Zukunftschancen

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Rokkblakk.de ist eine Webseite. Rokkblakk ist Hersteller von verschiedenen Produkten im Softwarebereich, aber auch in anderen Sparten, den meisten Traffic hatte die Seite allerdings, weil sie einen großen Newsbereich hatte. Es ging um Internetthemen und allerlei in die Richtung. Ich kannte die Seite schon länger, soweit ich mich erinnern kann, war es ein Bericht über die Verschlüsselungstechniken, die im Darknet angewandt werden, der mich dorthin geführt hatte. Es gab auch viele Berichte zu den Internetpersönlichkeiten und einen ausgeprägten Finanzteil. Bitcoins, Dogecoins und alles Mögliche. Allerdings auch natürlich normale internetbezogene Wirtschaftsthemen. Für mein Studium sollte ich eine umfassende Arbeit anfertigen, zum Thema der Entwicklung der Bitcoins und wie er das Wirtschaftssystem beeinflusst hatte. Das Thema war extrem komplex und ich suchte auf verschiedenen Seiten nach guten Kursangaben zu Bitcoins. Die aktuellsten und genauesten hatte immer Rokkblakk.de, weshalb ich meine Recherche nun vor allem darauf stützen wollte. Das Problem an der Seite war, dass sie so strukturiert war, dass immer nur das aktuellste zu sehen war. Immer nur der aktuelle Tag. Es gab kein direkt zugängliches Archiv, weshalb es nötig war jeden Tag drauf zu schauen. Ich notierte mir die Veränderungen in einer Tabelle und füllte über die Wochen immer weiter aus. Ließ mir Graphen visualisieren. Irgendwann kam es dazu, dass ich meine Großmutter besuchen wollte, ein Ort vollkommen ohne Internet. Einen guten Freund von mir, Marcel, konnte ich überreden sich die Sachen weiterhin zu notieren, während meiner Abwesenheit.
Nach einer Woche kam ich zurück. „Hey, äh, sorry David, ich hab's Freitag einfach vergessen drauf zu schauen,... aber alle anderen Tage habe ich“ Ich sah die Daten durch und schüttelte den Kopf. „Ich hab dir doch gesagt, ich brauch's jeden Tag, ach scheiße...“ „Ja, tut mir leid – ich hab's einfach verpeilt, sorry“ Ich überlegte einen Moment. „Ein Tag... ach das geht schon.“ Schließlich wollte ich keinen Streit mit meinem Kumpel.
Die Tabelle wurde von mir um die fehlenden Daten ergänzt, doch der Freitag fehlte. Für meine Arbeit wäre dies wirklich zu verschmerzen gewesen, ich hätte auch von einer anderen Seite den Kurs eintragen können, aber nirgendwo war es so genau. Es mag seltsam erscheinen, aber dieser eine fehlende Eintrag ließ mich in der Nacht nicht einschlafen. Vielleicht der Perfektionist in mir, jedenfalls stand ich gegen drei Uhr nachts auf und suchte nach einer Möglichkeit an die Daten zu kommen. Vielleicht gab es eine Seite, die die Daten von Rockblack.de sammelte oder etwas in der Art.
Dann dachte ich nach und erinnerte mich an einen uralten Trick, der bei manchen Mediatheken funktionierte. Man musste nur seine Uhrzeit und sein Datum am Computer zurückstellen und hatte dann auf ältere Inhalte Zugriff. Allerdings klappte der Trick eigentlich nur bei ganz wenigen schlecht erstellten Webseiten, wie zum Beispiel früher bei der ZDF-Mediathek, aber ein Versuch war es wert. Heute war der 19.10., am Freitag war der 17.10. gewesen. Ich stellte das Datum zurück und aktualisierte die Seite. Tatsache. Plötzlich war der Eintrag zu sehen. Gigantisch! Ich notierte den Kurs und sah noch einmal kurz über die Nachrichten, die an dem Tag veröffentlicht wurden. Endlich konnte ich zufrieden einschlafen. Es war allgemein irgendwie eine Erleichterung nur noch alle paar Tage darauf sehen zu müssen.
