Teufelshagen

Dieser Krimi beruht auf einer wahren Begebenheit, die eher harmlos ist. Wir - drei, vier übermütige Mädchen im Teeniealter, haben der guten Emma auf dem Deich ein paar Steinchen in die Milch geworfen, das war alles. Emma hat sich ein bisschen aufgeregt und uns auf Plattdeutsch zur Raison gebracht. Es hätte sich aber durchaus so zugetragen haben können, wie ich es geschildert habe. Darüber hinaus habe ich alle Protagonisten, die Namen sind geändert, in mein Herz geschlossen - ohne Ausnahme, auch Mull und Emma. Mull und seine Frau habe ich als kleines Kind oft besucht und mit ihnen geplaudert. Später haben wir uns ein wenig entfremdet. Ich war nicht mehr das kleine niedliche Mädchen, sondern älter und etwas selbstbewusster geworden. Aber ich hatte Mull und seine Frau immer noch gern. Auch Emma - sie hat mir nie etwas zuleide getan - es war lediglich meine ausufernde Fantasie, die diesen Krimi schrieb. Wir hätten Emma niemals etwas zuleide tun können. Dazu waren wir alle viel zu lieb. Und da ich nicht davor zurückschrecke, mich selber als Leiche schriftlich darzustellen, habe ich mir gestattet, Emma, die eines natürlichen Todes gestorben ist, umbringen zu lassen, was sie nie verdient hätte. Sie möge mir verzeihen - ebenso wie Mull, den ich hier - nur für diese Geschichte - karikiert habe. Er und seine Frau sind längst gestorben - eines natürlichen Todes. Annelie

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Kommentare

25. Mai 2017

Danke, Angélique; ich freue mich, dass du die - ziemlich gemeine - Geschichte gelesen hast.

Schönen Feiertag wünsche ich dir und deinen Lieben,
Annelie

25. Mai 2017

Dein Perspektiv-Wechsel gefällt -
Ein starker Blick auf andre Welt!
(Krause meint: "Wassa un Milch! Janz klara Fall!
Mit BIER da jibt et NIE Krawall!")

LG Axel

25. Mai 2017

Dank, Axel, dir, für deinen Kommentar:
So war damals die Welt - wie ich sie sah.
Und ich vermisse alles oft so sehr,
obwohl: Das Leben war in dieser Zeit auch schwer.

LG Annelie

25. Mai 2017

Eine tolle Geschichte liebe Annelie, die schon den Weg in viele Herzen gefunden hat!
LG! Sigrid

25. Mai 2017

Danke, liebe Sigrid. Ich hatte geglaubt, mit dieser doch sehr grausamen Geschichte auf breite Ablehnung zu stoßen. Aber es sind leider auch schon ganz andere, noch grausamere Verbrechen geschehen, deren Anlass bedeutend nichtiger war als die Androhung, von der Schule zu fliegen (wie man sie z.B. in der 'Crime' liest oder auch im Fernsehen, Aktenzeichen XY, sehen kann).

Liebe Grüße und dir noch einen schönen Feiertag,
Annelie

25. Mai 2017

Eine spannende Kriminalgeschichte - aus der Sicht von vier Gören. So etwas behält man lebenslänglich in Erinnerung! Spannend - und hintergründig.
Liebe Grüße, Marie

25. Mai 2017

Danke, liebe Marie - und ich hatte schon geglaubt, dass du überhaupt keine Krimigeschichten liest - ganz einfach deshalb, weil du es abstoßend findest, dass man über solche grausamen Dinge auch noch schreibt. Ich hätte für diese Meinung durchaus Verständnis gehabt. - Und ich lese die Crime auch nur deshalb, weil ich wissen will, wovor ich mich hüten muss. Manchmal läuft man blauäuig in sein Verderben bzw. wird tief enttäuscht - wie die Journalistin Benita Alexander, die auf den angeblichen Professor Paolo Macciarini hereingefallen ist, der seinen Lebenslauf total "frisiert", andere, sehr fähige Ärzte hinters Licht geführt und künstliche Luftröhren verpflanzt hat, ohne die Patienten über das Risiko aufzuklären. Ein Hochstapler, wie es ihn selten in der Geschichte der Menschheit gegeben hat.

Liebe Grüße und auch dir noch einen schönen Feiertag,
Annelie

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