TUSSI-HONIG - Page 2

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Intervention.“

„Wenn Sie einen bildungsfernen Lifestyle pflegen, dann wohl eher weniger. Madame mag Museumsbesuche, ins Theater gehen, Musik und Bücher. Und Sie?“

„Ich mag Fußball, ein kaltes Bier dazu, Crime-Dokus und natürlich Autorennen. Mein liebstes Hobby ist Daddeln und Zocken. Ich liebe meine Spielkonsole. Aber Kultur ist mir nicht völlig fremd. Testen Sie mein Wissen, Herr Stallenfeller. Los, testen Sie...“

„Was bedeutet inhärent? Na?“

„Wenig bis keine Ahnung.“

„Enthalten, inbegriffen.“

„Wer spricht denn solches Deutsch?“

„Frau Firkesköppche!“

„Aha. Na gut, na gut. Noch´n Test. Bitte.“

„Die 150-Euro-Frage: Was bedeutet kohärent?“

„Wenn inhärent inbegriffen heißt, dann bedeutet kohärent natürlich ausgeschlossen. Na, Test bestanden?“

„Leider nein. Kohärent heißt zusammenhängend. Pech, lieber Herr Rödel. Damit müssen wir uns leider von Ihnen verabschieden. Sie gehen mit 50 Euro aus dieser Runde hinaus. Bleiben Sie bitte in der Leitung, damit die Redaktion jetzt Ihre Daten aufnehmen kann. Vielen Dank fürs Mitspielen...“

„Na, wissen Sie... Wenn Sie dann auch gleich die ganz schweren Geschütze aus dem Sprachschatz auffahren, Meister... Das hätten bei 100 Leuten auf der Straße vielleicht gerade mal 10 gewusst. Höchstens.“

„Wissen Sie denn, was eine Intervention überhaupt ist. Definieren Sie den Begriff!“ (Noch´n Test)

(Prompt) „Einmischung, Klärung, Einflussnahme.“

„Haben Sie sicherlich nachgeschlagen, bevor Sie mich anriefen. Aber immerhin. Doch der Begriff steht auch für Veto, Einspruch und Protest. Und in dem Sinne interveniere ich jetzt: Ich spiele höchst ungern für Sie den Postillon d’Amour. Eigentlich, wenn ich genau bin, sogar widerwillig. Sagen Sie, Sie sind doch immer noch Hausmeister an dieser Gehörlosen-Schule am Westring?“

„Ja, am Don Bosco Gymnasium. Dass ich mich um Behinderte kümmere, wird bei Fräulein Gundel sicherlich gut ankommen. Und dann auch noch um Kinder. Behinderte Kinder. Ein Doppel-Punkt für mich.“

„Glaube nicht, dass Gundel Punkte vergibt. Entweder sind Sie ihr sympathisch oder eben nicht. Sie wissen sicherlich, dass Gundels Exmann dort als Direx fungiert? Der Herr Firkesköppche ist ja quasi Ihr Arbeitgeber...“

„Ich verstehe mich gut mit ihm. Er hat eine ausgeprägte Abneigung gegen seine Ex-Frau. Dennoch mag ich ihn. Ein jovialer Zeitgenosse, durchaus sympathisch. Eine Affäre mit einer der beiden Geographie-Lehrererinnen hatte das Aus für seine Ehe bedeutet. Der schenke ich noch heute völlig anonym jeden Monat einen Strauß der schönsten Orchideen. Bence Firkesköppche ist übrigens ursprünglich aus Ungarn. Das haben Sie sicher nicht gewusst. Er hatte sich im Österreich-Urlaub in die für ihn fescheste Frau aus Wien verliebt, vor fast 12 Jahren. Die Ehe hielt, durch Untreue, wie Sie ja jetzt wissen, lediglich 5 Jahre. Seit der Scheidung lebt Gundel jetzt unter Ihnen, Herr Stallenfeller. Direx Bence ist 42 Jahre jung.“

„Wie alt sind Sie denn?“

„Ich? Ich bin 44.“

„Das würde ja durchaus passen. Ich meine damit, vom Alter her. Ansonsten sehe ich aber reichlich schwarz. Fußball, Zocken, Bier und Autos. Glauben Sie, all das könnte Fräulein Firkesköppches Sehnsucht nach Kultur, den Bildungshunger ganz allgemein stillen? Sie müssten sich mit der Oper anfreunden, mit Museumsbesuchen, mit einer Theater-Vorstellung oder mit einer Ballett-Aufführung. Könnten Sie da mithalten? Ich habe so meine Zweifel. Ein Hausmeister und die im Risikomanagement & -controlling tätige Karrierefrau mit BWL-Studium. Sagen Sie selbst, passt denn das?“

