Der Hahn ist tot ...

von Annelie Kelch
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„He, blaue Nacht, weshalb rennst du so trunken
Im tristenTotenhemd durch alle Straßen hier im Ort?“ –
„Der Wahn ist kurz, mein Kind, die Reu ist lang …
Ich ließ den heiß geliebten Tag ziehn; er ist fort.“

Müd ist der Sturm, hat sich zur Ruh gelegt;
Das Wasserglas ist froh – und gänzlich leer …
Ein Hahn, geschlachtet für den Valentin, schrie
Heute Morgen ohne Kopf: Er schafft, o, Drama,
Nur noch „Ki(c)ker...“; das „iki“ bringt er nimmermehr.

Des Nachts stillt unser träges Blut Angst, Sorge, Wille, und
Das vom Wein Beseelter rauscht wie in Muscheln das Meer.
Des Nachts schleichst du heimlich an Bord, verlässt sie,
Gehst fort ohne ein Wort, scheinbar erleichtert, und in aller
Stille. Doch bald schon macht die Reue dir das Leben schwer.

Wenn mich der Himmel träumen lässt, mein Lieb,
Bin ich mit Leib und Seel nur noch bei Dir.
Die Erde, unser bestes Stück, schickt Schnee
Und Zeit und Sonnenschein als liebes Echo mir.

Oft ruft dich deine eigene Stimme, dein Herz jedoch hat
anderswo zu tun, du lebst modern und hörst nicht hin.
Du lebst modern … Und das macht scheinbar Sinn.
Doch manchmal wunderst du dich, fragst: Warum …?
Woran mag es wohl liegen, dass ich selten fröhlich bin.

Ach, letzte Nacht, darin ich selig lang gewacht,
An Kuttel Daddeldu und Achim Ringelnatz gedacht,
Paar Verse nebenher gemacht, dabei von dir geträumt
Und insgesamt wohl vier, fünf Stunden Schlaf versäumt.

Das Wasserglas, das ihr gleich seht im Bild,
Ist, meine Lieben, beim „Verzerren“ mir zum
Pipi-Topf aus alter Zeit am End geraten.
Doch wenn wir ehrlich sind: Ähnelt so manche
Schnöde Schaufel, die gezeichnet ward, nicht
Oft auch einem edlen Spaten ...?

digital, Copyright: anne li
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Kommentare

07. Feb 2019

DIE Stimme hör ich kaum im Hause -
Zu laut dröhnt die von Bertha Krause ...
(Aber der Text ist gut gelungen!)
[Und auch das Glas ist nicht gesprungen ...]

LG Axel

07. Feb 2019

Dank, Axel, Dir, für Deinen klasse Kommentar ...
Wahrscheinlich bist Du mittlerweile leicht ertaubt,
Weil Bertha, diese Hydra, ständig Dir ins Öhrchen schnaubt.

LG Annelie

07. Feb 2019

Dein mit überbordender Phantasie und außergewöhnlichen Wortkombinationen verfasstes Nachtgedicht (inklusive der kreativen Bildgestaltung) lässt mich wieder staunen, einfach großartig, liebe Annelie, auch die Anspielung auf Kuttel Daddeldu trifft einen Nerv bei mir, ich war so vertieft ins Lesen und Antworten, dass ich beinahe einen wichtigen Termin verpasst hätte, nun muss ich mich sputen (schönes Wort, das bald vergessen sein wird) und deshalb schließen …

liebe Grüße zu Dir - Marie

07. Feb 2019

Liebe Marie, für Deinen schönen Kommentar bedanke ich mich herzlich ...
Und dass Du Kuttel Daddeldu kennst, macht mich froh.
Der Ringelnatz ist tot - und das ist für uns beide schmerzlich ...
Auch "sputen" wird bald totgeschwiegen, das schockiert mich so.

Liebe Grüße zu Dir (hoffentlich konntest Du Deinen wichtigen Termin
einigermaßen pünktlich wahrnehmen),

Annelie

07. Feb 2019

Bilder u. Eindrücke der/einer Nacht verdichten sich hier eindringlich u. außergewöhnlich.Dein ureigener Sprach- u.Schreibstil wird sofort deutlich,liebe Annelie ... nicht auf die innere Stimme hören, " du lebst modern(...) " , aber so an Fröhlichkeit verlieren,
spricht mich an. Und nach überstandener Nacht legt sich alles, auch der Sturm im Wasserglas, vielleicht. Liebe Grüße zu Dir von
Ingeborg

07. Feb 2019

Dank Dir, lieb Ingeborg, ich schätze Deine Interpretationen ...
sie anzuschauen, wird sich immer, immer lohnen.
An Fröhlichkeit verliert der Mensch im Leben oft ...
Denn meistens ist das Leben hart und selten soft.
Doch unterkriegen lassen wir uns nie: Du und auch
Ich nicht und auch nicht Soléa oder die Marie.
Der Sturm im Wasserglas tobt sich am Tage aus ...
Die dunkle Nacht, sie schickt uns höchstens eine Laus.

Herzliche Grüße zu Dir,
Annelie

07. Feb 2019

Auch eine graue Maus ist schön,
wie ein edler Spaten anzusehen.
Auch nicht zu verachten dein Gedicht,
es berührt mich …

Liebe Grüße
Soléa

07. Feb 2019

Des Nachts sind nicht nur alle Katzen, sondern auch die Mäuse grau.
Die meisten amüsieren sich zu Haus und kommen nicht aus ihrem Bau.
Freut mich, dass mein Gedicht Dich hat gerührt und ich zum Lesen Dich verführt.

Liebe Grüße,
Annelie

07. Feb 2019

Hallo Annelie,
ein buntes Potpourri an Bildern, das hier einen Sturm im Wasserglas entfacht.
Bei Valentin musste ich spontan an die Verleihung seines Ordens an den Volksmusikrocker Gabalier denken, die einen Sturm der Entrüstung lostrat. :)
Ansonsten halte ich die "moderne Art" zu lieben, für eine Selbsttäuschung, denn die Liebe hält sich nicht an Trends.
LG
Manfred

08. Feb 2019

Hallo Manfred, hab lieben Dank für Deinen Kommentar,
Karl Valentin verdient der Orden viele, das ist wahr.
Doch dacht ich hier an jenen Tag, der für zwei Herzen
Am Valentinstag abläuft ohne große Schmerzen.
Am Februar, den 14., ist es soweit, paar Tage sind noch Zeit.
Doch sonst bin ich mit Dir auf gleicher Welle:
Die Liebe speist mitnichten sich aus der modernen Quelle.

LG Annelie

09. Feb 2019

"Modern lieben", mir gefällt der Begriff, liebe Annelie.
Noch nie genoss die Liebe so viel Freiheit, wie das heutzutage der Fall ist, zumindest in der westlichen Welt.
Wo sie hinfällt, darf sie uneingeschränkt und frei blühen.
Ist das nicht wunderbar?

Liebe Grüße,
Ella

10. Feb 2019

Liebes Ellalein, so gesehen, hast Du völlig recht ...
Solang es Liebe ist und nicht nur Liebelei;
denn Liebelei ist oberflächlich nur und hält nicht echt.
Danach kommt dann die zweite, dritte, vierte, fünfte Liebe u.s.w.
Dann kriegt man höchstens 'nen "Moralischen", ist nimmer heiter.

Allerliebste Grüße zu Dir,
Annelie