Struppi

von Dieter J Baumgart
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Ich grüße Sie, verehrte Leserin, schön, daß Sie mal reinschauen.
Bitte? Ach so, Sie fragen sich, woher ich weiß, daß Sie eine –in sind… Na, schauen Sie, bei dem Titel, da vermute ich schon mal per se keinen Mann. Ne, das ist kein Vorurteil – Erfahrung, ehrlich. Was würden Sie denn unter dieser Überschrift erwarten? Bestimmt nicht den Börsenteil oder die neuesten Prototypen unter den Oberklasse-Kutschen.
OK – wollte sagen: lassen wir das. Ich habe ja auch lange überlegt, bevor ich mich für Struppi entschied. Zum Beispiel Wurzel oder Waldmann oder so; aber das sind natürlich Dackelnamen. Arme Tiere, so wunderbar eigensinnig – nein, nicht rechthaberisch. Wissen Sie, also das muß ich schon sagen, das ist ein ganz großer Unterschied, bei Hunden jedenfalls.
Ja, was wollte ich doch gleich –? Eben, die Dackel, die sind ja nun auch vom Aussterben bedroht. Die hatten noch Charakter; ist heute nicht mehr so gefragt – nicht nur unter Hunden…
Ich kannte mal einen, Mausi hieß der. In Berlin, fünfziger Jahre. In der Kolonnenstraße in Schöneberg hat er zusammen mit Orje, das war sein Herrchen, zur Untermiete gelebt. Jeden Morgen holte er die Zeitung vom Kiosk. Opa Krüger, der Inhaber, hat dann immer gleich die Tür aufgemacht und Mausi das Blatt ins Maul gereicht. Und wenn er ihn nicht sofort wahrgenommen hatte, weil er beschäftigt war, dann bellte der Hund mal kurz. Dann ließ Opa Krüger eben den Kunden warten: „Is doch so kleen dat arme Vieh…“.
Als der Dackel eines Tages nicht kam, rief Fritz Krüger in der Polizeiwache an. „Herr Wachtmeister, juten Morjen, bei Orje stimmt wat nich, Mausi is nich jekommen!“
Da hatte sich Orje still, wie es seine Art war, verabschiedet.
Wie kam ich jetzt darauf? Ach ja, Struppi…
Schauen Sie doch mal eben nach unten, da ist er - mit seinem Freund Ernst...
Nicht wahr? Als Dackel geht der nicht durch, schon gar nicht mit dem Kassengestell im Gesicht. Tja, irgendwo haben Sie natürlich Recht: Der könnte auch Wurzel heißen – hören Sie ihn lachen? Aber er heißt nun mal Struppi. Doch, doch, das hat schon seinen Grund: Kennen Sie Tim und Struppi? – Ist ihm doch wie aus dem Gesicht geschnitten, oder?
Oh ja, auch in ihrer Aufgabenstellung – oder ihrem Verantwortungsbereich – wie es bei höher gestellten Persönlichkeiten heißt, ähneln sie einander. Während sich der Struppi von Tim , sozusagen als Führungsoffizier, eher um die Belange seines Herrchens kümmert, steht mein Struppi zwar auch in einem verbeamtungsfähigen Dienstverhältnis, ihm obliegt aber ein etwas anders gearteter Aufgabenbereich. Als Blumenkastenadministrator (BKA) ist er für alle Vorgänge im Bereich Blumen zuständig.
Ja, wie das Leben so spielt, nicht wahr? Es ist sicher einige Jahre her, anläßlich eines Spaziergangs in den Dünen am Mittelmeer, fiel er mir ob seiner Ausformung ins Auge. Ich stellte ihn auf, wie ich es gern mit Fundstücken mache, die mir bei solchen Gelegenheiten ins Auge fallen. Nicht selten werden sie dann von phantasievollen Leuten eingesammelt und ich frage mich, wenn auch zu spät, ob ich nicht selbst eine Verwendung für das Teil gehabt hätte. Unter dem Zwang dieser Vorstellung war die Entscheidung einfach und ich nahm den Brocken gleich mit…
Einige Jahre vergingen, eine längere Zeit schlummernde Idee, das Mäuerchen vor unserem Haus mit einem Blumenkasten zu krönen, wurde verwirklicht. Da fiel mein Blick unversehens auf das Holzgebilde, das auch sogleich im Hinblick auf eine mögliche Verwendung Form und die Gestalt von Struppi annahm.
Da steht er nun, waltet still seines Amtes und zaubert ein Lächeln auf die Lippen der Vorübergehenden.
Das ist mehr, als manche Menschen in ihrem ganzen Leben zustande bringen…

Ernst

Struppi hat einen Kollegen bekommen. Wie man hört, klappt die Zusammenarbeit. Ernst, die Beiden duzen sich inzwischen, verdankt seine Entstehung einem Skulpteur in der fernen Eifel. Als Angehöriger der weit verzweigten Familie der Eulenvögel verfügt er als Uhu zwar nicht über eine eigene Tube – uhuuh, der stinkt ja schon… – gleichwohl wird sein Weitblick auch von Struppi, der sich eher gern seiner unmittelbaren Umgebung und damit dem Boden der Tatsachen zuwendet, sehr geschätzt.
Und auch die Reaktion der Vorübergehenden ist positiv: Der aufmerksam-verständnisvolle Blick aus zwei interessierten Augenpaaren lindert sicher manche Unbill, die den Wanderer so anficht, im Vorbeigehen…
Und das, so scheint mir, ist doch auch schon was. Oder etwa nicht?

Dieter J Baumgart

Unter vier Augen - Foto von Dieter J Baumgart
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