„Wenn ich mich doch aber in die entzückende kleine Stupsnase verliebt habe. Was soll ich denn da machen? Kann an nichts anderes mehr denken. Sie ist so süß, die Nase. Ach, hat diese Frau ein Näschen. Und auch die ganze Frau. Ich liebe doch auch ihren Akzent so sehr.“

„Ja, der österreichische Akzent. Betörend. Zugegeben. Dieses Singen und Greinen, all das Schwingen und leicht verschmollte, etwas vorwurfsvolle Klagen. Doch, das hat was. Sie ist übrigens eine geborene Gugerschecken. Das bedeutet, soviel ich das weiß, Sommersprossen. Und dabei besitzt sie nicht eine einzige. Als ich ihr auf dem Nachbarschaftsfest sagte: „Meine Verehrung, küss die Hand, Verehrteste, ich bin Ihr g´schamster Lakai, gnädigste Gundel“, da haben ihre Augen so ein kleines Blitzen, so ein ganz kurzes, kleines Blitzen aufgezeigt. Damit war mir klar: Sie steht auf den altehrwürdigen Wiener Charme. So kann man sie erreichen. Denke ich.“

„Das liegt mir nicht so. Ich mag mich nicht verbiegen...“

„Können Sie denn eine Fremdsprache?“

„Ja doch, den hiesigen Dialekt spreche ich perfekt!“

„Das wird hilfreich sein.“

„Herr Stallenfeller, Sie machen sich über mich lustig. Und dabei sollen Sie doch mein Postillon d’Amour werden, gerade Sie! Darf ich Heiner zu Ihnen sagen?“

„Nein. Das verbitte ich mir. Was darf Frau Firkesköppche denn absolut nicht sein?“

„Kommunistin, Huflattich-Hasserin, lesbisch.“

„Klare Kante. Glaube nicht, dass die Dame lesbisch oder eine Kommunistin ist. Den dritten Punkt müssen Sie selbst mit ihr abklären. Thema Bücher. Lesen Sie denn gern?“

„Ich lese manchmal die Kurzgeschichten im Playboy.“

„Interessant. Das wird Fräulein Gundel klar überzeugen. Haben Sie denn so rein gar nichts Wissenswertes oder Bemerkenswertes aufzubieten? Hobbys? Haben Sie ein Hobby? Irgendeines?“

„Ja. Das habe ich in der Tat. Ich liebe den Huflattich. Meine Liebe zu der Pflanze ist gewaltig. Weiter oben verglich ich Gundel mit dem Huflattich. Erinnern Sie? Meiner Treu, ich liebe den Huflattich wirklich. Und kenne sicherlich ein halbes Dutzend an betörend guten Rezepten. Der Blütenkorb, finde ich, sieht wunderschön aus. Er ist gelb, und im Zentrum sieht er aus wie Mais. Dieser Korbblütler lässt mich richtig ins Schwärmen geraten. Man darf ihn aber bloß nicht mit der Weißen Pestwurz, hören Sie, nicht mit der Weißen Pestwurz verwechseln!“

„Gott bewahre!“

„Sie machen sich schon wieder lustig. Sie tun es erneut...“ (schmollt nachdrücklich)

„Nicht doch. Ich mein ja nur, wenn es das einzige Thema ist, das sie beide letztlich verbindet, sehe ich keine goldene Zukunft für das Pärchen Firkesköppche / Rödel. Keine Ahnung, wie Gundel zu Huflattich steht. Aber meiner bescheidenen Meinung nach dürfte das nicht ausreichen, Sie wissen schon, in Bezug auf...“

(unterbricht) „Sie als mein Postillon sollten mir doch Hoffnung machen, ganz sicher nicht Hoffnungen zerstören. Ich glaube an eine gemeinsame Zukunft. Das Fräulein Gundel wird, da bin ich ganz sicher, meine Liebe zum Huflattich teilen. Glauben Sie es nur, sie wird meinen selbstgemachten Honig über alle Maßen lieben.“

„Ein Glas davon hatten Sie ja damals fürs Nachbarschafts-Grillen gestiftet.“

„Wie wahr. Sehr richtig. Und, hat es gemundet?“

„Das Glas steht ungeöffnet im Schuppen. Da ist keiner drangegangen. Weil da stand ja auch drauf: „Tussi-Honig“. Das war uns allen nicht so recht geheuer. Das war uns suspekt... Tussi-Honig...“

„Ja, wenn keiner den lateinischen Namen kennt... Was kann ich denn daran ändern? Was ist denn nun, habe ich Chancen bei der Angehimmelten mit der entzückenden Nase?“

