Man hangelt sich. Wochenendgedanken einer Singlefrau

von marie mehrfeld
Mitglied

Freitags um neunzehn Uhr dreißig, endlich Feierabend. Draußen Regen, was sonst. Petra, total erschossen, verlässt mit hängenden Armen das Kaufhaus, die Rolltreppe rattert noch lange im Kopf weiter. Jetzt raff dich, gib der Müdigkeit nicht nach, zuhause kannst du ja abschalten. Denk’ an die Kollegin Bella, mit der du dir acht Stunden lang täglich an der Theke die Beine in den Bauch stehst, sie hat es schwerer als du, muss jetzt noch ihre Kinder abholen aus der Kita, meistens schreiend, auch genervt vom langen Tag, und dann in die Schlange beim Rewe an der Kasse, das Schubsen, die toten Blicke der anderen vom Tag Erschlagenen, das Schleppen der Einkaufstaschen, und dann noch ihr Mann zuhause, mach mal Abendessen, nachher will ich Fußball, haben wir genug Bier im Kühlschrank? Kinder trösten und ins Bett bringen und vorher die Hausaufgaben kontrollieren, sie kann nicht an sich denken. Sie geht zuletzt unter die Dusche spät abends, muss den Saustall vorher in Ordnung bringen, denn am nächsten Tag muss es flutschen. Und dann wieder raus um kurz nach sechs, Mutti, Frau, mach mal, und sie macht, alles auf Anfang. Kein Wunder, dass sie älter aussieht, als sie ist, denkt Petra mitfühlend. Wir reden zu Flautenzeiten oft darüber. Das tut Bella gut. Mit ihr tauschen möchte ich nicht. Werde jetzt stramm nach Hause marschieren, denkt Petra, ein Bad nehmen, ʼne Kleinigkeit essen, Spiegelei oder so, hatte ja mittags meine Kantinennudeln, dann die Achtuhrnachrichten, ein Schluck Wein und ab ins Bett. Kein Mann da, der versucht, mich zu rumzukommandieren, wie gut. Obwohl, so ganz alleine, manchmal frage ich mich, ob ich mit der immer müden Bella nicht tauschen würde, das ist immerhin Leben. Von meinen einsamen Wochenenden ganz zu schweigen. Erst zum Friseur, Graues nachblondieren, dann Großeinkauf fürs Wochenende und die nächste Woche. Ansonsten? Rückzug, Erholung! Mal im Internet rumzappen, in Partnerforen reinklicken, aber die Pleiten, die ich da erlebt habe, genügen mir. Ich brauche einen Mann zum Liebhaben, keinen nur für eine Nacht. Und schon gar keinen, der mich im Griff haben will. Fernsehen auf jeden Fall, mich aus meinem drögen Dasein raus katapultieren, lachen und weinen über Schicksale in kitschigen Serien, sich fürchten nach schlechten Nachrichten. Was noch am Wochenende? Pflichtanruf bei meinen Eltern, immer der gleiche höfliche unehrliche Fragenaustausch, man schont sich. Lange Telefonate sonntags morgens mit der besten Freundin sind oft das Beste von der Woche, wenn ich die nicht hätte. Bin wohl mit meinen fünfzig Jahren ein hoffnungsloser Fall. Dabei sage ich mir immer wieder, dir geht’s ja so gut in dieser reichen Gesellschaft, genug zu essen, warme Wohnung, kleines Auto, das allerdings die meiste Zeit vor der Türe steht, vierzehn Tag Sommerurlaub in der Türkei, immer im gleichen Club, da auch mal flirten und Party, obwohl, da kann man wohl jetzt auch nicht mehr hin. Bla bla, die ganze alte Leier, das hilft mir auch nicht weiter. Dabei werde ich unmerklich Stunde um Stunde ein wenig älter, so ist das und nicht anders. Habe auch eine mickrige Rente in Aussicht, obwohl ich immer voll geschafft habe. Wenn die Neunmalschlauen mir raten, du musst privat vorsorgen, kommt mir die Galle hoch, wovon denn? Immerhin, das Elternhäuschen auf dem Land, das erbe ich, kann ja dann reinziehen. Aber jetzt bitte nur nahe liegendes in Angriff nehmen, das lange heiße Bad mit Musik dazu, ich liebe die Achtzigerjahre Schlager, trällere fröhlich mit, I've played all my cards, and that's what you've done too, nothing more to say, no more ace to play. ABBA natürlich. Also alles in allem geht’s mir ja nicht schlecht. Aber auch nicht gut. Oder? Fehlt da nicht was ganz Entscheidendes? Aber was? Geht’s dir vielleicht ähnlich? Aufhören Petra, Bad wartet, dann Krimis bis in die Puppen, morgen kannst du ausschlafen. Und dann mit meiner Ingeborg quatschen, was das Zeug hält.

Buchempfehlung:

Interne Verweise

Kommentare

25. Sep 2019

Sicher wär da noch viel mehr -
Doch dies zu finden, fällt oft schwer ...
(Leider hat Krause das mit ABBA gelesen -
Die brüllt hier rum - schwingt gar den Besen ...)

LG Axel

26. Sep 2019

Zum Glück kann Frau Krause den Text nicht verstehen,
sie spricht ja kein Englisch, wie soll das auch gehen …

LG mit Dank zurück - Marie

26. Sep 2019

Der/ein ganz normaler Wahnsinn. Ob so oder so. Mir scheint, wir Frauen bleiben doch immer irgendwo auf der Strecke. Als Multitalent decken wir so viele Bereiche ab, dafür gibts dann noch weniger Geld fürs Arbeiten und daraus schließend eine mickrige Rente. Wer als Frau nicht kämpferisch veranlagt ist, hats da schwer …

Liebe Grüße
Soléa

26. Sep 2019

Danke, ja, die wirkliche Gleichberechtigung lässt auf sich warten, liebe Soléa. Ich beobachte in meinem Umfeld, dass jeden falls in der Altersklasse „over fifty“ manchmal immer noch das alte Rollenbild gilt, auch bei doppelt Berufstätigen.

Herzliche Grüße - Marie

26. Sep 2019

Dicht formulierter Einblick in das Leben einer ganz normalen berufstätigen Singlefrau; die Kollegin Bella müsste ihren Mann dringend umerziehen, aber wahrscheinlich ist er ein hoffnungsloser Fall. Sehr gerne gelesen, Marie.

Liebe Grüße D.R.

26. Sep 2019

Danke für Dein „gern gelesen“, Detmar. Es gibt sicher noch viele solche hoffnungslosen Fälle, aber bei den jüngeren Paaren hat sich doch schon viel getan.

LG zurück - Marie