Der unglückliche Canonikus - Page 8

von Giacomo Casanova
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ich mein Diner in dem Landhause des Herrn Tronchin festgesetzt hatte, bestellte ich bei meinem Wirt eine Mahlzeit, bei der nichts gespart werden sollte.

Ich vergaß nicht, ihm die besten Weine, die feinsten Liköre, Gefrorenes und alles Nötige zu einem Punsch zu empfehlen.

Ich sagte ihm, wir würden unserer sechs sein, denn ich sah voraus, daß Herr Tronchin an der Partie Teil nehmen würde. Ich täuschte mich nicht, denn er befand sich im seinem hübschen Landhause, um uns die Honneurs zu machen, und ich hatte keine Mühe, ihn zu bewegen, bei uns zu bleiben. Am Abend glaubte ich von diesem Diner dem Syndikus und den drei Freundinnen in Gegenwart Helenes kein Geheimnis machen zu dürfen; Helene stellte sich, als wüßte sie nichts, und sagte nur, ihre Mutter hätte ihr mitgeteilt, daß sie sie irgendwohin zum Essen mitnehmen würde.

»Ich bin entzückt,« fügte sie hinzu, »jetzt zu vernehmen, daß es nur in dem hübschen Landhause des Herrn Tronchin sein kann.«

Mein Diner war so, wie es der routinierteste Feinschmecker nur wünschen konnte, und Hedwig bildete in der Tat den ganzen Zauber desselben.

Dieses staunenerregende Mädchen behandelte die Theologie mit einer solchen Gewandtheit und verlieh dem Verstande eine so mächtige Anziehungskraft, daß es unmöglich war, sich nicht fortgerissen zu fühlen, selbst wenn man nicht überzeugt war.

Ich habe nie einen Theologen gesehen, der fähig gewesen wäre, gleich im ersten Augenblicke die abstraktesten Punkte dieser Wissenschaft mit solcher Leichtigkeit und solcher wahren Würde zu besprechen, als diese junge und schöne Person, die mich während dieses Mittagessens vollkommen entflammte.

Herr Tronchin, der Hedwig noch nie gehört hatte, dankte mir hundert Mal dafür, ihm dieses Vergnügen bereitet zu haben, und da er uns in dem Augenblick verlassen mußte, als wir vom Tisch aufstanden, forderte er uns auf, die Partie auf den zweitnächsten Tag zu wiederholen.

Eine Eigentümlichkeit, welche mich während des Desserts interessierte, war, daß sich der Pastor an seine frühere Zärtlichkeit für die Mutter Helenes erinnerte. Seine verliebte Beredsamkeit wuchs in dem Grade, wie er seine Kehle mit Champagner, Zyperwein und Likören anfeuchtete.

Die Mutter hörte ihn wohlgefällig an und bot ihm die Spitze, während die Mädchen ebenso, wie ich selbst, nur mäßig getrunken hatten.

Die Verschiedenheit der Getränke, besonders der Punsch, hatten ihre Wirkung getan und meine Schönen waren ein wenig berauscht.

Ihre Heiterkeit war reizend, aber beinahe ausgelassen.

Ich ergriff diese allgemeine Stimmung, um von den beiden bejahrten Liebenden die Erlaubnis zu erbitten, die Damen in dem Garten am Ufer des Sees spazieren zu führen, und diese Erlaubnis wurde mir mit der größten Bereitwilligkeit gegeben.

Wir gingen Arm in Arm, und wenige Minuten darauf waren wir aller Welt aus den Augen entschwunden.

»Wissen Sie wohl,« sagte ich zu Hedwig, »daß Sie das Herz des Herrn Tronchin gewonnen haben?«

»Ich wüßte damit nichts anzufangen, übrigens hat der ehrenwerte Bankier alberne Fragen an mich gerichtet.«

»Sie dürfen nicht glauben, daß alle Welt imstande sei, Fragen an Sie zu tun, die Ihrem Verstande angemessen sind.«

Wir gelangten an den Rand eines prachtvollen Teiches, zu dem man auf einer Marmortreppe hinabstieg.

