Der schönste Lenz

von Johanna Ambrosius
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Trüb‘ saß am Fenster ich zur Winterszeit,
Die ganze weite Flur lag weiß beschneit,
Eiszapfen hingen an des Daches Bord,
Ein Ruhestündchen hielt Großvater Nord.
In tiefem Schweigen stand der liebe Wald,
Kein süßer Vogellaut ihn hell durchhallt,
Nur Flocken taumelten aus grauer Luft
Gespenstig leis‘ wie toter Blumen Duft.
Fast bitter flog mein Blick zum Garten hin,
Tot, alles tot! und finster ward mein Sinn.
Warum sobald des Sommers Lust vergeht,
So bald der Rosen süßer Duft verweht?
Warum auf so viel Blütenpracht und Glanz
Nur Leichenhemd und blasser Totenkranz?
Ich will’s gestehn, mein Herz ward voller Groll,
Ich schloss das Aug‘, d’raus eine Träne quoll. –
Da horch! welch glockenreiner Stimmenklang
Tönt hell die hartgefror’ne Straß‘ entlang?
Ein schelmisch Kichern und ein fröhlich Lachen,
Fast hab ich Lust, das Fenster aufzumachen.
Zwei Kinder sind’s, von fünfzehn, sechzehn Jahren,
Mit hellem Blick, mit langen, vollen Haaren.
Die große Braune ist mein Töchterlein,
Der Heimatstanne gleich, so schlank und fein;
Ihr Arm umschlingt die kleine Freundin traut,
Die wie ein Rehlein neckisch um sich schaut,
So kommen beide, wie sie mich erspäht,
Schneeflocken gleich ins Zimmerchen geweht.
Träum‘ ich? Ist’s Wirklichkeit? Woher die Frühlingsluft?
Getränkt mit Veilchen- und Jasminduft?
Woher die tausend kleinen Vögelein,
Die lustig zwitschern in den Tag hinein?
Rauscht nicht das Bächlein dort durch’s Wiesengrün,
Darüber Schmetterlinge Farben sprüh’n?
Und winken nicht – o köstlich süßer Fund –
Erdbeeren dort im blumenreichen Grund?
O nein! nicht etwas habt ihr beide nur,
Ihr seid die ganze lichte Frühlingsflur,
Ihr seid der knospenvollen Rose gleich,
Der grünen Saat, so schön und hoffnungsreich,
Aus eurer Augen hellem Glückesglanz
Strahlt unbewusst ein Maienhimmel ganz,
Und zur Erkenntnis kam beschämt ich dann:
Ihr seid der schönste Lenz, den Gott ersann.

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