Marlene - Page 5

Bild von Maik Kühn
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weshalb er zu diesem Zeitpunkt nicht einmal ansatzweise etwas sehen konnte. Seine Hände ertasteten vorsichtig den Weg. Hinter der Wand ging es unmittelbar wieder aufwärts und schließlich gelangte feuchtkühle Luft in Jarons Atemwege. Auch hier reichte ihm das Wasser bis zur Taille. Immer noch „blind“, schien direkt vor ihm eine Empore in Stirnhöhe zu existieren, offensichtlich der Anfang des versprochenen Tunnels. Mehrere Versuche waren wegen der glitschigen Steinwand notwendig, doch dann saß er endlich im wörtlichen Sinne auf dem Trockenen.
Von Marlene fehlte jede Spur. Vielleicht hatte sie sich ja gestellt, um ihn zu schützen. Auf jeden Fall war ein Zurück die deutlich schlechtere Option.
In dem Gang konnten Menschen mit seiner Größe zwar problemlos stehen, aber es herrschte nach wie vor völlige Dunkelheit. Die Ungewissheit, wie weit der ersehnte Ausgang entfernt lag, einmal völlig außer Acht gelassen. Nach wenigen Metern wäre er beinahe über etwas gestolpert.
„Da hat ja jemand gut vorgesorgt.“
An dem Tragegriff des Objektes hing etwas aus Pappe oder ähnlichem Material. Beim näheren Ertasten dann so etwas wie Zuversicht, denn in der mutmaßlichen Schachtel ruhten mehrere Streichhölzer. Vorsichtig rieb Jaron einen Schwefelkopf entlang des präparierten Randes, genoss das kurze grelle Aufflammen und entzündete den Docht der Lampe.
„Wow!“
Dieser Ort glich einem Stollen. Alles schien künstlich angelegt worden zu sein, die Decke dank Holzbalken ausreichend gestützt. Langsam beschleunigte er das Tempo und folgte dem kurvenreichen Weg. Nach einer gefühlten Ewigkeit fiel hinter der letzten Biegung endlich Tageslicht ein. Instinktiv wurde die Petroleumflamme gelöscht und das nützliche Helferlein am Boden zurückgelassen …

Von dem Wild-West-Ambiente keine Spur mehr, stattdessen schien die folgende Szene in einer Zeit zu spielen, die Jaron vage bekannt vorkam.
Zwei Männer standen sich gegenüber, im Hintergrund ein Auto mit offener Fahrertür.
„Da fehlt noch was!“
„Hör zu, ich zahl dir wirklich alles bis auf den letzten Pfennig zurück, aber bitte, ich brauche noch eine Woche mehr Zeit. Nur noch eine einzige verdammte Woche …“
Flehend ging Person „Nummer eins“ vor dem respekteinflößenden Gesprächspartner auf die Knie.
„Das hast du letzten Freitag auch schon gesagt und davor …“
Ganz in Schwarz gekleidet, was scheinbar auf den eigenen Charakter abfärbte bzw. umgekehrt, steckte „Nummer zwei“ das Geldbündel ein, zog ein Messer aus der Jackentasche und beugte sich zu dem Knieenden hinunter.
„24 Stunden! Keine Sekunde mehr!“
War jene scheinbar unbeabsichtigte, aber durchaus bedrohlich wirkende Bewegung der Auslöser? Vielleicht wollte er ja auch wirklich den faustgroßen Stein aufheben und … Eine blitzschnelle Reaktion folgte … Wie durch Butter glitt die scharfe Klinge und hinterließ tödliche Schnittwunden am Hals … Jaron versuchte das Unglück noch im letzten Augenblick zu verhindern, war allerdings für alle übrigen Personen offensichtlich nicht existent.
„Papa!!!“
Hinten im Wagen saß ein kleiner Junge. Alles hatte das Kind mit ansehen müssen und fing lauthals an zu schreien.
„Nur du und ich …“
In der Gestalt des Mörders bekam die Stimme aus dem schwarzen Würfel endlich ein Gesicht, schien also wirklich keine Einbildung gewesen zu sein.
„Du Arschloch!“
„Jaron, ich habe den Mann nicht umgebracht, möchte aber der Einfachheit halber in der Gestalt dieses Kriminellen mit dir reden …“
Langsam, aber stetig zog dichter Nebel auf.
„Warum hast du nur so große Angst vor mir?“
Die Stimme des Mannes bekam einen nahezu besorgten Unterton.
„Wer bist du und was willst du von mir?“
Jaron näherte sich seinem Gegenüber, damit er ihn besser sehen konnte.
„Sagen wir, ich bin wie ein Page, der seine Kunden per Aufzug von einem Stockwerk in das andere befördert.“
„Nur das deine ‚Kunden‘ nicht freiwillig einsteigen und vorher nicht gefragt werden, ob sie nach oben oder nach unten fahren möchten.“
Dem Mann gefiel seine Schlagfertigkeit.
„Wer hat dich denn vor deiner Geburt um eine Antwort gebeten? Ihr kommt und geht. Manchmal ist der Weg hart, manchmal scheinbar leicht, dafür vielleicht eher oberflächlich. Es gibt kurze und lange Wege. Das Ende kann gerade für die Angehörigen grausam sein, doch es kommt, egal ob früher oder später …“
Wie abgefahren war diese Begegnung? Stand vor Jaron wirklich der leibhaftige Tod?
„Wenn doch alles eh so geschieht wie es geschehen muss, warum verfolgst du mich dann?“
Die Antwort des Mannes kam mit leichter Verzögerung.
„Mein lieber Jaron, nicht ich verfolge dich, sondern du läufst vor mir weg! Hier und jetzt gibt es nur noch dich und mich. Du und ich, wir haben, wenn du magst, eine intensive gemeinsame Zeit vor uns. Schau, ich kann dich auf die andere Seite bringen. Zu deinem Vater …“
Jaron unterbrach ihn.
„Ich habe kaum Erinnerungen an meinen Vater, der bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist als ich noch ein Kind war.“
Sein Gegenüber berührte ihn an der linken Schulter.
„Kinderseelen verdrängen, damit deren Besitzer nicht an grausamen Erlebnissen zerbrechen, wie beispielsweise der kleine Junge vorhin im Wagen … Kam er dir etwa nicht bekannt vor?“

