Der unglückliche Canonikus - Page 6

von Giacomo Casanova
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sie hat sich unter der Decke versteckt und wollte die Scherze nicht ansehen, die ich mit ihrer Freundin vornahm.«

»Sie hätten sich an sie selbst wenden sollen.«

»Ich tat es, aber sie stieß mich mehrmals zurück. Ich bin erschöpft und außer mir, denn ich fühle mich überzeugt, daß ich bei dieser Wilden nie zu irgend etwas gelange, Sie müßten es denn übernehmen, sie zu zähmen.«

»Wie soll ich das anstellen?«

»Gehen Sie morgen zum Essen zu ihr; ich werde nicht mit Ihnen kommen, denn ich muß den Tag in Genf zubringen. Ich komme zum Abendessen, und wenn wir sie berauschen, dann könnten —!«

»Das wäre schade; lassen Sie mich gewähren.«

Ich ging also allein am nächsten Tage zu ihnen und bat sie um ein Mittagessen; sie bewirteten mich festlich in der ganzen Bedeutung des Wortes.

Nach dem Essen machten wir einen Spaziergang und die drei Freundinnen kamen meinem Wunsche entgegen, indem sie mich allein mit der schönen Widerspenstigen ließen, die allen meinen Liebkosungen, allen meinen Bitten Widerstand leistete und mir beinahe jede Hoffnung raubte, sie zu bezwingen.

»Der Syndikus,« sagte ich ihr, »ist verliebt in Sie und diese Nacht —«'

»Diese Nacht,'« unterbrach sie mich, »diese Nacht unterhielt er sich mit seiner alten Freundin. Ich habe nichts dagegen, daß jeder nach seiner Laune und seinem Vergnügen handelt; aber ich will, daß man mir die Freiheit meines Tuns und meiner Neigungen läßt.«

»Wenn es mir gelänge, Ihr Herz zu erobern, so würde ich mich für glücklich halten!«

»Weshalb laden Sie den Pastor nicht ein, irgendwo mit meiner Kusine zu speisen?«

»Sie würden mich mit sich nehmen, denn mein Onkel schätzt alle die, welche sich für seine Nichte interessieren.«

»Das erfahre ich mit Vergnügen, Hat sie einen Liebhaber?«

»Niemand.«

»Wie ist das möglich? Sie ist jung, hübsch, heiter und geistreich.«

»Sie kennen Genf nicht. Ihr Geist ist eben die Ursache, daß kein junger Mann ihr seine Liebe zu erklären wagt.«

»Die, welche ihre Person vielleicht vorziehen würden, entfernen sich von ihr wegen ihres Geistes, denn sie würden die Unterhaltung nicht fortzuführen vermögen.«

»Sind denn aber die jungen Männer in Genf so unbedeutend?«

»Im Allgemeinen, ja. Jedoch muß man zugestehen, daß viele eine gute Erziehung erhalten und sehr gute Studien gemacht haben: im Ganzen genommen aber besitzen sie viele Vorurteile: Niemand will für einfältig oder dumm gelten; und dann ist auch die hiesige Jugend weit entfernt, dem Geiste und der guten Erziehung der Frau nachzulaufen.«

»Daran fehlt viel; wenn ein junges Mädchen Geist oder Kenntnisse besitzt, so muß sie beides verbergen, wenn sie sich zu verheiraten wünscht.«

»Ich sehe jetzt, reizende Helene, weshalb Sie während des Mittagessens bei Ihrem Onkel den Mund nicht aufgetan haben.«

»Ich weiß, daß ich nicht nötig habe, mich zu verstellen.«

»Das ist daher der Grund, der mich an jenem Tage das Schweigen bewahren ließ, und ich kann Ihnen ohne Eitelkeit, wie ohne Scham sagen, daß das Vergnügen meinen Mund geschlossen hielt.«

»Ich bewunderte meine Kusine, die von Jesus Christus sprach, wie ich von meinem Vater sprechen würde, und die sich nicht fürchtete, sich in einer Wissenschaft gelehrt zu zeigen, von welcher ein anderes Mädchen behaupten würde, sie nicht zu verstehen.«

