AU 2010 07 "Windy Welly" Wellington, NZ - Page 5

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Stunde war die Führung zu Ende, es war 12 Uhr und wir waren hungrig. Wir waren wieder auf dem Lambton Quay, fragten in einem Geschäft und erfuhren, dass nicht weit weg in einem großen Kellerlokal Essen von vielen Ländern angeboten wird. Das war schnell gefunden. Entlang den Wänden befanden sich in einer Reihe jede Menge kleine "Küchen" die unterschiedliche Gerichte anboten. Der Laden war voll, mehrere hundert hungrige, junge Mittagspausler, und wir - zwei schwedischen Pensionäre - mittendrin. Wir nahmen etwas thailändisches, ließen es einpacken um es irgendwo draußen zu essen. Ein starker Regenguss hielt uns aber davon ab und mit etwas Glück fanden wir zwei freie Hocker an einem Pfeiler mit einem runden Brett als Tisch drumherum. Hat wunderbar geschmeckt. Nach dieser Mittagspause machten wir unseren zweiten Besuch in "The Old Bank".

The Old Bank
Der Platz wo heute die "Alte Bank" steht hat eine besondere Geschichte, die ich hier kurz nacherzählen will:
Bis 1855 verlief die Strandlinie entlang der heutigen Straße "Lambton Quay". Am Platz, wo heute The Old Bank steht, platzierte und verankerte ein John Plimmer 1851 ein gestrandetes Segelschiff. (John Plimmer gehört zu den ersten Siedlern, die 1840-41 hier ankamen und gilt allgemein als "Vater von Wellington". Eine Statue von ihm steht nicht weit von hier auf dem Lambton Quay.) Er baute den Schiffsrumpf in ein Warenhaus um, das als "Plimmers Arche" bekannt wurde. Es war das erste "Geschäftszentrum" in Wellington, das damals einige tausend Einwohner hatte. Am 23. Januar 1855 ereignete sich hier das (mit einer Magnitude von 8,2 auf der Richterskala) größte Erdbeben bisher in Neuseeland, und die Landschaft in und um Wellington veränderte sich. Der Boden wurde um bis zu 6,4 m angehoben, im Hafenbecken noch bis zu 2 Meter. Die meisten Häuser wurden zerstört. Das neugewonnene Land (250 Meter in der Breite) wurde aufgeschüttet und geebnet. Der alte Schiffsrumpf von "Plimmers Arche" wurde auf diese Weise unter der Erde konserviert. Das Gelände wurde nach und nach bebaut. An der Stelle wo "Plimmers Arche" stand, begannen 1899 die Bauarbeiten für den Prunkbau der Bank of New Zealand (heute "The Old Bank" und keine Bank mehr). Dabei wurde der alte Schiffsrumpf gefunden und ein Teil der alten Eichenbalken zum Bau von Stühlen für die Bankdirektion verwendet. Als 100 Jahre später das Innere des Gebäudes umgebaut und renoviert wurde, legte man wiederum Teile des Schiffsrumpfs und auch verschiedene Gebrauchsgegenstände frei. Diese liegen jetzt unter dem Fußboden des Shoppingcenters und sind durch Glasplatten sichtbar. Man erlebt einen interessanten Kontrast, wenn man durch das moderne Innenleben dieses Gebäudes schlendert und dann plötzlich unter sich diese - für dieses Land alten - Überreste sieht, gleichzeitig deren Geschichte liest und über das größte und folgenreichste Erdbeben Neuseelands erfährt.