„Lieber Herr Rödel. Sie tragen Ihre Nase mitten im Gesicht. Darauf stehen die Mädels. Von daher dürfen Sie schon hoffen. Ihr Unterfangen scheint allerdings unter keinem besonders guten Stern zu stehen. Wollen Sie die Mission nicht vorzeitig abbrechen? Sie könnten Rückschritt, Betrübnis, Scham, Zurückweisung, verletzten Stolz und Schande vermeiden helfen, wenn Sie schon jetzt, im frühen Stadium des Annäherungsversuchs, einfach aufgäben. Aber, haben Sie diese Größe denn auch? Meiden Sie Frust, Depression und Ablehnung, Sie Huflattich-Freak!“

„Das muss ich mir von Ihnen aber nun ganz bestimmt nicht sagen lassen, und auch dann nicht, wenn Sie heute Geburtstag haben, Herr Stallenfeller. Huflattich-Freak? Das war nicht nett. Ich bezweifle jetzt ernsthaft, ob Sie als Postillon d’Amour denn überhaupt geeignet erscheinen. (Pause) Ich habe übrigens Karten für die >Beefy Blasts< und für die neue Alternative-Superrock-Gruppe >Fickle Pickles<"

"Fickle Pickles? Urgh! Wie unanständig!"

"Fickle heißt lediglich "wankelmütig". Jetzt bin ich Ihnen aber mal deutlich überlegen. Das tut gut. Die Beefy Blasts und die Fickle Pickles sind derzeitig die angesagtesten Rockgruppen überhaupt. Damit lege ich bei Gundel Ehre ein. Sie wird mich mit Freuden auf die beiden Konzerte begleiten. So, da haben Sie Ihr Kultur-Event! Ein wenig lauter, dreckiger, verschwitzter, aber eben auch ein Kultur-Event!“

„Nur Pech, dass Frau Firkesköppche den Wendler hört! Und die Amigos! Neben der Klassik.“

„Wer wohnt noch mal bei Ihnen gegenüber?“ (Überraschende Frage)

„Leander Schasserwoy-Bohnsack, der Paukist im Funkorchester.“

„Kennt der meine Angebetete?“

„Vom Sehen her, ja... Sie wohnt ja nur einen Stock tiefer. Wieso?“

„Dann soll der mein Postillon werden. Sie sind raus, Heiner Stallenfeller. Sorry! Sie sind gefeuert!“

„Na, das macht ja nichts weiter. Gehaben Sie sich wohl, Sie Huflattich-Freak. Und, bitte, rufen Sie mich nicht wieder an. Selbst dann nicht, wenn ich Geburtstag habe. Der wird am 3.2.2022 sein. Merken Sie sich das Datum. Dann NICHT bei mir hier anrufen, klar? Und ich warte seit dem Sommer 2018 auf die Begleichung meiner Rechnung für die Reinigung eines Sakkos und einer Hose. Das macht zusammen 15,45 Euro. Mit Zinsen darf ich um einen glatten Zwanni bitten.“

„Darauf sei heftig gepfiffen, Sie Drömelkopp. Jedwede Haftung ist bei einem Juli-Nachbarschaftsgrillfest ausgeschlossen. Selbst dann, wenn der Grill Feuer fängt. Jeder weiß doch, dass es gefährlich ist, mit Senf und Ketchup zu hantieren. Kein Mensch will es, aber jeder weiß es: Es kann da zu Unfällen kommen. Zu wirklich in jeder Hinsicht schwerwiegenden Vorfällen. Man bekleckert sich nun einmal auf den Nachbarschafts-B-B-Qs, das ist eine unumstößliche Tatsache. Ich hafte nicht. Und außerdem ist das längst alles verjährt.“

„Sie zahlen, sage ich! Sonst erzähle ich jedem in diesem und im Nachbarshaus, in dem Sie ja leider unglücklicherweise wohnhaft sind, dass Sie für lediglich 4 FFP2-Masken bereit waren, und das mit allen Mitteln, um Gundel Firkesköppche zu schachern. Es wird den Menschen die Augen öffnen. ''Waaas? Der Hausmeister? Wirklich? So einer ist das? Aha! Das hätte ich aber nicht von diesem Herrn gedacht...'' Das wird peinlich für Sie enden, sich mit mir anzulegen, Rödel!"

