Der unglückliche Canonikus - Page 5

von Giacomo Casanova
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die neben ihr stand.

Die zweiundzwanzigjährige Theologin war schön, appetitlich und sie besaß jenes ich weiß nicht was, das reizt und welches der Hoffnung wie dem Vergnügen jenen eigentümlichen bittersüßen Geschmack verleiht, der sogar die Wollust selbst erhöht.

Indes war ihre Einigkeit mit ihrer Kusine alles, dessen ich bedurfte, um dieser eine günstige Meinung einzuflößen.

Wir hatten eine vortreffliche Mahlzeit und während derselben unterhielt man sich nur von gleichgültigen Dingen.

Beim Dessert aber bat der Pastor Herrn von Ximènes, einige Fragen an sie zu richten.

Da ich diesen Gelehrten dem Rufe nach kannte, erwartete ich irgendein geometrisches Problem. Ich täuschte mich indes, denn er fragte sie, ob sie glaube, daß der stillschweigende Vorbehalt genügend wäre, um eine Lüge zu rechtfertigen.

Hedwig antwortete bescheiden, obgleich eine Lüge zur Notwendigkeit werden könnte, wäre der stillschweigende Vorbehalt doch immer ein Betrug.

»Erklären Sie mir nun, wie Jesus Christus sagen konnte, daß die Zeit von dem Ende der Welt ihm unbekannt wäre.«

»Er konnte es sagen, da er sie nicht kannte.«

»Er war also nicht Gott?«

»Die Folgerung ist falsch; denn da Gott Herr über alles ist, ist er's auch darüber, eine Zukünftigkeit nicht zu kennen.«

Das Wort Zukünftigkeit, welches so zufällig gebildet wurde, erschien mir großartig.

Hedwig wurde lebhaft applaudiert und ihr Onkel ging um den Tisch herum und küßte sie.

Ich hatte einen sehr natürlichen Einwurf auf den Lippen, der aus dem Gegenstande selbst entsprang und sie hätte in Verlegenheit setzen können; allein ich wollte ihr gefallen und schwieg.

Herr von Harcourt wurde aufgefordert, sie auch seinerseits zu befragen, aber er antwortete mit Horaz: Nulla mihi religio est.

Darauf wendete Hedwig sich zu mir und sagte, sie erinnerte sich der Amphidromie, welche ein heidnisches Fest gewesen wäre; — »ich möchte indes,« fügte sie hinzu, »daß Sie mich nach etwas fragten, was das Christentum berührt, nach einer schwierigen Sache, die Sie nicht selbst entscheiden können.«

»Sie machen es mir leicht, Mademoiselle.«

»Desto besser; dann haben Sie nicht nötig, so viel zu denken.«

»Ich denke nach, um etwas Neues zu suchen. Ich habe es. Gestehen Sie zu, daß Jesus Christus im höchsten Grade alle menschlichen Eigenschaften besaß?«

»Ja, alle, ausgenommen die Schwächen.«

»Zählen Sie zu den Schwächen auch die Zeugungskraft?«

»Nein.«

»So seien Sie so gütig, mir zu sagen, welcher Art das Geschöpf gewesen wäre, welches geboren sein würde, hätte Jesus Christus sich einfallen lassen, die Samariterin zu umarmen.«

Hedwig wurde feuerrot, der Pastor und die ganze Gesellschaft blickten sich untereinander an und ich richtete meine Blicke auf die Theologin, welche nachdachte.

Herr von Harcourt sagte, man müßte Herrn von Voltaire rufen, um eine so brennende Frage zu entscheiden.

Hedwig aber erhob mit gefaßtem Wesen die Augen und alle Welt schwieg, als man sah, daß sie antworten wollte.

»Jesus Christus,« sagte sie, »hatte zwei vollkommene Naturen, die in vollständigem Gleichgewicht mit einander standen; sie waren unzertrennlich.

Hätte daher die Samariterin einen fleischlichen Umgang mit unserem Heiland gepflogen, so würde sie zuverlässig empfangen haben, denn es wäre abgeschmackt, bei einem Gotte eine Handlung von solcher Wichtigkeit vorauszusetzen, ohne die natürlichen Folgen derselben anzunehmen.