Es war der 21.12. als ich wieder einmal die letzte Woche kontrollierte. Die Tabelle war seit dem 13.12 frei und ich tippte das Datum ein, kontrollierte wieder den Kurs und notierte. Als ich den 14.12 eintippen wollte, fiel mir auf, dass ich einen Zahlendreher drin hatte. Dort stand also nicht 13.12 sondern 31.12.. Ein Datum in der Zukunft. Der Kurs verwirrte mich. Es war nicht der des letzten Tages. Den 21.12, also den heutigen Tag, hatte ich bereits notiert. Der Kurs wich ab. Er war auch nicht der Kurs von vor ein paar Wochen. Ich ging meine bisherigen Aufzeichnungen durch, doch diesen Kurs hatte es noch nicht gegeben. Verwirrt sah ich mir den Rest der Seite mit dem eingestellten Datum an und fand ein paar Worte zu Silvester. Ich war verärgert. Das einzige was es bedeuten konnte, war dass sie die Seite von dem Tag schon vorgestellt hatten und den Kurs einfach geschätzt. War meine ganze Arbeit umsonst, wegen falscher Angaben? Aber vielleicht schätzten sich gar nicht schlecht. In den nächsten Tagen vom 21.12 zum 31.12 würde der Bitcoinskurs sich angeblich um fast 9% steigern, was extrem sein würde. Ich kaufte einen Bitcoin. Warum nicht? Ein bisschen Geld verlieren würde ich vielleicht, aber ich musste es einfach wissen.
Und tatsächlich in der Silvesternacht saß ich wieder vorm Computer und verkaufte meinen Bitcoin. Fast 9%. Ich verglich die Kursangaben bei anderen Seiten und bis auf minimale Abweichungen stimmte es. Verdammt, die hatten echt gute Schätzer. Ich stellte mein Datum am Neujahrstag weiter in die Zukunft, um zu sehen wie weit sie schätzten. Erst war ich überrascht, dass es nach neun Monaten immer ein Kurs angezeigt wurde, dann ereilte mich ein Gedanke und ich verwarf ihn, natürlich verwarf ich ihn als sinnlos, dennoch musste ich nachsehen. Ich blätterte von dem Kurs weg und sah mir die Nachrichten an diesem Tag an. Und auch diese waren spezifisch für diesen Tag. Eine Computerspielefirma war verkauft worden. Das konnten die Leute nicht abschätzen, nein. Aber trotzdem konnte ich es nicht fassen und wählte ein Datum in zwei Wochen , denn ich wollte nicht Monate warten, notierte die Ereignisse und war gespannt, ob es wirklich voraussagen konnte. Du weißt wie es kommt. Es traf natürlich ein. Diese Seite konnte die Zukunft vorhersagen und das einzige was ich sah, waren fette, fette Scheine. Fuck, was hättest du denn getan? Ich wettete erst vorsichtig auf verschiedene Internetwährungen und bekam immer mehr Vertrauen, dass ich größere Transaktionen abschloss. Lange Rede kurzer Sinn. Ich wurde von Tag für Tag reicher. Natürlich ging das an mir nicht einfach vorüber. Ich schmiss mein Studium und gründete eine kleine Firma, die sich damit beschäftigte. Weil es scheiße ist, alleine Glück zu haben, holte ich meinen Freund dazu, zeigte ihm wie es funktionierte und bald schon, waren wir die Sterne am Internetfinanzmarkt. Das war richtig seltsam. Ganz normale Leute mit ein wenig Glück. Irgendwie machte uns das auch Angst, sodass wir die Öffentlichkeit mieden und nur selten Interviews gaben. Es war ein verdammt gutes Leben. Ich selbst kümmerte mich nach kurzer Zeit nur alle paar Wochen um die Geschäfte, mir reichte das meiste aus, aber Marcel hatte größere Pläne. Er wollte alle seine Träume nacheinander verwirklichen und setzte immer wieder neu. Aber nur klein, aus Angst, jemand könnte von einem Betrug ausgehen. „Langfristig. Langfristig müssen wir anlegen, damit dass nicht auffällt“, sagte er und setzte es um, sah immer weiter in die Zukunft mit Rokkblakk.de, erst 2 Monate in der Zukunft dann drei, dann über ein Jahr und dann..., dann kam der Anruf. Mitten in der Nacht.
