Erst der Tod macht viele lebendig ...

von Annelie Kelch
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November – dein früher Dämmer
ist kein Gewinn für Kranke,
deren Tage gezählt sind.

Stumm und ohne Gebet will
ich sitzen am Bett meines Mündels
den Kopf voller Liebe ...
Die leg ich ihr in die
traurigen kleinen Hände.

Mein Sommerherz, denk ich,
schlägt noch im gleichen Takt
wie im letzten August – es hat Sehnsucht
nach einer Sonne in Menschengestalt
die den Tod besiegt.

Der raue Novemberwind
will mir die Sehnsucht austreiben.
„Bleib bei mir“, flüstert mein Mund
überm Bett meines Mündels.
„Sobald du stirbst, grünt mir
nur mehr der Mond.“

Erst der Tod macht viele Menschen
lebendig – mein Mündel hat gefroren,
gehungert, gebangt, gezittert, geweint …
Hat mein Mündel - gelebt?

Stark und leise will ich sein,
wenn mein Mündel stirbt
und Sterne legen auf ihre
erloschenen Augen.

Ein gesunkenes Schiff bin ich nun.
Aus meinen Augen strömen Tränen
ins Meer.

Irgendwo dort auf dem Grund
liegt mein Mündel begraben:
eine Niemandsrose, Algen
im Aug einen toten Fisch
im offenen Mund ...

Collage aus Bildern von pixabay
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Kommentare

09. Nov 2017

Manch Dichter macht lebendig auch -
Fein und poetisch schafft sein Hauch ...

LG Axel

09. Nov 2017

Dank, lieber Axel, dir, für deinen Kommentar:
Auf Grund des Meeres liegen viele
"Niemandsrosen" - wie Celan es sah.

LG Annelie

09. Nov 2017

Ein besinnliches Gedicht, das mir zu denken gab.
(Und mir nebenbei ein verlorenes Wort (Mündel) zurückgab.)

LG
Willi

09. Nov 2017

Danke für deinen Kommentar, Willi. Ich hoffe, dass du gute Gedanken bei diesem Gedicht hattest. Ich denke manchmal, es gibt so viele Familien, die ein elternloses Flüchtlingskind leicht "verkraftet" hätten. Wie schön wäre es gewesen, wenn alle Schiffe wohlbehalten ans Ufer gelangt wären und dort schon die neuen Eltern gestanden hätten, um "ihre" Kinder in Empfang zu nehmen. Nicht auszudenken, wenn es so eine "Welt", wie ich sie mir vorstelle, gäbe. - Ach, es gab sie - im Dritten Reich, in England. Es gab Kindertransporte - Jüdische Eltern haben ihre Kinder allein in ein sicheres Land geschickt, damit ihnen nichts geschehen kann in Deutschland. "Liverpool Street" heißt dieses wunderbare Buch, das davon handelt. Anne C. Voorhoeve hat es geschrieben.

Liebe Grüße zu euch nach Schweden,
Annelie

10. Nov 2017

Für jedes Kind Eltern, oder einfach jemand der sich freut, wenn es Heim kommt.
Ein schönes Gedicht, liebe Annelie.

Herzliche Grüße
Soléa

10. Nov 2017

Danke, liebe Soléa. Ich bin ganz deiner Meinung. Es sind so viele Kinder im Meer ertrunken. Eigentlich müssten wir um alle trauern, um jedes einzelne Kind, das Opfer eines gemeinen, sinnlosen Krieges wurde.

Liebe Grüße zu dir,
Annelie