Regentag

von Robert Funk
Mitglied

Ein Maler, der sich Regentag nannte, gab sich diesen Künstlernamen weil er der Meinung war, dass alle Bilder, die er an einem regnerischen Tag gemalt hatte, besser waren, als jene, die er an Tagen gemalt hatte, an denen es nicht regnete. Um immer bessere Bilder malen zu können, malte er schließlich nur noch an Tagen, an denen es regnete. Als sich eine intensive Hochdrucklage, zu einer sogenannten Omegalage ausformte, die typischerweise eine wochenlange Hitzewelle mit Trockenheit mit sich bringt, konnte er überhaupt nicht malen.
Da die Regentagbilder jedoch gefragt waren, bedrängte ihn sein Galerist täglich, ja, fast schon stündlich, neue Bilder für die anstehende Kunstmesse, zu liefern. Gerade bei dieser ausgezeichneten Schönwetterlage rechnete man nämlich mit einem erhöhten Besucherinteresse und guter Kauflaune.
„Der liebe Gott hat in 7 Tagen die Welt erschaffen, da kann es doch nicht unmöglich sein, dass ein Auserwählter wie du, eine Zierde der Schöpfung sozusagen, keineswegs wegen deines Aussehens zwar, sondern wegen deiner Begabung, wenigstens einen Quadratmeter am Tag bemalt”, jammerte eines Morgens der Galerist durch sein Smartphone in das Ohr des Künstlers, den er schon in aller Frühe geweckt hatte. Der Galerist sagte auch noch, dass er ihm unmöglich Ausstellungsfläche für nicht gemalte Bilder reservieren könne, weil es so viele Künstler gibt, die gerade bei schönem Wetter die besten Bilder malen und ausstellen möchten.
„Und wenn ich bei diesem Wetter ein schlechtes Bild male, was ist dann?“, entgegnete der Maler dem Galeristen besorgt. Der Galerist seinerseits erwiderte, man würde dann schon sehen wie man mit einem solchen Bild zu verfahren habe. In jedem Fall wäre ein gemaltes Bild besser als ein nicht gemaltes Bild. Er verabschiedete sich vom Maler mit der aufmunternden Phrase: „ …und nun, mein Freund, frisch ans Werk und frohes Schaffen!“ Der Maler, der nur kurz die Jalousie in seinem Schlafzimmer hochgezogen und wegen dem strahlenden Lichteinfall gleich wieder geschlossen hatte, stand auf und begab sich ins Bad. Duschen, nur duschen, den ganzen Tag nur duschen und vielleicht während dem Duschen malen, das könnte die Lösung sein!
Während das Wasser auf ihn niederprasselte stellte er sich vor, dass vor ihm ausserhalb der Duschkabine die Staffelei mit der Leinwand stünde, daneben ein Tischchen mit Farben, Pinseln und Palette. Jetzt den ersten Strich setzen in blau oder gelb, oder gelb oder blau – unmöglich, dachte er, während ihm der Wasserstrahl ins Gesicht trommelte und die Sicht auf die Leinwand verschleierte, die er sich vor der Duschkabine stehend vorgestellt hat. Duschen ist nicht das selbe wie Regenwetter, dachtet er, beim Duschen kann man nicht malen. Vermutlich hat beim Duschen überhaupt noch nie jemand gemalt und ihm war klar, dass auch er nicht beim Duschen malen werde, niemals.
Er stand noch in der Duschkabine und spürte plötzlich, völlig separiert vom dem ihn umhüllenden “Wasserminze-Duft” seines Duschgels, gleichzeitig, wie es sonst nur in Hundenasen vorkommt, einen deutlichen Hauch von frischen Kaffeeduft durch seine Nase ziehen.
Frühstück, dachte er. Ich werde jetzt erst einmal in Ruhe frühstücken und überlegen.
Weil seine Atelierwohnung in einer bevorzugten Gegend der Stadt lag, die von einem rührigen Bäcker mit einem komfortablen Lieferservice bedacht wurde, brauchte er nur seine Eingangstüre, hinter der er noch unbekleidet stand, einen Spalt weit zu öffnen, um ein auf den Türknopf gehängtes weißes Leinensäckchen, das auf der einen Seite mit „Einen guten Appetit wünscht Ihnen Ihr Handwerksbäcker Krassel“ und auf der anderen Seite mit einem blöden Aphorismus über Brot, Gott und Dank in blauer Farbe bedruckt war, hereinzuholen. In dem Säckchen befand sich in einer Papiertüte ein Croissant. Das Frühstücken auf französische Art hatte er sich angewöhnt obwohl er, nach einem Frankreichaufenthalt im Rahmen eines Schüleraustausches nie mehr französisch frühstücken wollte, weil das französische Frühstück, das man ihm damals vorgesetzt hatte, das schlechteste Frühstück war, das er jemals gefrühstückt hatte. Später war es aber die Beschäftigung mit französischer Malerei, die ihn veranlasste wieder französisch zu frühstücken, weil die vielen guten französischen Maler naturgemäß auch alle französisch gefrühstückt haben mussten. Er erklärte jedem Gast, der bei ihm übernachtete und am nächsten Morgen mit ihm frühstückte, dass er aus Erbarmen französisch