Der unglückliche Canonikus - Page 3

von Giacomo Casanova
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eine Viertelstunde lang, ohne ein Wort zu sprechen.

Überzeugt, daß weder der Eine noch die Andere erkannte, was in meinem Innern vorging, stand ich auf und gebot dem Canonikus, sich anzukleiden.

»Diese Angelegenheit muß verschwiegen bleiben, allein wir gehen augenblicklich zweihundert Schritt von hier fort, um uns auf geringe Distanz zu schießen.«

»Ach, mein Herr,« rief der junge Mann, »führen Sie mich, wohin es Ihnen beliebt, bringen Sie mich um, wenn es Ihnen so gefällt; aber ich bin nicht dazu geschaffen, mich zu schlagen.«

»Wirklich nicht?«

»Nein, mein Herr. Ich bin nur Priester geworden, um mich dieser verhängnisvollen Verpflichtung zu entziehen.«

»Dann sind Sie also eine Memme und geneigt, Stockschläge hinzunehmen?«

»Alles, was Ihnen gefällig sein wird; aber Sie sind gewiß kein Barbar, denn die Liebe hat mich blind gemacht. Ich bin erst vor einer Viertelstunde in dies Kabinett eingetreten. Die Gräfin schlief und ihre Gouvernante ebenfalls.«

»Machen Sie das anderen weis, Lügner.«

»Ich hatte eben erst mein Hemd ausgezogen, als Sie eintraten, und vor diesem Augenblicke war ich nie allein mit diesem Engel.«

»Was das betrifft,« fügte lebhaft die Schelmin hinzu, »so ist es wahr, wie das Evangelium.«

»Wißt Ihr wohl, daß Ihr zwei schamlose Lügner seid? Und Sie, schöner Canonikus, Mädchenverführer, Sie verdienten, daß ich Sie braten ließe, wie einen kleinen heiligen Laurentius.«

Während dieser Zeit hatte der unglückliche Canonikus sich angekleidet.

»Folgen Sie mir, mein Herr,« sagte ich mit einem Tone, der ihn in Eis zu verwandeln schien.

Ich führte ihn auf mein Zimmer.

»Was würden Sie tun,« fragte ich ihn hier, »wenn ich Ihnen verziehe und Sie das Haus verlassen ließe, ohne Sie zu entehren?«

»Ach, mein Herr, ich werde spätestens in einer Stunde abreisen und Sie sollen mich nicht mehr hier sehen; überall, wo Sie mir in Zukunft begegnen könnten, dürfen Sie gewiß sein, in mir einen Menschen zu finden, der bereit ist, alles zu tun, um Ihnen zu dienen.«

»Sehr gut. Gehen Sie und denken Sie in Zukunft daran, Ihre Vorsichtsmaßregeln bei Ihren verliebten Unternehmungen besser zu treffen.«

Nach dieser Expedition legte ich mich schlafen, sehr zufrieden mit dem, was ich gesehen und getan hatte, denn das machte mich der Schelmin gegenüber vollkommen frei.

Sobald ich am nächsten Tage aufgestanden war, ging ich zu der Corticelli, der ich mit ruhigen, aber energischen Worten sagte, sie solle auf der Stelle ihre Sachen packen.

Dabei verbot ich ihr, das Zimmer bis zu dem Augenblicke zu verlassen, in welchem sie in den Wagen steigen würde.

»Ich werde sagen, ich sei krank.«

»Wie du willst. Allein man wird auf deine Worte nicht die geringste Rücksicht nehmen.«

Ohne einen Einwurf abzuwarten, suchte ich Frau d'Urfé auf, erzählte ihr die Geschichte der Nacht, die ich noch durch Scherze ausschmückte, und sie lachte darüber von ganzem Herzen.

Alles war am nächsten Tage bereit und wir reisten ab; Frau d'Urfé und ich in der Berline, die Corticelli, ihre Mutter und die beiden Kammerfrauen in dem andern Wagen.

In Besançon verließ mich Frau d'Urfé mit ihren Leuten und ich schlug am nächsten Tage mit Mutter und Tochter den Weg nach Genf ein. Ich stieg, wie immer, in der »Wage« ab.