Die Samariterin würde daher nach Verlauf von neun Monaten mit einem männlichen, nicht aber mit einem weiblichen Kinde niedergekommen sein; und dieses Geschöpf, geboren von einem menschlichen Weibe und einem Gottmenschen, würde ein Viertel von Gott und drei Viertel vom Menschen gehabt haben.«

Bei diesen Worten klatschten alle Anwesenden in die Hände; Herr von Ximènes bewunderte den Scharfsinn ihrer Berechnung und sagte dann: »Hätte der Sohn der Samariterin sich verheiratet, so würden in einer natürlichen Folge die Kinder, die aus dieser Ehe entsprungen wären, sieben Achtel Menschheit und ein Achtel Göttlichkeit besessen haben.«

»Er müßte denn eine Göttin geheiratet haben, was das Verhältnis bedeutend verändert hätte.«

»Sagen Sie mir genau,« fragte Hedwig, »was das Kind in der sechzehnten Generation noch Göttliches an sich gehabt hätte?«

»Warten Sie einen Augenblick und geben Sie mir einen Bleistift,« sagte Herr von Ximènes.

»Es ist nicht nötig zu berechnen,« sagte ich; »er würde einen kleinen Teil des Geistes besessen haben, der Sie beseelt.«

Alle Welt stimmte im Chor ein in diese Galanterie, welche der, an die ich sie richtete, nicht mißfiel.

Diese schöne Blondine entzündete mich durch den Zauber ihres Geistes.

Wir standen vom Tische auf, um sie zu umringen, und sie pulverisierte alle unsere Schmeicheleien auf die edelste Weise.

Ich nahm Helene beiseite und bat sie, es dahin zu bringen, daß ihre Kusine einen meiner Ringe aus meinem Schmuckkästchen für sich auswählte. Ich hatte Sorge getragen, die Lücke des vorhergehenden Tages wieder auszufüllen.

Die reizende Kusine übernahm gern meinen Auftrag.

Eine Viertelstunde darauf zeigte Hedwig mir ihre Hand und ich sah mit Vergnügen an derselben den Ring, den sie gewählt hatte.

Ich küßte diese Hand mit Entzücken und sie mußte an der Glut meiner Küsse erkennen, welche Gefühle sie mir eingeflößt hatte.

Am Abend erzählte Helene dem Syndikus und den drei Freundinnen alle Fragen, die während des Mittagessens aufgeworfen worden, ohne den geringsten Umstand zu vergessen.

Sie erzählte leicht und mit Anmut. Ich brauchte sie nicht ein einzigesmal zu unterstützen.

Wir baten sie zum Abendessen zu bleiben; sie nahm indes die drei Freundinnen beiseite und überzeugte sie, daß es ihr unmöglich wäre; sie sagte ihnen jedoch, daß sie zwei Tage mit ihnen in einem Landhause, das sie an dem See besäße, zubringen könnte, wenn sie ihre Mutter persönlich dazu um Erlaubnis bitten wollten.

Aufgefordert durch den Syndikus, suchten die drei Freundinnen die Mutter gleich am nächsten Tage auf und am Tage danach fuhren sie mit Helenen ab.

An demselben Abend noch speisten wir zu Abend mit ihnen, aber wir konnten dort nicht schlafen.

Der Syndikus sollte mich nach einem nahegelegenen Hause bringen, wo wir sehr gut wohnen würden.

Da dies so war, hatten wir keine Eile, und die Älteste, welche dringend wünschte, ihrem Freunde ein Vergnügen zu bereiten, sagte ihm, er könnte mit mir gehen, wenn er wollte; sie würde sich aber schlafen legen.

Dies sagend, nahm sie Helene, führte sie mit sich nach ihrem Zimmer und die beiden anderen gingen nach dem ihrigen.

Einige Augenblicke darauf trat der Syndikus in das Zimmer, in welchem sich Helene befand, und ich suchte die beiden anderen Freundinnen auf.

Nach einer Stunde unterbrach der Syndikus unsere Unterhaltung, indem er mich bat, mit ihm zu kommen.

»Was haben Sie mit Helene gemacht?« fragte ich ihn.

»Nichts; sie ist eine unfügsame Närrin,

Veröffentlicht / Quelle: 
Der unglückliche Canonikus, Enck-Verlag, Berlin-Tempelhof, 1925

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