Der unglückliche Canonikus - Page 2

von Giacomo Casanova
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der Verschiedenheit des Temperaments, eine Taktik des Spielers und ein Anlaß zum Studium für den Moralisten und den Psychologen.

Meine List gelang, denn sie war nicht studiert und konnte daher auch nicht vorausgesehen werden. Nicht anders ist es bei den Feldherren: eine Kriegslist muß in dem Kopfe eines Befehlshabers aus den Umständen entstehen, aus dem Zufall und der Gewohnheit, mit Schnelligkeit alle Verbindungen und Gegensätze der Menschen und der Dinge zu erfassen.

Um neun Uhr kam Madame Saxe; ihr Geliebter befand sich im Verlust.

»Jetzt, mein Herr,« sagte sie, »ist. es an ihnen, nachzugeben.«

»Madame,« antwortete ich ihr, »in der Hoffnung, Ihnen zu gefallen, bin ich bereit, meine Wette zurückzuziehen und von meinem Rechte abzustehen.«

Diese Worte, welche mit dem Tone anspruchsvoller Galanterie gesprochen wurden, erregten d'Entragues Zorn und er bemerkte voll Bitterkeit, er würde seinerseits die Partie nicht eher aufgeben, als bis einer von uns tot niedersänke.

»Sie sehen, liebenswürdigste der Damen,« sagte ich, indem ich verliebte Blicke machte, die in meinem Zustande nicht sehr eindringend sein konnten, »Sie sehen, daß ich nicht der Unfügsamste von uns beiden bin.«

Man brachte uns eine Bouillon, allein d'Entragues, der den höchsten Grad der Schwäche erreicht hatte, befand sich so unwohl, daß er, nachdem er sie kaum getrunken hatte, auf seinem Stuhle wankte und mit Schweiß bedeckt in Ohnmacht fiel. Man beeilte sich, ihn fortzutragen.

Ich gab dem Marqueur, der zweiundvierzig Stunden gewacht hatte, sechs Louisdor, steckte mein Geld in die Tasche, und statt mich schlafen zu legen, begab ich mich zu einem Apotheker, bei welchem ich ein leichtes Brechmittel nahm. Dann legte ich mich nieder, genoß eines guten Schlafes von einigen Stunden und gegen drei Uhr speiste ich mit dem besten Appetit zu Mittag.

d'Entragues ging erst am nächsten Tage aus. Ich war auf irgend einen Zwist gefaßt, aber guter Rat kommt über Nacht und ich täuschte mich. Sobald er mich erblickte, kam er auf mich zu und umarmte mich.

»Ich habe eine wahnsinnige Wette angenommen; Sie gaben mir indes eine Lehre, an die ich mich Zeit meines Lebens erinnern werde und ich bin Ihnen dafür sehr dankbar.«

»Das freut mich, vorausgesetzt, daß diese Anstrengung Ihrer Gesundheit nicht nachteilig ist.«

»Nein, ich befinde mich ganz wohl, aber wir werden nie wieder miteinander spielen.«

»Ich wünsche wenigstens nicht, daß es gegeneinander geschehen möge.«

Acht oder zehn Tage später machte ich der Frau d'Urfé das Vergnügen, sie mit der falschen Lascaris nach Basel zu bringen.

Wir kehrten bei dem berüchtigten Imhoff ein, der uns die Haut über die Ohren zog; aber die »Drei Könige« waren das beste Gasthaus der Stadt.

Eine von den Sonderbarkeiten der Stadt Basel ist, daß es hier um elf Uhr Mittag ist, eine Dummheit, die von einer historischen Tatsache herrührt, welche mir der Prinz von Porentruy erklärte, die ich aber vergessen habe.

Die Baseler gelten dafür, einer Art von Wahnsinn unterworfen zu sein, von dem die Bäder in Sulzbach sie befreien, der aber nach einiger Zeit sich abermals einstellt, wenn sie wieder zu Hause sind.

Wir wären einige Zeit in Basel geblieben, hätte sich nicht ein Ereignis zugetragen, das mich verdroß und mich veranlaßte, unsere Abreise zu beschleunigen.

