Der unglückliche Canonikus - Page 9

von Giacomo Casanova
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ihre Kusine und würde gefürchtet haben, zu tief unter ihr zu stehen, wenn sie sich weigerte, die freien Handlungen nachzuahmen, welche für sie der Maßstab für die Freiheit ihres Geistes waren.

Helene kam diesen Abend nicht, aber ich sah sie am nächsten Tage bei ihrer Mutter, denn die Artigkeit verlangte, der Witwe für die Ehre zu danken, die sie mir erwiesen hatte. Sie empfing mich auf das freundschaftlichste und stellte mir zwei junge sehr hübsche Mädchen vor, die sie in Pension hatte und die mich interessiert haben würden, hätte ich länger in Genf bleiben wollen; da ich aber nur wenige Tage mich hier aufhalten wollte, verdiente Helene meine ganze Aufmerksamkeit.

Das Diner des Bankiers war schön.

Er setzte eine große Eitelkeit darin, zu zeigen, daß die Mahlzeit eines Gastwirtes nie mit der wetteifern kann, welche ein reicher Hausherr gibt, der einen guten Koch hat, einen ausgesuchten Keller, schönes Silberzeug und sehr feines Porzellan. Wir waren unserer zwanzig Personen zu Tisch und das Fest wurde der gelehrten Theologin und mir zu Ehren gegeben, der als reicher Fremder freigebig sein Geld ausgab.

Ich fand auch Herrn von Ximènes, der dazu aus Ferny gekommen war und mir sagte, ich würde bei Herrn von Voltaire erwartet; ich hatte aber den albernen Entschluß gefaßt, nicht hinzugehen.

Hedwig unterhielt die ganze Gesellschaft.

Nach dem Essen wollte alle Welt dieses wahrhaft staunenerregende Mädchen mit Artigkeiten überhäufen, so daß es mir unmöglich war, einen Augenblick allein mit ihr zu sprechen, um ihr meine Zärtlichkeit auszudrücken.

Aber ich trat mit Helene beiseite, und sie sagte mir, ihre Kusine würde am nächsten Tage mit dem Pastor bei ihrer Mutter zu Abend speisen.

»Hedwig,« fügte sie hinzu, »bleibt bei uns und wir schlafen dann beisammen, wie dies jedesmal geschieht, wenn sie mit ihrem Onkel zum Abendessen kommt.«

»Es handelt sich darum, zu wissen, ob Sie, um die Nacht mit mir zubringen zu können, sich entschließen wollen, sich an einem Ort zu verstecken, den ich Ihnen morgen früh um elf Uhr bezeichnen werde.«

»Machen Sie zu dieser Stunde meiner Mutter einen Besuch, und ich werde einen passenden Augenblick finden, Ihnen das Versteck zu zeigen.«

»Sie werden sich dort nicht eben bequem finden, aber sicher, und wenn Sie sich langweilen, so denken Sie, um sich zu zerstreuen, daran, daß wir viel an Sie denken werden.«

»Bleibe ich lange versteckt?«

»Höchstens vier Stunden, denn um sieben Uhr wird die Straßentür geschlossen und nur denjenigen noch geöffnet, welche klingeln.«

»Wenn ich an dem Orte, wo ich mich befinde, husten sollte, könnte ich dann gehört werden?«

»Ja, das wäre möglich.«

»Das ist eine große Schwierigkeit. Alles Übrige ist nichts. Aber gleichviel, ich werde alles wagen, um mir das größte Glück zu verschaffen, das ich mir jemals gewünscht habe. Ich nehme alles an.«

Am nächsten Morgen machte ich einen Besuch bei der Witwe, und indem Helene mich begleitete, zeigte sie mir zwischen zwei Treppen eine verschlossene Tür. – »Um sieben Uhr,« sagte sie, »werden Sie die Tür offen finden, und wenn Sie eingetreten sind, verriegeln Sie sie hinter sich.«

»Wenn Sie kommen, passen Sie, um hinein zu gehen, einen Augenblick ab, wo niemand Sie sehen kann.«

Um sechs und drei Viertel Uhr war ich in meinem Loche eingesperrt, in welchem ich einen Sitz fand.