»Verstehen – selbst wenn sie davon so viel wüßte, als ihre Großmutter.«

»Das liegt in den Sitten, oder vielmehr in den Vorurteilen.«

»Sie urteilen zum Entzücken, meine teure Helene, und ich seufze schon nach der Partie, welche Sie vorgeschlagen haben.«

»Ich werde das Vergnügen genießen, mit meiner Kusine zusammen zu sein.«

»Ich lasse ihr Gerechtigkeit widerfahren, schöne Helene; Hedwig ist liebenswürdig und interessant; glauben Sie mir indes, daß ich mich hauptsächlich deshalb darauf freue, weil Sie, die mich entzückt, mit von der Partie sein werden.«

»Und wenn ich Ihnen nicht glaube?«

»Dann hätten Sie unrecht und würden mir viel Schmerz bereiten, denn ich liebe Sie zärtlich.«

»Dessenungeachtet haben Sie versucht, mich zu hintergehen. Ich bin überzeugt, daß Sie den drei jungen Mädchen, die ich sehr bedauere, Beweise der Zärtlichkeit gaben.«

»Weshalb beklagen Sie sie?«

»Weil keine von ihnen sich einbilden kann, daß Sie sie ausschließlich lieben.«

»Und glauben Sie, daß dieses Zartgefühl Sie glücklicher macht, als jene?«

»Ja, ich glaube es, obgleich ich in dieser Hinsicht ganz unerfahren bin.«

»Sagen Sie mir aufrichtig, ob Sie glauben, daß ich recht habe.«

»Ja, ich glaube es.«

»Sie entzücken mich; aber wenn ich recht habe, dann gestehen Sie ein, daß Sie, indem Sie mich mit ihnen vereinigen wollten, mir keinen solchen Beweis der Liebe gaben, als ich hätte verlangen können, um von Ihrer Liebe überzeugt zu werden.«

»Ja, auch das gestehe ich und bitte Sie aufrichtig darüber um Verzeihung.«

»Jetzt, göttliche Helene, sagen Sie mir, wie ich es anfangen muß. um den Pastor zum Essen einzuladen.«

»Das ist nicht schwierig. Gehen Sie zu ihm und bitten Sie ihn ganz einfach; und wollen Sie überzeugt sein, daß ich mit von der Partie sein werde, so fordern Sie ihn auf, mich mit meiner Mutter einzuladen.«

»Weshalb Ihre Mutter?«

»Weil er vor zwanzig Jahren sehr in dieselbe verliebt war und sie noch immer liebt.«

»Und wo kann ich das Diner geben?«

»Ist nicht Herr Tronchin Ihr Bankier?«

»Ja.«

»Er hat ein schönes Landhaus an dem See. Bitten Sie ihn für einen Tag darum und er wird es Ihnen mit Vergnügen leihen. Tun Sie das, aber sagen Sie weder dem Syndikus, noch seinen drei Freundinnen etwas davon; wir werden es ihnen später mitteilen.«

»Glauben Sie aber, daß Ihre gelehrte Kusine gern mit mir zusammen sein wird?«

»Mehr als gern, davon dürfen Sie sich überzeugt halten.«

»Nun gut, so soll das alles morgen angeordnet worden.«

»Übermorgen kehren Sie nach der Stadt zurück und ich setze die Partie für zwei oder drei Tage später an.«

Der Syndikus kam, als es Abend wurde, zu uns und wir verbrachten den Abend sehr heiter.

Nach dem Souper gingen die Mädchen, wie an dem Tage zuvor, schlafen und ich trat in das Zimmer der älteren ein, während mein Freund die jüngeren aufsuchte.

Ich wußte, daß alles, was ich unternehmen könnte, um Helene zu besiegen, nutzlos sein würde, ich begnügte mich daher mit einigen Küssen, wünschte ihnen darauf eine gute Nacht und machte den beiden Jüngsten einen Besuch.

Ich fand sie in tiefem Schlafe und der Syndikus langweilte sich ganz allein.

Ich erheiterte ihn nicht, als ich ihm sagte, ich hätte keine Gunst erlangen können.

»Ich sehe wohl,« sagte er, »daß ich meine Zeit bei dieser kleinen Närrin verlieren werde,

Veröffentlicht / Quelle: 
Der unglückliche Canonikus, Enck-Verlag, Berlin-Tempelhof, 1925

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