Ruhe sanft, geliebter Schatz

von Annelie Kelch
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„Von einer Pension im Tessin hat Frieda jahrelang geträumt: acht bis zwölf Gästezimmer, Frühstückseier von glücklichen Hühnern aus eigener Zucht, Ferien mit Familienanschluss ‑ du verstehst, Beate?“, sagte Leon und zwinkerte mir vertraulich zu. Ich blickte irritiert zur Seite, geradewegs in Friedas Gesicht, das tomatenrot angelaufen war. Ein beklemmendes Gefühl trübte die fröhliche Stimmung, die an jenem herrlichen Sommerabend von uns Besitz ergriffen hatte. Es war nicht das erste Mal, dass ich mich in Leons Gegenwart unwohl fühlte. Frieda hingegen war eine sympathische Frau, die Zimmer sauber und preiswert, und das Tessin wie geschaffen zum Wandern und Ausspannen. Davon abgesehen, sah ich mich ausschließlich als Friedas Gast; Leon kümmerte sich ohnehin nicht um den Hotelbetrieb, obwohl er als Sportlehrer Zeit genug dazu gehabt hätte, Frieda zur Hand zu gehen. An den Urlaubern zeigte er normalerweise kein Interesse, außer, sie waren jung und hübsch. Das hatte mir Frieda letztes Jahr anvertraut, aber ich war über Leons Schwäche längst im Bilde. Sobald sich ein attraktives Girlie unter den Feriengästen befand, wurde er gesellig, arrangierte Grillpartys, brillierte ‑ und blamierte sich zuweilen ‑ mit Halbwissen, schmutzigen Witzen und verfänglichem Charme.
Wir saßen an jenem unvergesslichen Abend auf der Terrasse und ließen unsere Blicke über den Garten schweifen. Ich lobte Friedas üppig blühende Rosensträuche und die Bio-Tomaten, mit denen sie ihr leckeres Frühstück garnierte.
„Wir haben neue Gäste, Leon“, unterbrach Frieda unser peinliches Schweigen. „Das Ehepaar Holm mit Tochter Viola ..."
„Wie alt?“, erkundigte sich Leon mit honigsüßer Stimme.
„Um die vierzig“, sagte Frieda.
„Ich wollte wissen, wie alt das Töchterchen ist, Dummerchen.“ Leons Stimme klang ekelhaft ironisch. Friedas Engelsgesicht erglühte erneut. Doch dann folgte eine Antwort, mit der weder Leon noch ich gerechnet hatten.
Die gutmütige, brave Frieda erklärte mit fester Stimme: „Entschieden zu jung für dich, Leon. Viola ist sechzehn; lass sie gefälligst in Ruhe.“
„Ausgerechnet du glaubst zu wissen, was gut für mich ist“, brauste Leon auf, sprang aus dem alten Strandkorb, seinem Lieblingsthron, und stapfte ins Haus. Frieda war den Tränen nahe.

Als ich am nächsten Abend von einer Wanderung zurückkehrte, war im Garten eine Grillparty im Gange. Ich wurde dazugebeten und setzte mich an den Tisch der Eheleute Holm. Leon war in seinem Element: Seine geschwollene Zunge schöpfte unentwegt aus dem Füllhorn der Liebenswürdigkeiten, dessen Süßholz nicht versiegen wollte. Nicht allein Viola, sondern auch deren Mutter wurden mit blumigen Komplimenten bedacht. Achim Holm machte gute Miene zum schleimigen Spiel; seine Frau hingegen erweckte den Eindruck, als fühle sie sich geschmeichelt, und Viola schmolz unter Leons Schlafzimmerblicken förmlich dahin. Frieda, die sich mit einem Gast unterhielt, warf ihrem agilen Gatten empörte Blicke zu, die es mir verbaten, mich über die Situation zu amüsieren ‑ Leon agierte derweil wie ein geiler Zuchthengst zwischen Grillrost und den Damen Holm. Unter Friedas versteinerter Miene geriet seine geckenhafte Vorstellung zur Tragödie.
Das Gesicht meiner Wirtin entspannte sich, als die Eheleute Holm mit den Worten aufbrachen, sie seien seit sechs Uhr früh auf den Beinen und rechtschaffen müde. Viola, die gern noch ein Weilchen geblieben wäre, folgte ihren Eltern widerstrebend ins Haus. Ich dankte dem Schöpfer, dass Frieda abgelenkt war, als Leon dem hübschen schlanken Mädchen beim Abschied zuzwinkerte, als teilten sie ein schlüpfriges Geheimnis.
Gegen drei Uhr erwachte ich durch wollüstiges Gejammer. Rollige Dorfkatzen, war mein erster Gedanke. Ich schaute aus dem geöffneten Fenster meines Gästezimmers und entdeckte Viola und Leon im Gras auf der Obstwiese. Die Situation war eindeutig: Der Gatte meiner Wirtin und deren jüngste Sommerfrischlerin waren eifrig damit beschäftigt, ihre taufrische Bekanntschaft erheblich zu vertiefen.
„Geht’s etwas leiser?“, fragte ich in in den Garten hinein. Viola kicherte, während Leon schnaubte wie ein wütender Stier vor dem Matador.