Das war ein Glück, denn sonst hätte ich mich weder niederlegen, noch aufrecht stehen können.

Es war ein wahres Loch, und an dem Geruche erkannte ich, daß hier Schinken und Käse aufbewahrt wurde; augenblicklich waren aber keine da, denn ich tastete rechts und links umher, um mich in der tiefen Finsternis ein wenig zurecht zu finden.

Vorsichtig mit den Füßen herumtastend, stieß ich auf einen weichen Gegenstand.

Ich fühlte mit der Hand hin und erkannte ein leinenes Tuch.

Es war eine Serviette, in welcher sich eine zweite befand, und zwei Teller, zwischen denen ein schönes gebratenes Huhn und Brot verwahrt wurden. Dicht daneben fand ich auch eine Bouteille und ein Glas.

Ich wußte meinen schönen Freundinnen Dank, an meinen Magen gedacht zu haben; aber ich hatte reichlich zu Mittag gegessen und aus Vorsicht ein wenig spät. Ich verschob es daher, diesen Speisen Ehre anzutun, bis die Schäferstunde nahen würde.

Um neun Uhr machte ich mich endlich an das Werk, und da ich weder Pfropfenzieher noch Messer hatte, mußte ich den Hals der Flasche mit einem Stückchen Stein abschlagen, den ich aus dem lockern Fußboden ziehen konnte.

Es war köstlicher alter Wein von Neufchâtel; außerdem war mein Huhn ganz nach Wunsch mit Trüffeln gefüllt, und diese beiden Reizmittel bewiesen mir, daß meine beiden Nymphen einige Begriffe von der Physik hätten, oder daß der Zufall sie darauf brachte, mich gut zu bedienen.

Ich hätte meine Zeit in diesem Loche ziemlich geduldig zugebracht, hätte ich nicht häufig den Besuch einer Ratte empfangen, die sich durch ihren widerlichen Geruch ankündigte und mir dadurch Übelkeit verursachte.

Ich erinnerte mich, daß ich dieselbe Unannehmlichkeit in Köln bei einer ganz ähnlichen Veranlassung empfunden hatte.

Endlich schlug es zehn Uhr; eine halbe Stunde darauf hörte ich die Stimme des Pastors.

Kurz nach der Entfernung des Pastors hörte ich drei leise Schläge an der Tür meines Versteckes. Ich öffnete und eine Hand, weich wie Atlas, bemächtigte sich der meinigen.

Alle meine Sinne erbebten. Es war die Hand Helenens; sie hatte mich elektrisiert, und dieser Augenblick des Glückes belohnte mich schon für mein langes Harren.

»Folgen Sie mir leise,« sagte sie halblaut, sobald sie die kleine Tür wieder geschlossen hatte. Aber in meiner Ungeduld schloß ich sie zärtlich in meine Arme, sie die Wirkung fühlen lassend, welche sie schon durch ihre Gegenwart allein bei mir hervorbrachte; ich überzeugte mich auch von ihrer vollständigen Fügsamkeit. »Seien Sie vernünftig,« sagte sie, »und gehen wir leise hinauf.«

Ich folgte ihr tastend, und am Ende eines langen winkeligen Ganges ließ sie mich in ein Zimmer ohne Licht eintreten, das sie hinter uns verschloß; dann öffnete sie ein anderes, welches beleuchtet war und in welchem ich Hedwig beinahe ganz entkleidet erblickte. Sie kam mir mit offenen Armen entgegen, sobald sie mich sah, und mich voll Glut küssend, bezeugte sie mir die lebhafteste Dankbarkeit für die Geduld, mit der ich an einem so traurigen Aufenthaltsorte gewartet hatte.