Te Papa und noch ein Museum
Eigentlich waren wir nicht richtig inspiriert für einen zweiten Besuch im Nationalmuseum Te Papa aber es war windiges und ungemütliches Wetter. Wir arbeiteten die oberen drei Stockwerke zügig ab und setzten uns dann in das gemütliche Café zu einem Kaffee und Kuchen, was uns neue Kräfte gab.
Auf dem Rückweg entlang des Kais am Wellington Harbour sahen wir ein Schild an einem historischem Gebäude, einem ehemaligen Lagerhaus für Schiffsgüter: Museum of Wellington City & Sea - Freier Eintritt. Das packen wir noch. Der Eintritt in den Museumsteil war nicht nur frei, er war auch einladend und überraschend. Der kleine Vorraum sah so aus wie es hier wahrscheinlich aussah als es noch ein Lager war: Kisten, Säcke, Körbe. Man spürte den Staub, der gar nicht da war. "Hier fehlen nur noch die Ratten", sagte ich. Da hörten und sahen wir auch schon eine über uns auf einem Regal laufen und hinter einer Kiste verschwinden. Gleichzeitig wedelte ein Katzenschwanz hinter einem Sack. Kam uns ziemlich echt vor. Ich ging wieder zurück durch die Tür, öffnete sie wieder und das Schauspiel wiederholte sich.
Dieses spannende Heimatmuseum machte uns matte Rentner wieder richtig munter nach der ermüdenden Größe des Nationalmuseums. Ganz oben kamen wir in einen abgedunkelten Raum. Wir waren ganz alleine und auf einen schnellen Durchmarsch eingestellt. Aber ein großes Schaufenster erregte unsere Aufmerksamkeit. Wir sahen etwas, was wir noch nie gesehen hatten: Eine vielleicht 20 cm große Frau las aus einem Buch eine Sage aus der Mythologie der Maori ("Die Sage über das Feuer", wie wir auf einem Informationsschild lesen konnten) und zwei ebenso kleine Menschengestalten, die entsprechend agierten. Das verblüffende war, dass alle drei "Figuren" absolut menschlich aussahen und sich ganz normal zwischen oder auch vor den ausgestellten Dingen hinter der Glasscheibe bewegten. Wir standen vielleicht einen Meter vom Geschehen entfernt und konnten uns nicht erklären, wie dieses 3-D-Video, oder was das war, funktionierte. Eine tolle Vorstellung. Nach diesem erfrischenden Erlebnis beendeten wir unseren intensiven, zweitägigen Wellington-Entdeckungsrundgang.

Mit der Cable Car waren wir schnell wieder zurück im Haus unserer Gastgeber. Es roch nach frisch gebratenem Fisch. Wir hatten wie gestern nur eine kurze Unterhaltung zusammen. Irgendwie wurden wir nicht so richtig warm mit Jennette. Als sie fragte, ob wir etwas essen wollten, sagten wir nein, danke, wir haben schon. Wir befürchteten, dass sie uns Fisch anbieten würde. Wir hatten uns etwas Brot, Käse und Früchte gekauft, und waren auf einen "gemütlichen" Abend in unserem Zimmer eingestellt. Morgen nach dem Frühstück werden Malcolm und Jennette uns zur Fähre nach Picton fahren. Wir bedankten uns schon jetzt für ihre Gastfreundschaft.
Am nächsten Morgen beim letzten Frühstück entwickelte sich das Gespräch entspannter und wir kamen noch einmal auf Malcolms Ehrenmedaille und -urkunde vom norwegischen König zu sprechen, die er in Oslo am 31. Oktober 2001 erhielt. Wir fragten ihn, ob er sie uns nicht zeigen wollte. Das tat er gerne und präsentierte sich bald darauf mit der Medaille um dem Hals und der Urkunde in den Händen. Er, aber auch Jennette, sahen etwas stolz aus, wozu sie auch Grund hatten. Beide posierten freundlich lächelnd für ein Abschiedsfoto.

Danach fuhren wir zusammen zum Kaiplatz der Fähre. Diesmal mit Jennettes Auto und mit ihr am Steuer. Sie hatte einen sportlicheren Fahrstil als Malcolm. Die Fähre stand bereit und wir verabschiedeten uns mit Umarmung. Wir wussten ja, dass sie keine Reise nach Schweden geplant hatten, wir waren als Gäste eingeladen. (Das ist gar nicht so ungewöhnlich, wie wir bei unseren bisherigen Kontakten mit Australiern festgestellt haben.) Wir luden sie aber trotzdem zu einem Rückbesuch ein.

Mit der Fähre nach Picton auf der Südinsel
Die etwas schmuddelige Fähre legte um 10:25 vom Kai ab. Es war ziemlich bewölkt aber es wehte nur ein schwacher Wind. Die berüchtigte windige Überfahrt durch die Cook-Meerenge blieb uns erspart.

Die ca. 30 km breite Meerenge ist nach James Cook benannt, der auf seiner ersten Südseereise 1769 Neuseeland wiederentdeckte und es als erster ausgiebig kartografierte. Er entdeckte dabei die Meerenge und wies Neuseeland als Doppelinsel aus. Bereits 1642 setzte der holländische Seefahrer Abel Tasman als erster Europäer das Eiland. Er landete an der heutigen Golden Bay im Norden der Südinsel, nicht weit von Nelson, wo wir die nächsten zwei Wochen verbringen werden.