Während des ganzen Weges richtete ich nicht nur kein Wort an meine Begleiterinnen, sondern ich würdigte sie nicht einmal eines Blickes.

Ich ließ sie mit einem Bedienten aus der Franche Comté essen, den ich auf Empfehlung des Herrn von Schaumburg gemietet hatte.

Ich ging zu einem Bankier, um ihn zu bitten, mir einen Kutscher zu verschaffen, der zwei allein reisende Frauen, für welche ich mich interessierte, nach Turin bringen könnte.

Zugleich übergab ich ihm fünfzig Louisdor für einen Wechsel auf Turin.

In das Gasthaus zurückgekehrt, schrieb ich dem Chevalier Raiberti unter Übersendung des Wechsels.

Ich teilte ihm mit, daß drei oder vier Tage nach dem Empfang meines Briefes eine Bologneser Tänzerin mit ihrer Mutter und einem Empfehlungsbriefe bei ihm eintreffen würden.

Ich bat ihn, dieselben in einem anständigen Hause in Pension zu geben und auf meine Rechnung für sie dort Zahlung zu leisten.

Ich sagte ihm zugleich, er würde mich sehr verpflichten, wenn er es erlangen könnte, daß sie, wenn auch gratis, während des Karnevals tanzte, und ihr mitzuteilen, wenn ich bei meiner Ankunft in Turin schlimme Geschichten über sie hörte, ich sie verlassen würde.

Am nächsten Tage brachte ein Kommis des Herrn Tronchin mir den Kutscher, welcher mir sagte, er sei zur Abfahrt bereit, sobald er Mittagbrot gegessen hätte.

Nachdem ich den Vertrag bestätigt hatte, welchen er mit dem Bankier geschlossen, ließ ich die Corticelli kommen und sagte zu dem Fuhrmann:

»Hier sind zwei Damen, die Sie fahren sollen und von denen Sie bezahlt werden, sobald dieselben in Sicherheit in Turin mit ihrem Gepäck angelangt sind, und zwar in vier und einem halben Tage, wie dies in dem Vertrag festgestellt wurde, von dem die Damen eine Abschrift erhalten und Sie die andere.«

Eine Stunde darauf kam er, um den Wagen zu bepacken.

Die Corticelli brach in Tränen aus.

Ich war nicht grausam genug, sie ohne einigen Trost reisen zu lassen.

Sie war hinlänglich für ihr schlechtes Benehmen bestraft.

Ich ließ sie mit mir essen, und indem ich ihr den Empfehlungsbrief für Herrn Raiberti und fünfundzwanzig Louisdor übergab, von denen acht für die Reisekosten bestimmt waren, sagte ich ihr, was ich an Herrn Raiberti geschrieben hätte, der es ihr auf meine Anweisung an nichts fehlen lassen würde.

Sie bat mich um einen Koffer, in welchem drei Roben und eine prachtvolle Mantille lagen, welche Frau d'Urfé ihr geschenkt hatte. Ich sagte ihr aber, wir würden davon in Turin sprechen.

Sie wagte es nicht, des Schmuckes zu erwähnen, und begnügte sich damit, zu weinen, aber sie erregte mein Mitleid nicht.

Ich verließ sie in viel behaglicherer Lage, als ich sie gefunden hatte, denn sie hatte schöne Kleidungsstücke, Wäsche, Schmucksachen und eine sehr schöne Uhr, die ich ihr geschenkt hatte. Das war mehr, als sie verdiente.

In dem Augenblick der Abreise führte ich sie an den Wagen, weniger der Form wegen, als um sie nochmals dem Kutscher zu empfehlen.

Als sie fort war, fühlte ich mich von einer schweren Last befreit und suchte meinen Syndikus auf.

Ich hatte ihm seit meinem Aufenthalte in Florenz nicht geschrieben.

Er dachte gewiß nicht mehr an mich und ich wollte seine Überraschung genießen.

In der Tat war dieselbe außerordentlich groß; aber nach dem ersten Augenblick fiel er mir um

Veröffentlicht / Quelle: 
Der unglückliche Canonikus, Enck-Verlag, Berlin-Tempelhof, 1925

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