»Meine göttliche Hedwig,« sagte ich, »wenn ich Sie nicht wahnsinnig liebte, so würde ich nicht eine Viertelstunde in dem abscheulichen Loche verweilt haben; allein es hängt nur von Ihnen ab. mich während der ganzen Zeit, die ich hier bleibe, täglich einige Stunden darin zubringen zu lassen.«

»Verlieren wir indes keine Zeit, meine teuren Freundinnen, und legen wir uns nieder.«

»Gehen Sie beide zu Bett,« sagte Helene; »ich werde die Nacht auf dem Sofa zubringen.«

»O, was das betrifft, Kusine,« rief Hedwig, »so denke nicht daran; unser Geschick muß vollkommen gleich sein.«

»Ja, göttliche Helene, ja,« sagte ich, sie umarmend; »ich liebe Sie beide gleich sehr, und alle Zeremonien dienen nur dazu, uns eine kostbare Zeit verlieren zu lassen, während welcher ich Ihnen mein zärtliches Feuer beweisen könnte« — und unter gegenseitigen Liebkosungen beteuerte ich beiden, daß ich während meines Aufenthaltes in Genf noch oft mit ihnen glücklich zu sein hoffte.

Seufzend entgegneten sie mir, das sei unmöglich. — »In fünf oder sechs Tagen,« sagte Helene, »können wir uns vielleicht wieder ein solches Fest gewähren; aber das wird auch alles sein.«

»Laden Sie uns morgen zum Abendessen in Ihr Gasthaus ein,« sagte Hedwig, »und der Zufall kann uns dann vielleicht die Gelegenheit zu einem süßen Spiel bieten.«

Ich merkte mir diesen Rat.

Wir setzten unsere Unterhaltung mehrere Stunden fort und fühlten uns vollkommen glücklich.

Die Nacht erschien uns kurz, obgleich wir keine einzige Minute verloren hatten, und mit Tagesanbruch mußten wir uns trennen.

Ich ließ sie zurück und war glücklich genug, das Haus zu verlassen, ohne von irgend jemand gesehen zu werden.

Nachdem ich bis Mittag geschlafen hatte, stand ich auf, zog mich an und machte einen Besuch bei dem Pastor, bei welchem ich seine reizende Nichte auf das eifrigste lobte.

Das war das sicherste Mittel, ihn dahin zu bringen, am nächsten Tage in der »Wage« bei mir zu Abend zu essen.

»Wir sind in der Stadt,« sagte ich, »also können wir so lange beisammen bleiben, als wir wollen. Bemühen Sie sich indes, die liebenswürdige Witwe und deren reizende Tochter mitzubringen.«

Er versprach es mir.

Am Abend besuchte ich den Syndikus und die drei Freundinnen, die mich etwas kalt fanden.

Ich schützte starke Kopfschmerzen vor.

Ich sagte ihnen, ich gäbe der Gelehrten ein Abendessen, und lud sie ein, mit dem Syndikus ebenfalls zu kommen.

Ich hatte indes vorausgesehen, daß dieser es nicht zugeben würde, weil man darüber geklatscht hätte.

Ich sorgte dafür, daß die feinsten Weine den vorzüglichsten Teil meines Abendessens ausmachten.

Der Pastor und seine Freundin tranken tüchtig und ich schmeichelte ihrem Geschmack auf das beste.

Als ich sie auf dem Punkt erblickte, auf dem ich sie haben wollte, den Kopf ein wenig eingenommen, ganz mit ihren Erinnerungen beschäftigt, gab ich den beiden Schönen ein Zeichen, und sie gingen hinaus, als wollten sie irgendeinen Ort aufsuchen.

Ich tat, als wollte ich sie zurechtweisen, und begleitete sie nach einem anderen Zimmer, ihnen mitteilend, sie möchten mich hier erwarten.

In das erste Zimmer zurückgekehrt, fand ich meine beiden Alten ganz mit sich beschäftigt, so daß sie kaum meine Anwesenheit bemerkten; ich machte Punsch, und nachdem ich ihnen denselben vorgesetzt hatte, sagte ich, ich wollte auch den jungen Damen welchen bringen, die sich damit unterhielten, Kupferstiche zu besehen.

Ich verlor keinen Augenblick und sie fanden das, was ich ihnen zeigte, sehr interessant.

Dergleichen gestohlene Vergnügungen haben einen unaussprechlichen Reiz.

Als wir so ziemlich befriedigt waren, kehrten wir miteinander zurück, und ich verdoppelte den Punsch.