frühstücke. Aus Erbarmen mit den französischen Malern und Künstlern wie auch aus Mitleid für alle Franzosen, die nicht Maler und Künstler sind, weil sie alle so schlecht frühstücken müssen. Da er von gestern auf heute aber keinen Gast bei sich beherbergte, begab er sich immer noch nackt in die Küche um sich den Milchkaffe in der großen, original französischen Tasse zu bereiten und setzte sich mit ihr und der Tüte mit dem Croissant an das Ende der Sitzbank bei seinem gut zwei Meter langen, massiv hölzernen Küchentisch. Von seinem Bett her, auf dem noch sein Handy lag, klingt es plötzlich: tatatatam, tatatatam, ein spezieller Klingelton nach Beethovens Fünfter, den er mittels einer eigens installierten App, den Anrufen seines Galeristen als Anrufkennung zugeordnet hatte.
Er schon wieder, dachte er. Nahm in aller Ruhe einen Schluck aus der Tasse und tunkte das Croissant geradezu bedächtig in die Mitte der Melange. Tatatatam, tatatatam, tatatatam. Der Maler zog das Croissant aus dem Milchkaffee und legte es seitlich neben der Tasse auf dem Unterteller ab. Ohne große Eile ging er ins Schlafzimmer und nahm das Gespräch mit einem forschen „ Ja, bitte“ an. „Hallo, ich bins, hast du schon mit der Arbeit angefangen? Ich musste mich nochmal bei dir melden um dir Mut zu machen und um dir zu sagen, dass du bei jedem Wetter gute Bilder malen kannst. Davon bin ich felsenfest überzeugt. Ich kenne dich lange genug…” „Mach dir keine Sorgen “ fiel der Maler den Galeristen unterbrechend insWort. „ Ich bin schon voll am schaffen!“ „Was du nicht sagst? Das freut mich aber und ich bin richtig stolz auf dich, mein alter Freund, erwiderte der Galerist verwundert und lobend zugleich. Morgen komm ich vorbei und schau mir an was am entstehen ist. Bist du einverstanden?“ „Ja gut, aber ich kann dir nicht versprechen ob ich schonfertig bin. Also, ciao bis morgen.” Zurück am Küchentisch hob er das Croissant vom Teller hoch und wollte es über der Tasse an den Mund führen, als die vordere, durch das vorangegangene Eintauchen aufgeweichte Spitze, abbrach und in den Milchkaffee plumpste, wo sie schnell versank. Taucht ab wie ein U-Boot, dachte der Maler bei sich. Gleichzeitig tauchte, auch wie ein U-Boot, das Bild eines Mannes mit schwarzer Augenklappe vor seinen Augen auf und er erinnerte sich, dass es sich bei dem Mann um einen ehemaligen U-Boot-Fahrer handelte, der auch malte.Weil er wusste, dass er schlecht malte, hatte der U-Boot-Fahrer eine Vorliebe für schlechte
Malerei entwickelt und sammelte alles was allgemein von guten Menschen als schlechte Malerei von schlechten
Malern, betitelt und gebrandmarkt wurde, weil ihm die guten Bilder von guten Malern nicht gefielen, obwohl die guten Bilder den guten Menschen immer sehr gut gefielen. Seine Sammlung von schlechten Bildern wurde schließlich so groß und berühmt, dass die guten Menschen auch sagten, dass ihnen die schlechten Bilder gefallen, ja eigentlich immer schon gefallen haben. Sogar in der schlechten Zeit, in der es gar nicht gut war, wenn einem schlechte Bilder gefielen, hätten sie die schlechten Bilder gut gefunden und deren schlechte Maler insgeheim bewundert und dass die schlechten Bilder es verdient hätten in einem eigenen Museum für schlechte Bilder die gute Bilder sind und es immer waren, ausgestellt zu werden. Es kam aber so, dass die Bürger des Ortes an dem das
Museum für schlechte Bilder errichtet werden sollte, das
Museum nicht haben wollten. Sie trafen sich bei Versammlungen auf denen sie sich erzählten, dass wir in einer schlechtenWelt lebten und dass zu befürchten wäre, dass an den schönen und guten Wochenenden tausende schlechte Menschen kämen um schlechte Bilder, die jetzt als gute Bilder gelten, anzuschauen und somit das Leben an dem guten Ort schlecht gemacht werden würde. Der nackte Maler stand auf, ließ den Rest seines Croissants in den Küchenmülleimer fallen und kippte laut lachend seinen Milchkaffe in den Abfluss der Küchenspüle.
Er ging in sein Atelier, nahm eine 120 x 120 cm Leinwand und malte einen Regenschirm in blauer und gelber Farbe darauf. Am nächsten Tag, als der Galerist zu Besuch kam und das Bild lange betrachtet hatte, neigte er seinen Kopf grinsend zur Seite und sagte verschmitzt in Richtung des Malers blickend: „Morgen soll es endlich wieder regnen“ worauf der Maler prompt antwortete :
„Nimm das Bild mit, dann hast du schon mal einen
Regenschirm!“.

Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise

Mehr von Robert Funk online lesen