Eine seltsame Geschichte

von Ingeborg Schneidereit
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Es ist wirklich eine seltsame Geschichte, und seltsame Geschichten sind lediglich dazu da, berichtet zu werden; eine Forderung, der ich nicht widerstehen will. Es gibt viele seltsame Geschichten, aber wenn man sie erzählen will, dann muß man sich darüber klar werden, daß der Inhalt einen bestimmten Stil verlangt. Wenn ein Mann auf eine kuriose Art sich seines Mantels entledigt, dann wird diese vieldeutige Demonstration zur literarischen Pantomime werden müssen, um sich einem geneigten Publikum dartun zu können. Natürlich muß man wissen, welches Publikum man sich zugänglich machen kann; jedes Unternehmen birgt eben Risiken in sich, und das größte aller Risiken ist die Interpretationsmöglichkeit des Wortes. Aber welches Publikum läßt sich für eine Geschichte interessieren, die mit: ''Es war wirkich eine seltsame Geschichte ... " beginnt. Das klingt altmodisch, das klingt nach Märchen; also sollte man sie für Kinder erzählen? Was aber verbindet man mit dem Begriff Kind? Erstaunte Augen und halboffene Mündchen? Vertrauender Glaube in eine Welt von Erwachsenen? Eine Welt von Erwachsenen, die gar nicht erwachsen sein wollen.

Blättert man in den vergilbten Uberlieferungen, so sieht man, dieses Geschlecht war erwachsen. Es übersprang seine Kindheitsphasen, es trug seine Wünsche mit Würde und die Bürden seines Triumphes, das Erwachsensein der Epoche; wir sind die Kinder des neuen, des unbegreiflichen, des erschreckenden Zeitalters, wir lassen nicht den Sand durch die Finger gleiten, wir zerbrechen die Ozeane und zählen ihre einzelnen Tropfen. Das sind unsere Kinderspiele, aber die bange Frage, die in uns aufbebt und die nicht nur Frage sein sollte, ist die nach den Erwachsenen dieses Beginns; was werden sie sein? Giganten, Philosophen oder Ungeheuer oder alles zusammen? Ich will nur eine einfache Geschichte erzählen, eine seltsame zwar, wie ich meine. Man kommt in solchen Unterfangen nicht weiter, wenn man sich ablenken läßt. Ich wollte meine Gedanken sammeln und trat vor das Haus, auf die Straße, um nach dem Wetter zu sehen. Wetter gab es nichts auszusetzen, der matte Himmel war mit leichten Wolken betupft, die Sonne war milde und der Wind nur lau. Zwanzig Schritte von mir stand mein Haus- wirt, ich weiß nicht, worauf er sah, vieleicht auf die Wolkentupfen, vielleicht auf ein Haus, vielleicht auf nichts. Ich aber sah auf ihn; das störte ihn. Er wandte sich mir zu und wünschte mir einen guten Tag, und dann sagte er, er gehe nun hinauf zu seiner Frau, die habe Hefeklöße gemacht. Ich bin ein höflicher Mensch und wünschte ihm darum einen guten Appetit, und da ging er mit dem guten Wunsche. Ich aber stand da und war nicht klüger als zuvor, und darum ging ich wieder in die Wohnung. Ich nahm den Gedanken über eine literarische Pantomime wieder auf und über die Schwierigkeiten mit dem Publikum, aber ich kam nicht zurecht, weil ich unentwegt an die Hefeklöße denken mußte.

Ich dachte an die junge Frau, die jene Hefeklöße bereitet hatte, und ich dachte dabei auch an Töpfe und Schüsseln, Wärme und Dampf und den Aufwand von Zeit. Aber es war ja nicht nur der Aufwand an Zeit, sondern an Arbeit. Arbeit! Arbeit, ich begann diesen Begriff abzutasten. Arbeit schien der Weg zum Schaffen, und der Mensch baute an den Pfeilern seines Hauses und an der Ordnung im Inneren, und er spannte Brücken über Klüfte und leitete das Wasser nach seinem Willen. Er schaffte, und niemand konnte sagen, daß er schuf! Er vollendete, und niemand
vermochte zu sagen, daß es gut war. Und dann erhob sich der Wind seufzend, und die Pfeiler zerfielen, die Brücken zerissen, und das Wasser fand seinen alten Lauf. Er, der Mensch, aber nahm die Arbeit wieder auf, und sie trieb ihm das Salz aus den Poren, doch wenn er den krummen Rücken vom Tagewerk erhob, dann spürte er auf der stumpfen Zunge, die Süßigkeit der Muße. So flüchtig, wie dieser erreichte Genuß waren alle die wenigen Freuden, die aus der Arbeit kamen, wie Lachen und Singen; er aber dachte an Bestand und beugte den Rücken noch tiefer über sein Werk, solange die Sonne ihr Licht auf seinen Kreis legte. Und dann eines Tages war die Arbeit in den Dienst getreten und hatte sich aufgelöst in eine monotone, vieltausendarmige, schweigsame Gebärde, und ich weiß es nicht zu sagen, ob ihr das Gleichgewicht ihrer flüchtigen Erscheinungen noch zu eigen ist, der bittere Schweiß und die Empfindung der Süßigkeit auf der stumpfen Zunge. Aber eines hat sie dazu erworben, einen meßbaren Wert, einen Wert, der sich in nüchternen Zahlen ausdrücken läßt, und dieses war es, was meine Gedanken bewegte. Ich will meinem Hauswirt gewiß nicht den guten Appetit stören, aber ich bin der Meinung, daß er sich darüber klar sein müßte, daß dem Zutatenwert jener hoffentlich gut gelungenen Hefeklöße auch der fiktive Wert der Arbeitsleistung hinzuzurechnen ist, und die sich daraus ergebende Zahl dokumentiert erst den Luxus einer bescheiden erscheinenden individualistischen Geschmacksrichtung. Soweit war ich in meinen Uberlegungen gekommen, und ich sah ein, daß ich, wenn ich es so weiter triebe, in die Widersprüchlichkeiten einer Wirtschaftsstatistik verwickelt werden würde; mein Anliegen aber ist, ein geneigtes Publikum zu finden. Und ich weiß noch immer nicht, ob es aus Kindern, oder Noch-Nichterwachsenen, aus Hefeklöße-Essern oder aus den der schweigsamen Gebärde Ergebenen bestehen wird, es ist wirklich eine seltsame Geschichte.

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