Nachdenken über "Jenes Höhere Wesen, das wir verehren"

von marie mehrfeld
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Wie auch immer Er heißt, wie du Ihn nennst, selbst,
wenn du Ihn leugnest - ist doch „jenes Höhere Wesen,
das wir verehren“ unabhängig von deinem und meinem
Willen in dir und mir, in allem Lebendigen,

auch in alten Steinen, die wir ehrfürchtig bestaunen,
weil sie Geschichte unserer Erde gespeichert haben.

Er ist im unergründlichen Blick meiner Katze,
wenn sie zum Sprung ansetzt, um den aus dem Nest
gefallenen Vogel zu fangen, den sie töten wird,
in den Augen des obdachlosen Trinkers, der um Almosen bittet,
im verzweifelten Weinen aller Kinder der Welt,
selbst im hassvollen Ausdruck wütender Männer,
die sich gegenseitig bekämpfen, bekriegen, umbringen.

Ist Er nicht das Gute, die Kraftquelle, das Quäntchen Hoffnung,
das wir in uns tragen von Geburt an, die Kraft, die nie ganz
verschüttet werden kann, nach der wir in Not verzweifelt suchen,
deren Plan wir nicht verstehen, die wir verneinen, weil wir
erfahren haben, dass uns die erbetene Hilfe verweigert wurde?

Ich weiß es nicht, aber ich hoffe, dass es Ihn gibt,
suche nach Ihm mein Leben lang, denn ich brauche
diese Instanz, die Sicherheit, dieses:
Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.

Oft habe ich ihn gerufen, und er hat nicht geantwortet.
Wem sonst aber kann ich danken für hellen Geist,
wachen Verstand, offenes Herz, dafür, dass ich mich
ausdrücken darf mit Stift und Farbe und Worten?

Auch für schwere Zeiten bin ich dankbar,
sie haben mich weiter gebracht. Danke vor allem dafür,
dass ich meine begrenzte Zeit auf der Erde habe.

Meine Zuversicht möchte ich teilen, Wutbotschaften entkräften,
mich für Frieden und Mitmenschlichkeit einsetzen,

und ich weiß genau, wir alle können, unabhängig davon,
ob wir an Ihn glauben oder nicht, in unserem begrenzten
Rahmen etwas tun – Hassgedanken abbauen, liebevolles
Denken pflegen und weitergeben.

In seiner 1955 veröffentlichten Kurzgeschichte „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“ bezeichnet Heinrich Böll Gott als „Jenes Höhere Wesen, das wir verehren“.

Interne Verweise

Kommentare

16. Feb 2017

Du hast recht Marie, aber noch schlimmer sind jene Menschen, die Hassbotschaften provozieren, um andere zu vernichten und den ganzen Tag nichts anderes im Sinn haben, als anderen zu schaden, die Hassworte ausstreuen, um Hass zu säen, die nie geben und immer nur nehmen und fast nichts weiter können, als andere Menschen schlecht zu machen und unwahre, hässliche Gerüchte streuen. Auch ich liebe Heinrich Böll; er war wirklich ein Guter, genau das Gegenteil von all jenem und ein großartiger Schriftsteller.

LG Annelie

12. Jan 2019

Diese Menschen gibt es, Annelie, überall. Sie begegnen mir auch. Oft sind es sogar fleißige Kirchgänger ... ich meine, wenn man sich dieser Problematik bewusst ist, bleibt nur, sich nicht irritieren lassen oder verkriechen, sondern unbeirrt - weiterhin positiv denken, reden handeln. Und nicht resignieren.
Liebe Grüße Marie

16. Feb 2017

Danke, Marie, für deine sehr tröstende Antwort, die Hoffnung gibt.

LG Annelie

16. Feb 2017

Ich ward in allem alles, sah in allem Gott,
ich tat, von Einheitglut entfacht, zu Gott den Liebesruf.

Ein paar passende Worte aus Rumi's Diwan.

LG Jürgen

16. Feb 2017

Das, was ich sicher über Gott zu wissen glaube ist die Tatsache, dass er/sie/es so unvorstellbar groß und mächtig und nicht in Worte fassbar ist. Deshalb glaube ich, dass er/sie/es ein Urgrund der Liebe ist, trotz all der existierenden Teufeleien. Woher soll sonst die Sehnsucht nach dem Paradies entstehen, die sich in allen Völker von jeher offenbart hat in Form eines Gottes oder der Suche danach. Diese bescheidenen Gedanken hab auch ich auf der Suche nach Gott entwickelt und weiß, dass ich weiter suchen werde.
Dein Gedicht ist eine Inspirationsquelle. Danke, liebe Marie.
LG Monika

16. Feb 2017

Wir senden auf ähnlichen Wellenlängen. Unermesslich groß ist Er, schwer zu benennen, Urgrund der Liebe - und Schöpfer. Nicht aufhören, zu suchen ...
Danke, Monika.
LG Marie