Mir wird heiß , heißer als vorhin in der öden Steppe. Für einen Moment verzieht sich der Nebel und ich schaue mir den Toten am Boden genauer an. Nein, es ist nicht das wonach es aussieht. Dieser Mann kann unmöglich …
„Lass ES los!“
„Marlene!“
Sie sitzt in ihrem Rollstuhl und befindet sich jetzt direkt an meiner Seite. Schwindel nimmt Besitz von meinem Körper. Diese eine bereits erwähnte Stelle am Hinterkopf schmerzt, als ob sich dort etwas ausdehnen würde, mit dem Ziel, die Schädeldecke zu durchstoßen.
„Nun komm schon, hör nicht auf sie!“
Marlene greift derweil meine Hand, um mich vom Losgehen abzuhalten.
„Was erwartet mich denn dort drüben? Wirklich mein Vater oder nur das große Nichts?“
Der Mann schaut in diesem Moment sehr ernst drein.
„Finde es doch heraus.“
Doch mit dieser Antwort möchte ich mich einfach nicht zufriedengeben.
„Vielleicht stehst du ja auch in niederen Diensten. Na, lauert da etwa unter Umständen ein Kopfgeld?“
Meine Angst zu sterben scheint sich gerade immer mehr in diese eine leidvolle Gehirnregion zurückzuziehen. Ich schließe die Augen, greife Marlenes Hand ein wenig fester …
„Hau ab!!!“
Damit hatte er wohl nicht gerechnet.
„Du Narr! Dort drüben wartet Unbeschreibliches auf dich … Macht … Selbstverwirklichung … Göttlichkeit …“
Diesen Elfmeter muss ich einfach verwandeln.
„Ach, ich dachte, du bist nur der Page … Hau endlich ab!!!“
Zornig bäumt sich der widerliche Kerl vor mir und Marlene auf. Wenn er könnte, würde er uns mit Sicherheit ohne Vorwarnung mit seinen Blicken töten.
„Dein Vater ist nur gestorben, weil er wegen dir einen tödlichen Fehler begangen hat …“
War ich wirklich der kleine Junge in dem Auto vorhin oder bietet er gerade aus voller Verzweiflung das letzte Geschütz auf?
„Hau endlich ab und lass dich nie wieder blicken!!!“
Die Stelle an meinem Hinterkopf scheint taub geworden zu sein, auf jeden Fall tut sie nicht mehr weh und zeigt bei Berührung keinerlei Reaktion.
„Achtung!“
Reflexartig bleibe ich wie angewurzelt stehen, werde gemeinsam mit Marlene Zeuge der folgenden Begebenheit: Langsam entzündet sich diese seltsame Kreatur vor unseren Augen. Rötliche Flammen nehmen immer mehr Besitz von seinem Körper. Vom Feuer scheint allerdings keinerlei Gefahr für uns auszugehen. Schließlich löst er sich in Luft auf. Zeitgleich scheint in meinem Kopf eine kleine Explosion stattzufinden. Marlenes und meine Hand trennen sich.
„Du hast endlich losgelassen!“

„Ich möchte, dass dein Besuch jetzt endlich wieder geht!“
Ungefragt hatte ihr Vater das Zimmer betreten.
„Mach das nicht noch einmal und jetzt möchten wir bitte wieder allein sein!“
Wütend kehrte der Mann um, schloss gewaltsam die Tür und polterte wenig später hinunter ins Erdgeschoss.
„Was ist los?“
Jaron brauchte ein wenig Zeit, um die Orientierung wieder zu erlangen.
„Kannst du mir denn nun bei meinem Problem helfen oder nicht?“
Marlene nahm seine linke Hand und legte sie auf jene Stelle am Hinterkopf ihres Gegenübers.
„Was glaubst du?“
Ein unbeschreibliches Gefühl von wohlig warmer Leichtigkeit erfüllte Jarons Körper.
„Ich glaube an das Leben.“
„Hier wie dort?“
Er stand auf, küsste demonstrativ ihre Hand und war im Begriff des Gehens.
„Ohne Ziel möchte ich einfach nicht aufbrechen, doch gerade auch der Weg ist bereits ein Teil davon …“

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