Der unglückliche Canonikus - Page 7

von Giacomo Casanova
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und ändere endlich meinen Plan.«

»Ich glaube,« antwortete ich ihm, »daß dies das Kürzeste und vielleicht auch das Beste ist, was Sie tun können; denn nach einer gefühllosen oder eigensinnigen Schönen zu schmachten, heißt sich selbst betrügen.«

»Das Glück muß weder zu leicht noch zu schwer zu erlangen sein.«

Am nächsten Tage gingen wir miteinander nach Genf, und Herr Tronchin zeigte sich entzückt, mir das von ihm erbetene Vergnügen gestatten zu können. Der Pastor nahm meine Einladung an und sagte mir, er wäre gewiß, daß ich mich freuen würde, die Bekanntschaft der Mutter Helenes zu machen. Man konnte leicht sehen, daß der brave Mann für diese Frau ein zärtliches Gefühl nährte, und wenn sie dasselbe ein wenig erwiderte, konnte es meine Absichten nur begünstigen.

Ich rechnete darauf, noch an demselben Abend mit den Freundinnen und der reizenden Helene in dem Hause an dem See zu soupieren, allein ein Brief, den ich durch einen expressen Boten erhielt, zwang mich, sogleich nach Lausanne zu reisen.

Meine ehemalige Haushälterin, Madame Lebel, die ich noch jetzt liebe, lud mich ein, mit ihr und ihrem Manne zu Abend zu speisen.

Sie schrieb mir, sie hätte ihren Mann bewogen, sie sofort nach dem Empfang meines Briefes nach Lausanne zu führen; sie fügte hinzu, sie wäre überzeugt, daß ich alles aufgeben würde, um ihr das Vergnügen zu verschaffen, sie zu sehen.

Sie nannte mir die Stunde, zu welcher sie bei ihrer Mutter eintreffen würde.

Madame Lebel ist eine der zehn oder zwölf Frauen, die ich während meiner glücklichen Jugend am zärtlichsten geliebt habe.

Sie besaß alles, was man wünschen kann, um in der Ehe glücklich zu sein, wenn mein Schicksal gewesen wäre, dieses Glück kennen zu lernen.

Bei meinem Charakter habe ich aber vielleicht sehr wohl daran getan, mich nicht unwiderruflich zu binden, obgleich in meinem Alter meine Unabhängigkeit eine Art von Sklaverei ist.

Wenn ich mich mit einer Frau verheiratet hätte, die gewandt genug gewesen wäre, mich zu leiten und mich zu unterwerfen, ohne daß ich meine Unterwerfung hätte bemerken können, so würde ich für mein Vermögen gesorgt und Kinder bekommen haben, und ich wäre dann nicht, wie ich es jetzt bin, allein in der Welt und ohne Vermögen.

Doch lassen wir diese Abschweifungen in eine Vergangenheit, die nicht zurückzurufen ist, und da ich in meinen Erinnerungen glücklich bin, würde ich wahnsinnig werden, wollte ich mir nutzlose Reue verursachen.

Ich berechnete, daß ich, wenn ich sogleich aufbräche, Lausanne eine Stunde vor meiner teuern Dubois erreichen könnte, und ich zögerte nicht, ihr diesen Beweis meiner Achtung zu gewähren.

Ich muß hier meinen Lesern sagen, daß sich doch, obgleich ich diese Frau liebte, und beschäftigt mit einer anderen Leidenschaft, keine Hoffnung der Wollust in meinen Eifer mischte; meine Achtung für sie würde hingereicht haben, meine Liebe im Zügel zu halten; aber ich schätzte auch Lebel, und ich würde mich nimmermehr der Gefahr ausgesetzt haben, das Glück dieser beiden Freunde zu trüben.

Ich schrieb in aller Hast ein Billett an den Syndikus, um ihm zu sagen, daß eine wichtige und unvorhergesehene Angelegenheit mich nötigte, nach Lausanne zu reisen, daß ich aber am zweiten Tage darauf des Vergnügens genießen würde, mit ihm in Genf bei den drei Freundinnen zu Abend zu speisen.