„Sie glauben ja gar nicht, wie egal mir das ist. Gundel liebt mich meines Charakters wegen, nicht des Kartons FFP2-Masken wegen. Die ich im Übrigen von Herrn Bence Firkesköppche persönlich überreicht bekommen habe. Ich sitze bereits an einigen sehr guten Formulierungen für die Einladungen zu unserer Vermählung, damit Sie das nur wissen, Stallenfeller. Und Sie sind NICHT eingeladen. Da haben Sie´s! Es wird schmerzen, wenn Sie Musik und Tanz im Nebenhaus wahrnehmen, es wird enorm schmerzen, Stallenfeller. Sie wissen dann, dass ich meinen Triumph feiere, singe, lache, tanze, vergnügt bin, eingeleitet und vermittelt durch Leander Schasserwoy-Bohnsack, dem Interventionisten d’Amour. So, das sitzt! Daneben werden Sie dann noch die Ganzseiten-Announce im "Stadt-Panorama" wahrzunehmen gezwungen sein. Erneut: Das sitzt! Sie werden bitterlich weinend zusammenbrechen. Denn Sie sind nicht eingeladen! Es wird Sie so sehr treffen...“

„Überhaupt nicht. Es tangiert mich nicht die Bohne. Und Ihre Ehe wird scheitern. Denn es gibt ja noch eine Geographie-Lehrerin im Don Bosco!“

„Die ist 62 Jahre alt!“

„Ja uuund? Sie nehmen´s doch eh nicht so genau, mit allem... Stichworte sind: Senf, Ketchup, Gedichte, Bücher, Oper, Museen oder Theater. Beinkleider und Sakkos der anderen sind Ihnen doch völlig schnurz, richtig? Das geht Ihnen alles voll am Arsche vorbei, Herr Rödel. Sie sind ja so jämmerlich.“

„Ha! Sie machen sich ja selbst heimlich Hoffnungen bezüglich Fräulein Gundel! Doch die wird in Kürze in meinen Armen liegen. Doppel-Ha! Fräulein Gundel ist mein! In absehbarer Zeit!“

„Da sie schon einmal verheiratet war und noch immer ihren Ehenamen führt, ist sie ja wohl kaum ein Fräulein. Sie Dämlack! Überhaupt habe ich an meinem Geburtstag ja auch anderes zu tun als mit Ihnen eine halbe Stunde am Telefon zu verbringen...“

„Na, dann wiederhole ich mich doch gerne. Siehe oben: Ich wünsche eine fröhliche und stressfreie Verwesung, Tumbhirn Stallenfeller. Ich entlasse Sie in Ihren Geburtstag, den Sie mutterseelenallein feiern werden, mit einer Flasche Korn und Billig-Keksen. Und ohne eine einzige FFP2-Maske. Sagen Sie mir nur zuvor noch bitte die Festnetz-Nummer von Leander Schasserwoy-Bohnsack, bitteschön. Die brauche ich nämlich dringend... Am Hochzeitstag Ihrer...“

Klick. Das Gespräch war einseitig beendet worden. Rödel nahm sich das Örtliche Telefonbuch vor.

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Interne Verweise

Kommentare

03. Feb 2021

Da hat sich der Meister wirklicher Schreibkunst wieder einmal niedergelassen, um uns GOTTES WORT zu erklären.
Dialoge vom Feinsten !
HG Olaf

05. Feb 2021

Lieber Olaf,

vielen Dank für die mehr als freundlichen Worte. Ich habe
mich mächtig gefreut. Mag Dich die Seuche verschonen,
leb trotz aller Widrigkeiten freuderfüllt vor Dich hin. Meine
besten Grüße erreichen Dich heute,

THX, Gherkin

09. Feb 2021

Liebster Gerd!

Auch dieses so trefflich beschriebene Telefonat gerne mitverfolgt ;-))

Zum Thema Wienermädel erinnerte ich mich spontan an dieses:

Wiener Dialekt

Johannisbeer ist süße Frucht,
Doch süßer klingt: »Ribisel«;
Der Deutsche sagt: "Ein hübsches Gesicht!"
Der Wiener: "A hübsch Gfriesel!"
Die deutschen Jungfraun zieren sich
Spröd-ernsten Wesens, strengens;
Die Wienerin hält sich den Mann vom Leib,
Und lacht und sagt: "Jetzt gengens!"
Und wenn er dringend wird und spricht
Von seinem gebrochen Herzen,
Dann schaut sie ihm ernsthaft ins Gesicht:
"Sonst habens keine Schmerzen?"
Und will er die Pistole gar
Nach Brust und Stirne richten,
Da nimmt sie ihn freundlich bei der Hand:
"Gehns, machens keine Gschichten!"

Von keinem Geringeren als Franz Grillparzer!

Also da besteht ja noch Hoffnung im Prinzip auf etwaige Annäherung!

Schicke ein herzliches "Servus" zu Dir lieber Freund!
Uschi

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