Du fragst?

von Johanna Ambrosius
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Du fragst, warum ins Auge
Sich mir die Träne drängt?
Warum ich klag‘ und leide,
Was mir die Brust zersprengt?
Ja, schautest meinem Jammer
Du offen ins Gesicht,
Du würdest Mitleid haben, -
Doch Du verstehst mich nicht!

Was auch die bleiche Lippe
Für Klagelieder haucht,
Die kann das Weh nicht nennen
In das mein Herz getaucht.
Könnt‘ dieses zu Dir reden
Von dem, was ihm gebricht,
Du würdest mich beklagen –
Doch Du verstehst mich nicht!

Es ist kein Weh von heute,
Es ist kein Alltagsschmerz,
Wenn so von Geierkrallen
Zerrissen wird das Herz.
Wer stückweis‘ wird vom Henker
Zeitlebens hingericht‘,
Der kennt die Höllenqualen,
Doch Du – verstehst sie nicht!

Leicht ist es zu verdammen,
Wenn man die Schuld nicht kennt –
Nicht schwer ein Feuer schüren,
Das lichterloh schon brennt.
Wer selber nie gegangen
Bei Nacht ohn‘ Wanderlicht,
Kann nimmer mich begreifen, -
Ja, Du verstehst mich nicht!

So lass mich leise weinen
Von dem, was mich bewegt,
Bald wird der Abend kommen,
Wo man Dich niederlegt.
Einst kommt für alle Kinder
Ein Vater zum Gericht –
Der kann allein verdammen,
Doch Du – Du darfst es nicht!

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