Wehmut gärt in mir aus herber Traube

von Annelie Kelch
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Es war lange hell draußen an jenem lauen Sommerabend unweit von Ur, das in Sumer liegt. Ich spielte mit meinen Brüdern Verstecken; wir waren ausgelassen wie noch Stunden zuvor unsere Kinder, die derweil tief und fest schliefen. Als ich an der Reihe war, Sem und Jafet zu suchen, führte mich der Weg an Vaters Zelt vorbei. Ein leises Geräusch, es klang wie ein Seufzer, ließ mich im Lauf innehalten.
Bei Gott, der mein Herz kennt: Ich wähnte Vater im Weinberg. Gewiss, er hatte uns strengstens verboten, sein Zelt während seiner Abwesenheit zu betreten, aber nachschauen, ob jemand darin sei, wäre wohl noch erlaubt, dachte ich und hob die Plane an. - Ich konnte kaum glauben, was ich sah: Vater lag sturzbetrunken und splitterfasernackt auf seinem Strohbett. Vermutlich hatte er sich im Rausch die Kleider vom Leib gerissen.
Das Zelt war erfüllt von einem üblen Dunst, einer Mischung aus saurem Wein und Erbrochenem. Es war das erste Mal, dass ich unseren Vater, den Retter der Menschheit, in einem derart erbarmungswürdigen Zustand sah. Allein aus diesem Grund ließ ich meinen Blick sekundenlang auf ihn ruhen.
Ach, hätte ich bloß darüber geschwiegen! Meist ist es der nächste Tag, der uns unsere Fehler vom verstrichenen deutlicher vor Augen führt, als eine Strafe Gottes je dazu imstande wäre.

Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass Sem und Jafet mich in eine Falle lockten; aber diesmal hatte ich den Ernst der Lage unterschätzt. Ich halte es sogar für möglich, dass meine Brüder ein Schlafpulver in Vaters Weinglas geschüttet und ihn später in sein Zelt geschleppt haben, um mich und die meinen um eine glückliche Zukunft zu bringen. Sie waren von jeher eifersüchtig auf mich, ihren jüngeren Bruder Ham.

Bei Vaters Namen denken alle sogleich an die Sintflut, aber kaum jemand weiß, das wollte ich schon immer mal loswerden, dass das bedrohliche Ereignis auf einem Hochwasser beruhte, ausgelöst durch einen heftigen Wirbelsturm, der die Ströme Euphrat und Tigris über ihre Ufer treten ließ. Gewiss, unsere Arche landete erst nach 150 Tagen auf den Bergen des Ararats, und wir waren heilfroh, endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren.

Jetzt hacken alle auf mir herum: Ich hätte die Heiligkeit der Familie zerstört, es am nötigen Respekt fehlen lassen, hätte unseren Vater, den einzigen Winzer im Zweistromland, entwürdigt und lächerlich gemacht, während Sem und Jafet über den grünen Klee gelobt werden.
Dass mich die Sorge plagte, Vater könne sich verkühlen – die Temperaturen sinken nachts bisweilen unter den Gefrierpunkt – oder sich gar ein zweites Mal erbrechen und daran ersticken, hat natürlich niemand zur Kenntnis genommen. Stattdessen schnappten sich Sem und Jafet Vaters alten Mantel, der draußen im Gras lag, und tänzelten rückwärts, das schwere Gewand auf den Schultern balancierend, in das Zelt hinein, um das Kleidungsstück über Vaters entblößten Körper gleiten zu lassen. Welch lächerliche Prozedur! - 'Eine Heldentat', meint Vater. Können Sie sich vorstellen, wie albern und gestelzt sich diese „Ehrerbietung“ ausnahm?