Helene lobte die Kupferstiche gegen ihre Mutter und forderte dieselbe auf, sie mit uns zu besehen.

»Ich habe dazu keine Lust,« entgegnete sie.

»Nun,« sagte Helene, »so wollen wir sie noch weiter besehen.« —

Ich fand diese List köstlich und ging mit meinen beiden Heldinnen hinaus.

Hedwig philosophierte über das Vergnügen und sagte mir, sie hätte es nimmermehr kennen gelernt, wenn ich nicht zufällig die Bekanntschaft ihres Onkels gemacht hätte.

Helene sprach nicht, aber hingebender als ihre Kusine, girrte sie wie eine Taube und wurde lebhaft erregt, um den Augenblick darauf wieder ermattet hinzusinken.

Ich bewunderte diese staunenswerte, obgleich ziemlich häufige Erregtheit.

Ehe wir uns trennten, versprach ich ihnen, täglich die Mutter Helenes zu besuchen, um Gelegenheit zu haben, dort zu erfahren, welche Nacht ich vor meiner Abreise von Genf wieder bei ihnen zubringen könnte. Wir trennten uns dann um zwei Uhr morgens.

Drei oder vier Tage darauf sagte mir Helene mit zwei Worten, Hedwig würde die Nacht bei ihr schlafen und ihre Türe zu derselben Stunde wie früher offen lassen.

»Ich komme.«

»Und ich werde Sie einschließen; allein Sie werden im Dunkeln bleiben, weil die Magd das Licht bemerken könnte.«

Ich war pünktlich, und um zehn Uhr sah ich sie voll Heiterkeit eintreten.

»Ich vergaß Ihnen zu sagen,« bemerkte sie, »daß Sie hier ein Huhn finden werden.« Ich hatte Hunger, verzehrte es im Nu, und dann gaben wir uns dem Glücke hin.

Ich mußte am nächsten Tage abreisen. Ich hatte zwei Briefe von Herrn Raiberti empfangen. Er sagte mir in dem einen, er hätte meine Weisungen in bezug auf die Corticelli befolgt, und in dem zweiten, sie würde wahrscheinlich während des Karnevals als erste Figurantin tanzen und Gage bekommen. Ich hatte in Genf nichts mehr zu tun und nach unserem Übereinkommen erwartete Frau d'Urfé mich in Lyon. Ich mußte zu ihr gehen. Bei dieser Sachlage war die Nacht, die ich mit den beiden reizenden Mädchen zubringen sollte, die letzte.

Meine Lehren hatten, Früchte getragen, und meine beiden Zöglinge waren zu Meisterinnen in der Kunst herangereift. Glück zu genießen und zu gewähren; in den Pausen aber wich die Freude der Trauer. »Wir werden unglücklich sein, mein Freund,« sagte Hedwig, »und wären bereit, dir zu folgen, wolltest du dich mit uns belästigen.«

»Ich verspreche Euch, meine teuern Freundinnen, bald zurückzukehren.«

Sie brauchten nicht lange zu warten.

Am anderen Abend besuchte ich den Syndikus und dessen junge Freundinnen. Ich fand Helene bei ihnen, die sich stellte, als ob meine Reise sie nicht so betrübte wie die anderen; um ihr Spiel besser zu verbergen, erlaubte sie dem Syndikus, ihr gleich den anderen Küsse zu geben. Ich ahmte ihre List nach und bat sie, ihrer gelehrten Kusine mein Lebewohl zu überbringen und mich dabei zu entschuldigen, daß ich mich nicht persönlich von ihr verabschieden könne.

Am nächsten Tage früh morgens reiste ich ab.

Zu Anfang des Dezember in Turin eintreffend, fand ich in Rivoli die Corticelli, welche der Chevalier Raiberti von meiner Ankunft benachrichtigt hatte. Sie übergab mir einen Brief dieses liebenswürdigen Mannes, der mir darin das Haus angab, welches er für mich gemietet hatte, da ich nicht im Gasthause absteigen wollte.

Veröffentlicht / Quelle: 
Der unglückliche Canonikus, Enck-Verlag, Berlin-Tempelhof, 1925

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