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Ich werde leben

Bild von Susanna Ka
Bibliothek

Frei.
So leicht hatte sie sich lange nicht mehr gefühlt.
Völlig unbeschwert schwebte sie durch den Raum, drehte sich beschwingt nach links und nach rechts …
Fort war der unerträgliche Schmerz in ihrer Brust, das Ringen um jeden Atemzug, die eiserne Hand, die ihr Herz umklammert hielt. Fort war auch die Angst, die sie immer wieder mit ihren eiskalten Flügeln gestreift hatte …
Gerade wollte sie zu einem euphorischen Tanz ansetzen, da sah sie unter sich ihren eigenen Körper auf dem Operationstisch liegen.
„Kammerflimmern !!!“ rief der Oberarzt.
Kammerflimmern, das Schreckgespenst der vergangenen Tage.
Und der endlos langen Nächte, in denen sie Angst gehabt hatte, einzuschlafen – und war sie dann doch weggeduselt, hatte sie Angst gehabt, wieder aufzuwachen und sich der Bedrohung aufs Neue zu stellen.
Kammerflimmern – nun war es also soweit.
Und es war so einfach – erleichternd – ja, regelrecht beglückend.
Wovor hatte sie nur solche Angst gehabt?
Sie sah die Ärzte und Schwestern panisch um ihren Körper herumwuseln, spürte fast die Herzdruckmassage des Oberarztes, sah den Defibrillator, das Sauerstoffgerät…
"Ach, lasst mich doch in Ruhe, merkt ihr denn gar nicht, dass es mir gut geht?“

Es war wie Schwimmen.
Sie reckte sich nach oben, bewegte die Arme und verließ den Operationssaal.
Draußen war es dunkel. Hatten sie bis zum Abend operiert?
Oder war es ein anderes Dunkel, der berühmte Tunnel mit dem Licht am Ende.
Ja, da war ein Licht – ein kleines weißes – und es schwebte in die gleiche Richtung wie sie. Nach und nach sah sie mehr Lichter, die sich in diese Richtung bewegten. Ein Wispern umgab sie. Es schwoll an und wurde wieder leiser…
Dann schwebte sie durch ein Klangfeld.
„Stairway to Heaven…“
Sie stoppte ihren glücksduseligen Seelenflug.
Wo wollte sie denn eigentlich hin?
„Stairway to Heaven…“
War sie wirklich sicher?
Wollte sie einfach so verschwinden?
Aufgeben, nur wegen so eines bisschen Kammerflimmerns?
Sie dachte an ihre Familie, an ihren Mann, ihren Sohn und die hochschwangere Schwiegertochter. Sollte denn das Baby seine Großmutter nicht mehr kennenlernen?
So feige konnte sie doch nicht sein!
Es war doch von Vornherein klar gewesen, dass es eine schwierige Operation werden würde, dass mit Komplikationen zu rechnen sei und dass es letztlich auch auf ihren Kampfgeist ankäme.
Die Ärzte hatten diesen Eingriff lange und sorgfältig vorbereitet. Und auch sie war vorbereitet worden.
Viele Gespräche hatte es gegeben. Mit den Kardiologen und den Anästhesisten. Sogar der Hersteller des speziell für sie entwickelten Defibrillators hatte sie im Krankenhaus besucht.
Alle waren bemüht gewesen, ihr ein halbwegs normales Weiterleben zu ermöglichen.
Und sie - nein, sie war nicht fair.
Mitten auf der „Stairway to Heaven“ drehte sie sich um.
Noch hing sie an der Silberschnur – war mit ihrem Körper verbunden. Noch war alles möglich.

Der Schmerz, beim Wiedereintritt war unbeschreiblich.

Tik tik tik tik tik --- tik tik tik tik tik ---
Das Sauerstoffgerät.
Der Nasenbügel drückte wieder auf ihr Gesicht.
Willkommen im Leben.
Sie spürte auch wieder das Stechen des Venenzugangs in ihrem Arm und hörte das leise Gurgeln der Infusionsflüssigkeit.
Ja, sie war wieder da. Im blendenden Weiß ihres Krankenzimmers. Alles um sie herum war weiß. Die Decke, an die sie schon so oft gestarrt hatte, die Wände, kahl und ohne Bilder, die Vorhänge, die Möbel, das Bettzeug, ja selbst das Krankenhaushemd an ihrem Körper.
Und – das wusste sie genau – aus all diesem Weiß heraus leuchtete - strahlend gelb wie eine Sonne – ihr Urinbeutel.
Natürlich hatte man sie auch wieder verkabelt.
Im Laufe der Krankheit war sie so empfindlich geworden, dass sie den schwachen Unterdruck, den die Elektroden für das EKG erzeugten, im ganzen Körper spürte.
Der Stationsarzt hatte sie ausgelacht, sie als Sensibelchen bezeichnet.
Was wusste der schon …
Vorsichtig wandte sie den Kopf zum Monitor neben ihrem Bett. Normale Werte. Herzfrequenz, Blutdruck, alles im grünen Bereich. Die Kurve ihres EKGs zeigte den gewünschten Verlauf, regelmäßig unterbrochen von den senkrechten Linien des neuen Defibrillators.
Alles gut?
Erst jetzt merkte sie, dass innerhalb ihres Körpers wirklich alles gut zu sein schien.
Frieden.
Das Toben ihres Herzen war hatte aufgehört. Es musste scheinbar nicht mehr um jeden einzelnen Schlag kämpfen.
Die eiserne Klammer um ihre Brust war verschwunden. Sie atmete frei und ohne Beschwerden.
Versuchsweise zog sie die Luft tiefer in ihre Lungen. Es ging. Ob sie sich aufrichten konnte? Lieber nicht. Vielleicht platzte dann diese schöne Illusion.
Nein – nein – nein!
Sie wollte doch nicht mehr feige sein. Entschlossen taste sie nach dem Bedienungselement ihres elektronisch verstellbaren Krankenbettes. Als sich das Kopfteil aufrichtete, und sie merkte, dass ihr die sitzende Position angenehmer war, als die liegende, gab sie sich ein Versprechen:

ICH WERDE LEBEN

https://www.youtube.com/watch?v=9Q7Vr3yQYWQ
Led Zeppelin - Stairway to Heaven Live (HD)

Interne Verweise

Kommentare

26. Mär 2016

Ein Text, der ebenfalls stark lebt -
Weil er schön Gedanken webt!

LG Axel

26. Mär 2016

Vielen Dank, lieber Axel !

LG, Susanna

29. Mär 2016

Ein sehr beeindruckender Text. Hab ihn zuerst als Fiktion angesehen, bis... Nun, umso mehr ging er unter die Haut. Danke für den Mut der Rückschau, um dem/der LeserIn ebenfalls Mut zu machen. Schon vor Jahren ging die Geschichte von Pam Reynolds um die Welt, die Ähnliches erlebt hat, schon damals durfte ich ein wenig Jenseits aus zweiter Hand schnuppern. Und Du hast mit Deinem Text auch Alfred ermuntert, uns seinen dornigen Lebensweg zu offenbaren. Auch dafür ein Dankeschön an Alfred. Euch beiden wünsch ich einen vom Zauber der Poesie getragenen, langen Lebensweg.
LG Monika

01. Apr 2016

Liebe Monika,
hab herzlichen Dank für Deine lieben Worte. Seit mehreren Jahren hatte ich das dringende Bedürfnis, dieses Erlebnis in Worte zu kleiden. Jetzt, im Nachhinein stelle ich fest, dass es mich ziemlich erschöpft hat.

LG, Susanna