Ich verstehe das ganze Theater um Vaters Nacktheit ohnehin nicht. Hat nicht Gott höchstpersönlich seinen Adam monatelang barfuß bis an den Hals im Garten herumstromern lassen, noch dazu vor einem jungen Weib?
Das hat weder ihn noch Adam gestört, von Eva einmal ganz zu schweigen; aber um Vaters Blöße wird ein Heidenspektakel gemacht. Manchmal weiß Gott wirklich nicht, was er will: heute so und morgen genau das Gegenteil. Darüber, dass Vater beim Weingenuss über die Stränge geschlagen hat, ist bisher kein einziges Wort gefallen. Ich war von Anfang an dagegen, dass er den jungen Trieb, der halb vertrocknet am Feldsaum lag, im großen Stil kultiviert. Nichts als Unglück bringt das Gebräu aus den tiefroten Früchten, mit denen die Reben protzen, kaum dass sie aus dem Gröbsten heraus sind.
Als Vater kürzlich seine 'edlen Trauben' wegen einer dringlichen Feldarbeit vergaß und Tage später in den Bottich schaute, worin sie verwahrt lagen, waren sie zu einer Flüssigkeit vergärt, von der er etliche Gläschen herunterstürzte. Seither frönt er dieser Leidenschaft jeden Abend und bringt weder die Kraft noch die Schwäche auf, Kinder zu zeugen, obwohl Gott ihm ausdrücklich befohlen hat, für Nachkommenschaft zu sorgen.
Ein Chaldäer aus Erech, wenn ich den erwische!, verbreitet überall im Land, ich hätte Vater in jener Nacht kastriert. Einfach lächerlich! Allein das bisschen Blut, das nach einem heftigen Schnaufer mein Taschentuch netzt, lässt mich beinah die Besinnung verlieren.
Wenn Sie wüssten, was die Leute wegen meines lächerlichen Fehltritts über uns reden! Unsere Mutter, die mir bitter Leid tut, traut sich kaum noch aus dem Zelt.
Eine krankhafte Fantasie hat dieses Volk! Ich möchte die schmutzigen Theorien, die im Umlauf sind, lieber nicht vor Ihnen ausbreiten; eher mache ich aus meinem Herzen eine Mördergrube.

Ach, dieser Wein ist ein Teufel: Anfangs erfreut er mein Herz und ich fühle mich leicht und sorgenfrei, als schwebte ich über den Wolken, aber spätestens nach dem achten Glas packt mich das heulende Elend und ich kann an nichts anderes mehr denken als an Vaters Verdammung. -
„Verflucht sei Kanaan!“, hat er geschrien – und noch etwas, das ich nicht verstand, weil ich vor lauter Entsetzen Hals über Kopf davongestürmt bin.
Leider weiß ich nur zu gut, was dieser Fluch bedeutet: Meine Nachfahren werden in Knechtschaft leben und auf keinen grünen Zweig kommen.
Seit Vaters erstem Besäufnis quält mich Tag und Nacht die bange Frage: Wie um alles in der Welt kann ich meinen Kanaan vor dieser Gehässigkeit retten? Fast bin ich geneigt zu glauben, dass der Tod gerechter ist als das Leben.

Vater wird in wenigen Tagen 720. Ich mag gar nicht an die Feier denken, die ihm zu Ehren stattfinden wird, an den vielen Wein, der dann in Strömen fließt … hicks. Gewiss, er ist ein gewaltiger Zecher vor dem Herrn, aber ob er das überlebt … Dabei hat er erst kürzlich wieder gepredigt, dass die Liebe zum Wein maßvoll, aber von Dauer sein sollte – wie die Liebe zu einer Frau.

Würde sich der alte Zausel doch endlich daran halten!

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Kommentare

30. Nov 2016

Ein Text, der prickelnd sich bewährt -
In dem es gar geschichtlich gärt!
(Krause hasst ja feinen Wein -
Kippt fässerweise Bier sich rein ...)

LG Axel

30. Nov 2016

Man dankt; was soll man dazu sagen?
Jedem das Seine:
Krause - Bier
Noah - Weine ...
Hauptsache, es verträgt der Magen.

LG Annelie

LG Annelile