Nach der Durchquerung der Cook Strait fuhren wir durch eine hübsche Fjordlandschaft. Sie erinnerte an Norwegen. Die meisten der Passagiere standen an Deck und genossen die langsame und abwechslungsreiche Fahrt vorbei an weich geschwungenen Hügelketten an beiden Seiten. Nach einer Stunde geruhsamer Fahrt empfing uns am Ende des Fjords das malerische Ministädtchen Picton, eingebettet zwischen Wasser und Hügeln. Dessen Besonderheit besteht darin, dass die Fähre von Wellington hier anlegt. Unsere Wohnungstauschpartner in Nelson Julie und Ray werden uns am Kai erwarten und uns zu ihrem Haus in Nelson bringen. Aus Google Maps wissen wir bereits, dass es sich um eine Villa der gehobenen Klasse mit bestem Seeblick handelt.

Fortsetzung: AU 2010 08 Nelson, NZ

© Willi Grigor, 2010 (Rev. 2017)

Gedichte und Prosa:
https://www.literatpro.de/willi-grigor

Bergbahn Innenstadt - Botanischer Garten. OL: Civic Centre mit "schwebender" Kugel. UR: Blühende Bäume gehören zum Stadtbild. Foto: W. Grigor, Wikipedia

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Interne Verweise

Kommentare

26. Mär 2017

Hallo Willi,
eine tolle Reisereportage !
In unserer Hannoverschen Presse wäre
das ein schöner Beitrag unter "Reisereporter" !
Liest sich flüssig und man kommt sich vor, als
sei man dort gewesen.
LG Volker

26. Mär 2017

Lieber Volker,

danke für deine Generosität - und den Tipp!
Einen Versuch wäre es wert.

LG
Willi

26. Mär 2017

Ich schließe mich Volker an. Es ist wirklich toll zu lesen, lieber Willi.

Liebe Grüße Lisi

26. Mär 2017

Leider habe ich es nicht bis nach Neuseeland geschafft. Jetzt bin ich dir gespannt gefolgt und habe viel Neues erfahren. Jenette und Malcolm sehe ich vor mir. Danke dafür, dass du mich an deiner Reise beteiligst.
Liebe Grüße Marie

27. Mär 2017

Es macht mich ein bisschen stolz, dass drei Kollegen aus der "oberen Klasse" meine Reiseberichte gefallen und dies mitteilen. Bin ich doch ein Neuling auch auf diesem Gebiet.
Mindestens genauso würde ich mich freuen, wenn ich einigen Lesern damit die Vorteile eines Urlaubs mit Wohnungstausch näherbringen könnte. Die großartigen "Erfolge" unserer Reisen haben ja viel mit dieser Art zu wohnen zu tun. Man lebt unter den Einheimischen, bekommt mit den Nachbarn Kontakt und von ihnen Hilfe.
Dass das Wohnen kostenlos war, war bei unseren langen Reisen auf vielen Plätzen nicht nur ein Vorteil sondern eine Voraussetzung. (Ein Auto ist im Tausch inkludiert.)
Es muss ja nicht Australien sein. 2014 machten wir eine Deutschlandtour auf diese Art und hatten im Prinzip die gleichen positiven Erfahrungen. Die verbreitete Angst, Fremde in sein Haus, seine Wohnung zu haben, ist nach unseren Erfahrungen vollkommen unberechtigt.

Herzliche Grüße aus einem schönen Stück Erde, wo der kleine See gestern sein Eiskleid ablegte, so früh wie nie zuvor.

Willi

27. Mär 2017

Lieber Willi, wenn's hier Klassen gäbe, würde ich mich 1. nicht zur "gehobenen" zählen, wer will denn das bewerten, und wäre 2. garantiert nicht in diesem Portal unterwegs. Hier zählt die bunte Vielfalt und der freundliche Umgang miteinander - und ich lese ganz besonders gerne deine filigranen Naturgedichte.
Liebe Grüße, Marie

27. Mär 2017

Ich verstehe deinen Einwand, Marie. Mit "oberer Klasse" meinte ich in erster Linie die Rangordnung unter "Heute meistgelesen".
LG
Willi

30. Mär 2017

Jetzt verstehe ich, du meinst die Heinzelmännchen, die ...
LG Marie

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