Detmar Roberts
16. Feb 2017

Mit Interesse habe ich deinen Beitrag über „Glauben und Nichtglauben“ in Bezug auf Heinrich Böll gelesen. Das genannte Büchlein kenne ich, hielt es vor längerer Zeit für besonders gut. Wir beziehen uns gerne mit gewissem Stolz darauf, Teil des „christlichen Abendlandes“ zu sein. Gleichzeitig scheuen wir davor zurück, uns zum christlichen Gedankengut zu bekennen, das kommt nicht gut an. Mich berührt dein Textgedicht, denn ich bin wie so viele Menschen auf ähnlicher Suche wie du – nach einem „höheren Wesen“, nach Lebenssinn.
Grüße D.R.

16. Feb 2017

Danke für deine Antwort auf meinen kleinen Text, Detmar. Das Böll-Buch ist, wie du weißt, eine Satire, Dr. Murkes arbeitet in der Kulturredaktion eines Rundfunksenders und muss auf Anweisung des Intendanten „wegen religiöser Zweifel“ das Wort „Gott“ aus einem auf Band gespeicherten Vortrag buchstäblich heraus schneiden und durch „jenes Höhere Wesen, das wir verehren“ ersetzen. Mir gefiel diese nicht ernst gemeinte Formulierung damals, ich habe sie in meinen Wortschatz übernommen.
Liebe Grüße Marie

11. Jan 2019

Wir Menschen haben sehr viel Kraft, liebe Marie, werden mit (fast) jedem Unglück irgendwie fertig, schauen immer wieder nach vorn; diese Kraft ist uns gegeben - von IHM, von wem auch immer; aber wenn wir diese Kraft nicht in uns selber suchen, werden wir sie schwerlich finden. Auch die Kraft von außerhalb, von anderen Menschen, die uns in unserem Bemühen unterstützen, nicht aufzugeben, weiterzumachen, kommt dann letzten Endes auch von IHM.

Liebe Grüße,
Annelie

11. Jan 2019

Danke, Annelie, da sind wir einer Meinung - wir müssen die Kraft immer wieder IN UNS SELBST suchen und finden.
Liebe Grüße in einen sicher auch in Lübeck trüben schneenassen Januartag ...

Marie

12. Jan 2019

liebe Marie, da bin ich gleich nochmal. Ich hätte vor noch zwanzig Jahren zugestimmt und auch Weisheit entdeckt in Deinen Worten
entdeckt.(Panpsychismus ist übrigens gerade in, für mich inakzeptabel.)
Das ist mir jetzt nicht mehr ohne weiteres möglich.Nach gescheiterter Theodizee, nach Camus, Schopenhauer,Kant, Schopenhauer, Freud, Einstein nach kritischer Aufarbeitung von Christentum, Jesus, Luther etc sind Deine Vorstellungen für mich keine Option mehr.
Ich bin da nahe bei B.Russell, Kurt Flasch usw. -
Wenn Dir Deine Überlegungen im Leben helfen, dann freue ich mich von Herzen für Dich.
Eine meiner beiden Schwestern empfindet ähnlich wie Du.Soll ich mit ihr streiten? Es ist lange schon vorbei.
Auf einer Dichterplattform halte ich allerdings meine kritischen Anmerkungen für legitim,wenn
nicht sogar notwendig.
Ein Lebenssinn der sich über Gott ergibt, ist für mich eher ein abgeleiteter Sinn, ein Pseudosinn.
Sinn ist für mich nur in Autonomie vorstellbar.(Sartre, etc.)
Fragen der Moral können über Religion nicht geklärt werden.Ein Widerspruch sogar.
Es hat zu lange gedauert, bis das Christentum etc.so moralisch geworden ist wie es sich
derzeit geriert.Immer waren es Rückzugsgefechte gegen Wissenschaft, Aufklärung und eine meist von Philosophen
weiterentwickelte Ethik.Der Prozess dauert bis heute an, leider
All diese Fragen beschäftigen mich nun intensiv ein halbes Jahrhundert .. .
Jeder muss für sich zu tragfähigen Lösungen kommen unter Beachtung intellektueller Redlichkeit. ( Begriff
von Prof.Thomas Metzinger)
liebe Grüße
ulli

12. Jan 2019

„Jeder muss für sich zu tragfähigen Lösungen kommen unter Beachtung intellektueller Redlichkeit“, der Meinung bin ich auch. Wir beide haben uns über dieses Thema an anderer Stelle schon einmal ausgetauscht, ist immer Horizont erweiternd, mit Dir zu parlieren, außerdem bitte ich zu bedenken, dass der Text vor zwei Jahren geschrieben wurde …

liebe Grüße zurück zu Dir, Ulli - Marie

12. Jan 2019

Danke Marie !! Du kannst mich gut einschätzen.Weisheit.
ulli