AU 2010 07 "Windy Welly" Wellington, NZ - Page 3

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Hier wollte ich mich aber anpassen.
Wir gingen ins Freie und ich fühlte mich gleich viel freier. Das Wetter war schön, die Luft frisch und nicht so drückend wie noch in Auckland. Auf der anderen Seite der Straße gab es keine Häuser. Rasen und Bäume bedeckten den Hang und man hatte eine tolle Aussicht auf die dahinter liegenden Hügel. Ein Grundstück hier muss ein Vermögen wert sein! Einige Bänke lockten einladend und eine kupferglänzende Skulptur stand etwas unterhalb. Später erfuhren wir, dass unsere Gastgeber diese Skulptur des weltbekannten Künstlers Henry Moore gestiftet haben, um damit ihre Bewunderung für diesen Künstler zum Ausdruck zu bringen. Ein Kupferschild auf einer Bank mit Blick das Kunstwerk gibt die diesbezügliche Auskunft.

Wir gingen weiter die Straße hinauf. Ein asphaltierter Fußweg zweigte nach rechts ab. Wir folgten diesen, vorbei an dem großen Gebäude des neuseeländischen Wetteramtes, rechts von uns viele Bäume, ein Wald mit Spazierwegen. Nach ca. 200 m, ganz oben am Buckel, kamen wir schließlich zu dem großen Informationsschild, das uns aufklärte, dass das kein Wald war sondern der Botanische Garten Wellingtons. Gleich nebenan war die Endstation der Bergbahn. Sehr praktisch für die Besucher und die hier Wohnenden und ganz sicher ein wertsteigerndes Plus für die Hausbesitzer hier.
Wir gingen wieder zurück und nahmen uns vor, übermorgen früh einen Spaziergang durch den Botanischen Garten zu machen und dann zu Fuß in die Innenstadt zu hinunterzugehen.

Auf die folgende Autofahrt waren wir nicht ganz vorbereitet. Wir fuhren auf schmalen Serpentinenstraßen den Hang hinab und den nächsten wieder hinauf. Viele alte Häuser aus der Gründungszeit vor gut 150 Jahren sahen wir an den Hängen "kleben".
Auf einer kurzen Talfahrt fuhren wir an der Victoria University vorbei. Malcolm erzählte, dass er hier studiert und sein Examen gemacht hat. Er war ein guter Cricketspieler und spielte in der Universitätsmannschaft. Cricket ist ein Nationalsport in Neuseeland, so wie in allen Ländern des englischen "Imperiums". Später arbeitete er einige Zeit in Kuala Lumpur, der Hauptstadt von Malaysia.
Wir fuhren nun die letzte Serpentine hinauf. Die buschigen Hänge leuchteten grün und gelb. Oben parkten wir auf einem großen aber ziemlich leeren Parkplatz neben einer Windkraftanlage. Sie wurde 1993 hier gebaut als Test, wie die Bevölkerung auf diese Veränderung in der Landschaft reagiert. Es wurde gegen den Bau demonstriert aber die Ablehnung verringerte sich nach dem Bau der Anlage. Heute ist diese Stelle ein sehr beliebter Aussichtsplatz für Bewohner und Touristen. Und im Umfeld von Wellington gibt es heute an die hundert solche Anlagen. Uns ist das gar nicht so aufgefallen. Wahrscheinlich liegen sie alle irgendwie hinter einem der vielen Hügel. Eigentlich ist es logisch, hier die Windkraft auszunutzen. Aufgrund ihrer Lage an einer Landspitze bietet die Stadt eine Angriffsfläche für starke Windströmungen, daher auch der Spitzname der Stadt: "Windy Welly", also windiges Wellington.

Hinter der Anlage befand sich ein großes, mit einem mächtigen Zaun umbautes Naturgebiet. Innerhalb dieses Zauns sollen einheimische Tierarten vor eingeführten Raubtieren geschützt werden. Der Zaun reicht einen halben Meter ins Erdreich, damit ein Untergraben verhindert wird. Auf diese Weise wird an vielen Stellen in Neuseeland versucht, die einheimischen Tiere vor dem Aussterben zu schützen. Es ist beliebt, an diesen Zäunen entlang eine Rundwanderung zu machen.

Malcolm und Jennette brachten uns nun ins Zentrum, die befürchtete Flutwelle ist ausgeblieben. Sie zeigten uns die Abfahrtstation der Bergbahn am Lambton Quay, mit der wir am Abend bequem zurückfahren werden. Nun waren wir allein auf uns gestellt und konnten den immer wieder spannenden ersten Erkundungsrundgang in einer fremden Stadt beginnen. Dieser hier begann mit der Suche nach Essen, es war 12 Uhr und wir waren hungrig. Wir gingen auf dem Lambton Quay bis dieser in die Willis Street mündet. (Ja, sie trägt meinen Namen! In Caloundra Australien, wo Sohn Axel und Schwiegertochter Cheron geheiratet haben, gibt es eine Grigor Street!) An dieser Ecke stand ein ehrwürdiges, gelbes Gebäude: The Old Bank Shopping Arcade. Hier gab es Geschäfte und ein Café. Wir bestellten eine Art Frühstück, ein warmes Sandwich, ein ham-cheese, ein Muffins und zwei Long Blacks (entspricht unserem schwarzen Kaffee). Dies teilten wir uns dann am Tisch, das Doppelte ist aus Erfahrung immer zuviel. Der Kellner brachte bereitwillig einen zweiten Teller.
Gestärkt gingen wir wieder zurück auf die Geschäftsstraße. (Ich komme später noch einmal auf diese Old Bank zurück.)
Es ist Sonntag und die Geschäfte sind bis 16:00 Uhr geöffnet. In einem Visiters Centre bekamen wir kostenlose Straßen- und Übersichtskarten der Stadt. Wir kamen zum Civic Centre, einem ziemlich neugebauten Platz. An der offenen Seite führen breite Stufen hinauf zu einer Plattform, von der man einen schönen Blick auf die Strandpromenade und den Bootshafen hat. Über dem Platz "schwebt" eine silberglänzende Kugel, deren Oberfläche aus Blätter der Nationalpflanze, dem Riesenfarn, besteht. Sah gut aus. Wir gingen weiter bis zu dem imposanten Bahnhofsgebäude mit acht mächtigen Säulen an der Frontseite. Die Bahnhofshalle mit ihrer kunstvollen Decke erinnerte eher an einen Saal in einem Schloss.