Ich kam auf den Einfall, ihnen den Vorschlag zu machen, die Füße in das Wasser zu stellen, sie versichernd, das würde ihnen wohltun, und wenn sie es mir gestatteten, würde ich die Ehre haben, sie ihrer Fußbekleidungen zu entledigen.

»Nun, wir sind es zufrieden,« sagte die Nichte.

»So setzen Sie sich, meine Damen, auf die erste Stufe.«

Sie saßen, und ich beschäftigte mich, auf der vierten Stufe stehend, damit, ihnen Schuhe und Strümpfe auszuziehen, wobei ich die Schönheit ihrer Beine pries und für den Augenblick keine Miene machte, neugierig zu sein, um mehr zu sehen, als bis zum Knie hinauf. Dann ließ ich sie bis zum Wasser hinabgehen; sie mußten nun wohl ihre Kleider aufheben und ich ermutigte sie noch dazu.

»Nun gut,« sagte Hedwig, »die Männer haben auch Schenkel.«

Helene, die sich geschämt haben würde, minder mutig zu sein, als ihre Kusine, blieb nicht zurück.

»Jetzt, meine reizenden Najaden,« sagte ich, »ist es genug. Sie könnten sich den Schnupfen holen, wenn Sie noch länger im Wasser blieben.«

Sie stiegen rückwärts wieder heraus, indem sie sich hoch aufgeschürzt hielten, aus Furcht, ihre Kleider naß zu machen, und mir fiel es zu, sie mit allen Taschentüchern, die ich hatte, abzutrocknen.

Dies angenehme Geschäft gestattete mir, bequem alles zu sehen und zu berühren, und der Leser wird es mir wohl glauben, wenn ich ihm die Versicherung gebe, daß ich mich dem Genusse ganz hingab.

Die schöne Nichte sagte mir, ich wäre zu neugierig; Helene aber ließ mich mit einem so zärtlichen und so schmachtenden Wesen gewähren, daß ich mir Gewalt antun mußte, um nicht weiter zu gehen.

Endlich hatte ich ihnen Strümpfe und Schuhe wieder angezogen und sagte, ich wäre entzückt, die geheimen Schönheiten der beiden reizendsten Mädchen in Genf erblickt zu haben.

»Wir können noch zwei volle Stunden hier verweilen, ohne Furcht, daß irgend jemand zu uns kommt.«

Diese Antwort ließ mich das ganze Glück erblicken, das meiner wartete; ich hielt es nicht für angemessen, mich einer Krankheit auszusetzen, indem ich in dem Zustande, in welchem ich mich befand, in das Wasser ging. —

Ich sah in geringer Entfernung ein Gartenhaus, und überzeugt, daß Herr Tronchin es offen gelassen haben würde, nahm ich meine Schönen unter den Arm und führte sie dahin, ohne sie meine Absichten erraten zu lassen.

Der Pavillon war mit Vasen, hübschen Kupferstichen usw. verziert, das Beste aber war ein breiter und schöner Divan, der zur Ruhe und zum Vergnügen einzuladen schien.

Hier zwischen den beiden Schönheiten sitzend, überhäufte ich sie mit Liebkosungen.

Unsere Hände gestatteten sich gegenseitig alle nur möglichen Freiheiten und so brachten wir noch eine halbe Stunde küssend zu.

Wir waren vertraute Freunde geworden und bereits auf dem besten Wege, es noch mehr zu werden; wir schritten dann dem Hause zu, wo wir die Mutter Helenes und den Pastor fanden, die an dem Ufer des Sees auf und nieder gingen.

Nach Genf zurückgekehrt, brachte ich den Abend bei den drei Freundinnen zu und hütete mich wohl, dem Syndikus meinen Sieg über Helene zu verraten; denn diese Mitteilung würde nur dazu gedient haben, seine Hoffnung zu erneuern, und er hätte seine Zeit und Mühe verloren.

Ich selbst würde ohne die Theologin nie etwas erlangt haben; aber Helene bewunderte

Veröffentlicht / Quelle: 
Der unglückliche Canonikus, Enck-Verlag, Berlin-Tempelhof, 1925

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