„Hey, was... hallo?“ „David! Scheiße. Scheiße, scheiße! Wo hast du mich da reingeritten?!“ „Was zum Teufel, was ist los?“ „Ich sterbe! ICH STERBE VERDAMMT!“ „Was zur Hölle?“ „Die Seite, die Seite sagt, am 6.10.2017 wird Marcel Shetz von einem Einbrecher erschossen. Verdammt.“ „Aber...“ „DU hast mich umgebracht. DU HAST MICH UMGEBRACHT!... David, was hast du mir angetan?“ Er hatte aufgelegt und danach sprachen wir uns auch nicht mehr. Natürlich versuchte ich ihn zu erreichen, aber es war unmöglich. Er kapselte sich komplett ab und da war auch kein Genuss mehr in seinem Leben, er starb einsam in seinem Haus, stark gesichert, aber es half alles nichts. Er starb.
Ich konnte nicht glauben, wie diese Seite mein Leben bestimmte. Sie bestimmte alles. Mein Anfang und mein Ende und den Weg. Und ich wollte wissen wie viel Zeit mir blieb. Wollte nicht zufällig davon mitbekommen, sondern wissen, ganz genau wissen, wie viel Zeit bleiben würde. Ich tippte Datum für Datum ein, Stunde um Stunde und schließlich war es klar. 36 Jahre. Herzversagen. Der Tod war unausweichlich, dass war mir klar und so nutzte ich jeden Tag so gut ich es nur konnte. Ich fuhr in jedes Land, welches ich sehen wollte, las jedes Buch, welches ich lesen wollte, bekam Kinder und lebte glücklich mit meiner Frau zusammen. Ich hatte ein verdammt gutes Leben. 36 Jahre. Die ersten 18 Jahre waren wunderbar. Man denkt nicht viel nach. Das ist ähnlich, wie wenn man 40 wird. Hälfte vorbei. Mir war es im Unterschied nur auf jeden Fall bewusst. Dann fühlte ich die Zeit verrinnen, ich fühlte, dass es vorbeiging, wie in Zeitraffer folgte ein Tag auf den anderen und alles ging vorüber. Meine Kinder wurden so schnell groß und ich viel zu schnell alt. 59 war vorher alt. Aber es rückte näher verdammt. Ein Atemzug entfernt schien es mir immer mehr. Es war ein scheiß Luxus in dem ich lebte, aber je näher es auf das Ende zuging, desto grausamer kam es mir vor. Im letzten Jahr hatte ich jeden Tag die Seite offen. Las jedes verdammte Detail.
Ich forschte auch nach, woher die Seite kam, ließ mehrere Leute nachforschen, aber es kamen keine Ergebnisse. Diese Seite wurde mehr und mehr zu einem Mysterium. Irgendwann sagte ich es auch meiner Frau, erklärte es ihr, sagte, dass meine Zeit knapp wäre, erzählte alles, aber sie glaubte mir nicht. Dann war auch ich allein. Wie Marcel damals. Ein halbes Jahr. Jeden Tag näher. Ich wusste immer wie viel noch blieb. Waren's noch vier Monate, drei, zwei, eins... Fünf Tage noch. Scheiße. Diese Seite hatte zwei Drittel meines Lebens bestimmt. Ich verfluche immer mehr den Tag, an dem ich die Seite entdeckt hatte und den Tag, an dem ich nach meinem Tod suchte. Diese Seite hatte alles aufgefressen. Nichts war ohne diesen Gedanken. Ich hörte quasi wie sich meine Sanduhr leerte. Die Seite hatte alles bekommen. Sie hatte mich bekommen. Aber das durfte sie nicht. Auf keinen Fall durfte sie gewinnen. Ich werde diesem Herzinfarkt entgehen. Ich habe mir einen Revolver gekauft. In 2 Stunden bricht der nächste Tag an. Ich werde es beenden. Ich werde gewinnen. Ich gewinne. Diese Seite hat keine Macht über mich. Sie kann mich nicht töten verdammt!
Sie werden den Eintrag auf Rokkblakk.de ändern müssen und ich kann endlich selbst bestimmen!
Ich werde es jetzt beenden. Ich werde gewinnen. Ich werde gewinnen!

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