Am nächsten Morgen saßen zwei Kriminale im Frühstücksraum. Frieda war in Tränen aufgelöst, während Leons markante Handgelenke in Stahlfesseln lagen.
„Was ist passiert, Frieda?“, fragte ich entsetzt.
„Leon ... Viola ...“, stammelte sie, „erwürgt, das arme Kind, mit ihrem seidenen Schal.“
Ich wurde zum Sachverhalt vernommen und gab zu Protokoll, was ich gesehen und gehört hatte.
„Das war alles ganz anders“, protestierte Leon.
„Wohl kaum“, widersprach der vernehmende Beamte. „Die Aussage ihrer Urlauberin passt haargenau in unser Puzzle. Die Beweise gegen Sie sind erdrückend, Herr Kramp.“

Bei meiner Abreise saß Leon bereits in Untersuchungshaft. Frieda ertrug die heikle Situation mit bewundernswerter Fassung.
Ich hielt meinem Ferienort die Treue und durfte miterleben, wie Frieda mit den Jahren aufblühte, als habe Leon sie zeitlebens tyrannisiert. Leon Kramp, der das Gewaltverbrechen vehement bestritt, wurde wegen Mordes an Viola Holm zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. Er erlitt vier Jahre später beim Sport auf dem Gefängnishof einen Herzinfarkt. Ein Vollzugsbeamter fand unter der Matratze seiner Zellenpritsche ein Dokument, das keineswegs ein spätes Geständnis enthielt; Leon blieb dabei, dass er Viola Holm kein Haar gekrümmt habe; Jungfrau sei „die kleine Schlampe“ im Übrigen auch nicht mehr gewesen.
Im Jahr nach Leons Tod reiste ich erneut ins Tessin. Bei meiner Ankunft wollte ich Frieda begrüßen, konnte sie jedoch nirgendwo finden.
„Frau Kramp ist auf dem Dorffriedhof, wie jeden Mittwoch“, erklärte mir die Hausdame. Da ich ohnehin frische Luft schnappen wollte, beschloss ich, Frieda mit meiner Ankunft zu überraschen.

Der Kirchhof war überschaubar ‑ und menschenleer, außer Frieda, deren Blondschopf durch das Laub einer Trauerweide schimmerte. Ich näherte mich dem Grab, vor dem sie verharrte, und wollte mich bemerkbar machen, als ich unverhofft ihre Stimme vernahm. Die Worte, die sie hervorstieß, waren zweifelsfrei an den Toten gerichtet. Einer plötzlichen Eingebung folgend, duckte ich mich hinter einer mannshohe Ritterspornstaude.
„Halt ja die Klappe, Leon, du bist selber Schuld!“, motzte die gute Frieda Kramp. „Wenn du wüsstest, was für Nerven es mich gekostet hat, die dumme Göre zum Schweigen zu bringen; war ein verdammt kräftiges Luder, die kleine Holm. Um ein Haar wäre ich selbst dabei draufgegangen. Kam mir übrigens gerade recht, deine Eskapade. Billiger wäre ich dich nie und nimmer losgeworden.“
Sie griff nach ihrer Gießkanne und stapfte mit trotziger Miene davon. Als sie außer Sichtweite war, trat ich an das Grab. Auf einem schwarzgrauen, imposanten
Marmorstein stand in goldener Schrift: „Ruhe sanft, geliebter Schatz.“

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