Um fünf Uhr stieg ich bei der Mutter Dubois ab, fast sterbend vor Hunger.

Die Überraschung dieser guten Frau bei meinem Anblick war außerordentlich groß; denn sie wußte nicht, daß ihre Tochter sie besuchen würde.

Ohne viele Umstände gab ich ihr zwei Louisdor, um uns ein Abendessen zu besorgen, wie es für mich nötig war.

Um sieben Uhr kam Madame Lebel mit ihrem Manne und einem Kinde von achtzehn Monaten.

Unser Zusammentreffen war vom Glück begleitet. Während der zehn Stunden, die wir bei Tische zubrachten, schwammen wir in Freude.

Mit Tagesanbruch reisten wir nach Solothurn, wo Lebel Geschäfte hatte.

Herr von Savigny ließ mir tausend freundliche Dinge sagen.

Lebel beteuerte mir, der Gesandte wäre sehr gütig gegen seine Frau und er selbst dankte mir für das Geschenk, das ich ihm machte, indem ich sie ihm abtrat. Ich konnte mich mit eigenen Augen überzeugen, daß er glücklich war und auch seine Frau glücklich machte.

Meine teure Haushälterin sprach von meinem Sohne. Sie sagte mir, daß niemand die Wahrheit ahnete, daß sie aber wüßte, woran sie sich zu halten hätte, und ebenso auch Lebel, der gewissenhaft den Vertrag erfüllt hätte, ihre Ehe erst nach Verlauf der zwei festgesetzten Monate zu vollziehen.

»Dieses Geheimnis,« sagte Lebel, »wird niemals bekannt werden, und Ihr Sohn ist mein Erbe, entweder allein, oder in Teilung mit meinen Kindern, wenn ich solche bekomme, woran ich indes zweifele.«

»Mein Freund,« sagte sie, »es gibt wohl jemand, der die Wahrheit ahnet, besonders indem das Kind größer wird; allein wir haben von der Seite nichts zu fürchten, denn die vortreffliche Person ist dafür bezahlt, das Geheimnis zu bewahren.«

»Und wer ist diese Person, meine teure Lebel?« fragte ich sie.

»Es ist Frau von ***, die Sie nicht vergessen hat, denn sie spricht sehr oft von Ihnen.«

»Wollen Sie, meine Teure, meine Grüße an sie übernehmen?«

»O, sehr gern, mein Freund, und ich bin überzeugt, ihr damit ein großes Vergnügen zu machen.«

Lebel zeigte mir meinen Ring und ich ließ ihn seinen Ring sehen, indem ich ihn für meinen Sohn eine prachtvolle Uhr mit meinem Portrait überreichte.

»Sie werden sie ihm übergeben, mein Freund,« sagte ich, »wann Sie es für passend halten.«

Ich verbrachte drei Stunden damit, ihnen mit allen Einzelheiten zu erzählen, was mir während der siebenundzwanzig Monate begegnet war, die wir uns nicht gesehen hatten.

Ihre Geschichte war nicht lang: ihr Leben hatte jene Einfachheit gehabt, welche dem friedlichen Glücke geziemt. Madame Lebel war noch immer schön; ich fand sie nicht verändert, ich selbst aber war es. Sie fand mich minder frisch und minder heiter, als bei unserer Trennung.

Sie hatte recht! Die falsche Lascaris hatte mir viel Kummer bereitet.

Nach den zärtlichsten Umarmungen reisten die beiden Gatten nach Solothurn und ich kehrte nach Genf zurück; da ich aber der Ruhe sehr bedürftig war, ging ich nicht zum Abendessen mit dem Syndikus und dessen Freundinnen, sondern schrieb ihm, ich wäre unwohl und würde daher erst am nächsten Tage das Vergnügen haben, sie zu sehen; dann legte ich mich schlafen.

Am folgenden Tage, dem, vor welchem

Veröffentlicht / Quelle: 
Der unglückliche Canonikus, Enck-Verlag, Berlin-Tempelhof, 1925

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