Der kleine Bernhard

von Johanna Ambrosius
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Saß an einem Frühlingsmorgen
Müßig auf des Hauses Schwelle,
Schaute trunk’nen Blicks zum Himmel
In die gold’ne Sonnenhelle.

Kommt ein Weib zu mir geschlürfet,
Hass und Sorge in den Zügen,
Ihre hagern braunen Arme
Leise einen Knaben wiegen.

„Ei, woher der kleine Junge?
„Alte, lass ihn mich doch sehen,
„Hat schon solche klugen Augen
„Und kann noch nicht selber gehen?“

„Ist das Kind von meiner Lene,
„Welche diente bei dem Grafen,
„Ging, nachdem er sie verstoßen,
„Unterm Rasen stille schlafen.

„Hat nicht Vater nun noch Mutter,
„Hungern müssen wir zwei beide,
„Solche Zutat in dem Alter
„Ist ein Meer von Gram und Leide.

„Geb‘ den Buben preis dem Winde,
„Schütze ihn vor Kälte nimmer,
„Dass er endlich sterben möchte –
„Aber leben bleibt er immer.“

Und sie nimmt das arme Würmchen,
Schüttelts wie ein Flickenbündel,
Noch aufjauchzt die kleine Unschuld,
Reicht zum Kusse ihr sein Mündel.

Hebt die Ärmchen in die Höhe,
Zeigt, wie groß er wachsen werde;
Heftig zuckt’s im Aug‘ der Alten
Und ein Tränlein fällt zur Erde.

Nimmt die Last dann weiterschleppend
Seufzend auf den alten Rücken,
Und ich sah aus Hass und Elend
Doch die Göttin Liebe blicken.

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