Das Bedürfnis hatte mich gezwungen, der Corticelli ein wenig zu verzeihen, und wenn ich frühzeitig nach Hause kam, brachte ich die Nacht bei ihr zu, nachdem ich mit der ausgelassenen Person und Frau d'Urfé zu Abend gespeist hatte. — Kam ich später, was ziemlich oft geschah, so schlief ich allein in meinem Zimmer.

Die Schelmin schlief ebenfalls allein in einem Kabinett, welches an das Zimmer ihrer Mutter stieß, und durch dieses mußte man gehen, um zu der Tochter zu kommen.

Ich kam um ein Uhr nach Mitternacht nach Hause, hatte noch nicht Lust, zu schlafen, und nachdem ich meinen Schlafrock angezogen hatte, nahm ich eine Kerze und ging, meine Schöne aufzusuchen.

Ich war ein wenig überrascht, die Tür zu dem Zimmer der Signora Laura nur angelehnt zu finden. In dem Augenblick, als ich weiter gehen wollte, streckte die Alte den Arm nach mir aus, ergriff meinen Schlafrock und flehte mich an, nicht bei ihrer Tochter einzutreten.

»Weshalb nicht ?« sagte ich.

»Sie ist den ganzen Abend sehr krank gewesen und bedarf der Ruhe und des Schlafes.«

»Nun gut, so werde ich auch schlafen.«

Bei diesen Worten stieß ich die Alte zurück, trat bei der Tochter ein und fand sie an der Seite eines Menschen, der sich unter die Decke versteckte.

Nachdem ich einen Augenblick das Bild betrachtet hatte, lachte ich, setzte mich auf das Bett und fragte sie, wer der glückliche Sterbliche sei, den ich zum Fenster hinauswerfen würde. Ich sah auf dem Stuhle neben mir den Rock, die Beinkleider, den Hut und den Stock des Individuums, allein da ich gute Pistolen in der Tasche hatte, wußte ich, daß ich nichts zu fürchten brauchte; ich wollte indes keinen Lärm erregen.

Zitternd, Tränen in den Augen, ergriff sie meine Hand und beschwor mich, ihr zu verzeihen.

»Es ist,« sagte sie, »ein junger Mann, dessen Namen ich nicht kenne.«

»Ein junger Mann, dessen Namen du nicht kennst, Schelmin? Nun wohl, so soll er ihn mir selbst sagen.«

Dies sagend, ergriff ich eine meiner Pistolen und mit einem kräftigen Ruck der Hand entdeckte ich den Kuckuck, der nicht ungestraft seine Eier in mein Nest gelegt haben sollte.

Ich sah einen jugendlichen Kopf, den ich nicht kannte, mit einem Seidentuche umwunden, während der übrige Körper nackt war, ebenso wie der meiner Unverschämten.

Er wendete mir den Rücken zu, um sein Hemd zu ergreifen, das er hinter das Bett geworfen, hatte, allein ich ergriff ihn beim Arme und hinderte ihn, irgendeine Bewegung zu machen, weil die Mündung meiner Pistole eine unwiderstehliche Sprache redete.

»Wer sind Sie, schöner Herr?«

»Ich bin der Graf von B. . ., Canonikus in Basel.«

»Glauben Sie hier eine kirchliche Handlung zu vollbringen?«

»Ach nein, mein Herr, ich bitte, mir ebenso zu verzeihen, wie der Frau Gräfin, denn ich allein bin strafbar.«

»Danach frage ich Sie nicht.«

»Mein Herr, die Frau Gräfin ist durchaus unschuldig.«

Ich befand mich in der besten Laune, denn, weit entfernt, in Zorn zu geraten, konnte ich kaum das Lachen unterdrücken.

Das Bild hatte in meinen Augen etwas Anziehendes, weil es komisch und originell zugleich war.

Die beiden schuldbewußten Nacktheiten waren in der Tat reizend und ich betrachtete sie wohl

Veröffentlicht / Quelle: 
Der unglückliche Canonikus, Enck-Verlag, Berlin-Tempelhof, 1925

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