Nicht weit davon entfernt befindet sich das Parlaments-und Regierungsgelände. Das Regierungsgebäude ähnelt einem Bienenstock und wird deshalb allgemein "Beehive" genannt. Daneben steht das ältere Parlamentsgebäude. Wir sahen ein Schild, das zu Führungen einlud. Das verschoben wir auf morgen. Heute wollten wir nur eine Fußwanderung durch die Innenstadt machen um uns zu orientieren. Dies ist in Wellington ohne weiteres an einem Nachmittag zu schaffen. Alles Wichtige liegt innerhalb eines schmalen Streifens von einigen hundert Metern zwischen Küste und den Hügeln.
Eine kleine Grünfläche mit interessanten Skulpturen aus Pflastersteinen lud zu einer Rast ein.

Malcolm hatte uns ermahnt, das Nationalmuseum Neuseelands "Te Papa Tongarewa" zu besuchen (der Name kommt aus der Sprache der Māori, dem indigenen Volk Neuseelands und bedeutet übersetzt in etwa: "Der Ort der Schätze dieses Landes") Also wieder zurück zum Civic Centre und noch ein Stück weiter. Wir wurden langsam müde und hungrig aber eine kurze Besichtigung schaffen wir noch. Museumsbesuche sind gratis und wenn es interessant ist, kommen wir morgen zurück.
Das moderne Museumsgebäude ist ein mächtiger Komplex und schon die Eingangshalle ist imponierend und einladend. Eine Spezialausstellung über Pompeji machte uns neugierig. Diese kostete Eintritt aber wir wollten sie sehen. Es waren jede Menge Gegenstände ausgestellt, die unter

© Willi Grigor, 2010 (Rev. 2017)

Gedichte und Prosa:
https://www.literatpro.de/willi-grigor

Bergbahn Innenstadt - Botanischer Garten. OL: Civic Centre mit "schwebender" Kugel. UR: Blühende Bäume gehören zum Stadtbild. Foto: W. Grigor, Wikipedia

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Interne Verweise

Kommentare

26. Mär 2017

Hallo Willi,
eine tolle Reisereportage !
In unserer Hannoverschen Presse wäre
das ein schöner Beitrag unter "Reisereporter" !
Liest sich flüssig und man kommt sich vor, als
sei man dort gewesen.
LG Volker

26. Mär 2017

Lieber Volker,

danke für deine Generosität - und den Tipp!
Einen Versuch wäre es wert.

LG
Willi

26. Mär 2017

Ich schließe mich Volker an. Es ist wirklich toll zu lesen, lieber Willi.

Liebe Grüße Lisi

26. Mär 2017

Leider habe ich es nicht bis nach Neuseeland geschafft. Jetzt bin ich dir gespannt gefolgt und habe viel Neues erfahren. Jenette und Malcolm sehe ich vor mir. Danke dafür, dass du mich an deiner Reise beteiligst.
Liebe Grüße Marie

27. Mär 2017

Es macht mich ein bisschen stolz, dass drei Kollegen aus der "oberen Klasse" meine Reiseberichte gefallen und dies mitteilen. Bin ich doch ein Neuling auch auf diesem Gebiet.
Mindestens genauso würde ich mich freuen, wenn ich einigen Lesern damit die Vorteile eines Urlaubs mit Wohnungstausch näherbringen könnte. Die großartigen "Erfolge" unserer Reisen haben ja viel mit dieser Art zu wohnen zu tun. Man lebt unter den Einheimischen, bekommt mit den Nachbarn Kontakt und von ihnen Hilfe.
Dass das Wohnen kostenlos war, war bei unseren langen Reisen auf vielen Plätzen nicht nur ein Vorteil sondern eine Voraussetzung. (Ein Auto ist im Tausch inkludiert.)
Es muss ja nicht Australien sein. 2014 machten wir eine Deutschlandtour auf diese Art und hatten im Prinzip die gleichen positiven Erfahrungen. Die verbreitete Angst, Fremde in sein Haus, seine Wohnung zu haben, ist nach unseren Erfahrungen vollkommen unberechtigt.

Herzliche Grüße aus einem schönen Stück Erde, wo der kleine See gestern sein Eiskleid ablegte, so früh wie nie zuvor.

Willi

27. Mär 2017

Lieber Willi, wenn's hier Klassen gäbe, würde ich mich 1. nicht zur "gehobenen" zählen, wer will denn das bewerten, und wäre 2. garantiert nicht in diesem Portal unterwegs. Hier zählt die bunte Vielfalt und der freundliche Umgang miteinander - und ich lese ganz besonders gerne deine filigranen Naturgedichte.
Liebe Grüße, Marie

27. Mär 2017

Ich verstehe deinen Einwand, Marie. Mit "oberer Klasse" meinte ich in erster Linie die Rangordnung unter "Heute meistgelesen".
LG
Willi

30. Mär 2017

Jetzt verstehe ich, du meinst die Heinzelmännchen, die ...
LG Marie

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