Da brütet die schwarze Galle mir Stein ...

von Annelie Kelch
Mitglied

Schreiadler stürzt
legt sich nieder
tot auf mein' Fuß ...
Fichtenzweigerl
fürs längst zerstörte
Nest im Schnabel …
kein Brieflein für
Weibchen und Brut
keinen letzten Gruß
(tjück jüb, tjück jüb, tjück ...).

O Windrad – tost
weiter mit Gleichmut
von Crash zu Crash
ungerührt
wenn übrigbleiben
vom Leben
nur Federn, die beben.

Nimmer kommts Windrad
auf die Rote List
drauf die Schreiadler
lagern und ich:
Schmalfrontzieher
wie sie, gefallen ins
tückische Aug
des Tages.

O Clara (Tomentosa) du schöne
Geweih-Armleuchteralge
das Verhornte längst abgestoßen
an Phosphor und Stickstoff
in umgekippten Gewässern ...
Einst Diva der Buchten
jetzt Suhrer See und
vereinzelt mit Lupe …

Ausgestorbener Tanz:
Hab dich nie wirklich geliebt
Isadora, alte Hupfdohle
die dicklichen Arme und Beine
dem armen Sergej
zum Fraß vorgeworfen
aber dein Schicksal betrübt
mich sehr …

Sag mir, wo letzte Strandgersten wachsen
der Gezahnte Leindotter, zeig mir ein Foto
vom letzten Harlekinfrosch, o Isadora ...
Gib mir bitte einen Tipp.

Bleibt bei mir ...
ihr Wörter bedroht
vom Untergang:

So mancher Harderlump
macht das Tränenbrot
unkommod
vergackeiert
Dochtermann, Gevatter
Pedell und die betagte
Muhme …

Da brütet die schwarze
Galle mir unendlich Stein ...

Erläuterungen: Auch der Schreiadler ist vom Aussterben bedroht (Rote Liste) durch Windparks und insektenfreie, sterile Felder.
Gemeint ist Isadora Duncan, weltbekannte Tänzerin, hatte eine Liason mit Sergej Jessenin, Dichter, verehrt und geliebt vom russischen Volke. Duncan starb mit 50 Jahren in Nizza. Als Beifahrerin in einem offenen Amilcar verfing sich auf der Promenade des Anglais ihr Seidenschal an einem Rad des Sportwagens, und sie wurde am Hals auf die Straße geschleudert, wobei sie sich einen Genickbruch zuzog. Sie starb noch am Unfallort. Letzter Satz: Quelle Wikipedia.
Aus der Mode gekommene, fast ausgestorbene Worte:
Harderlump – Streitsüchtiger
Tränenbrot – Leichenschmaus
unkommod – ungemütlich
vergackeiern – veralbern
Dochtermann –Schwiegersohn
Gevatter – Großvater
Pedell – Hilfskraft an z. B. Universitäten
Muhme –Tante

Copyright: anne li; Foto: pixabay
Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise

Kommentare

31. Aug 2018

Vergackeiert fühle ich mich hier nicht:
In deinem aufklärenden und ansprechenden Gedicht …

Viele Grüße zu dir
Soléa

31. Aug 2018

Lieber Uwe, ich bin keine Zeichensetzungsdeuterin ... versuche mich aber jetzt darin:

1.) ? = Du hast dieses Gedicht teilweise oder gar nicht verstanden,
2.) ! ! ! ! = Die Erleuchtung hat Dich - zu meiner großen Erleichterung - doch noch eingeholt.

LG Annelie

31. Aug 2018

Keineswegs wollte ich Dich vergackeiern, liebe Soléa. Nichts liegt mir ferner. Ja, die Schreiadler sterben aus. Schuld daran sind in hohem Maße Windräder, mit denen die Vögel kollidieren - die Zahlen sprechen für sich. Es wurden aber in letzter Zeit Kompromisse gefunden u.a., dass Rücksicht genommen wird auf die Schreiadler, indem Windparks nur dort zugelassen werden, wo sie die Vögel nicht stören.
Danke auch für Dein freundliches Lob,

liebe Grüße,
Annelie

31. Aug 2018

Bildmächtige Sprache schafft Szenen , die sich im Kopfkino aneinanderreihen; Deine außergewöhnliche Sprachkraft, liebe Annelie, lässt Lesende nicht los;
der tragische Tod der Tänzerin verknüpft sich mit anderen
Inhalten dieses Gedichts. Liebe Grüße von Ingeborg

31. Aug 2018

Liebe Ingeborg, für Deinen Kommentar und Dein Lob bedanke ich mich ganz lieb und freue mich sehr, dass Dir mein Gedicht gefallen hat und ich Dir zu einem kleinen Fantasiefilm verholfen habe, ohne dass es Eintritt gekostet hätte. Ja, Isadora Duncan und Sergej Jessenin: das war ein Paar, das es in sich hatte. Er war am Anfang sehr, sehr eifersüchtig; die beiden haben auf Tourneen der Isadora unter Alkoholeinfluss so manches Hotelzimmer auseinandergenommen (und zwar schlimmer, als es sich jetzt anhören mag). Sehr skandalträchtig, diese Liason. Sergej Jessenin hat sehr gute Gedichte geschrieben; es mag manchmal anmuten, dass er nicht sehr intellektuell und politisch nicht sehr engagiert war, aber das täuscht gewaltig: Er hat auch Essays u.ä geschrieben und war sehr intelligent. Schon im Alter von 15 schrieb er ganz ausgezeichnete Gedichte.

Liebe Grüße,
Annelie

31. Aug 2018

Liebe Annelie, ich liebe die fast-ausgestrobenen Worte , die du benutzt, und denen du so ein Denkmal setzt - und ich bin beruhigt, dass ich ( bis auf den Dochtermann) alle kannte. Ein tolle Idee, zu dem Thema des Vom-Aussterben-bedroht-Seins hier diese dazu passenden Worte zu nutzen. Ich bewundere- wie stets auch hier in diesem Gedicht- deinen Einfallsreichtum!
Die Dame (Isadora D. ) war mir bis dato unbekannt, und so habe ich mal wieder nebenbei was gelernt. Auch das gefällt mir in deinen Werken: man bekommt immer neue Anstöße und zudem praktische Hinweise im Anhang.
Liebe Grüße
Anouk

31. Aug 2018

Danke, liebe Anouk, Dein Lob freut mich jedes Mal ganz besonders. "Dochtermann" ... dieses Wort - ich las es zum ersten Mal ohne "Übersetzung" - kannte ich auch nicht. Nach einigem Zögern tauschte ich dann das "D" gegen das "T". Das fiel mir aber auch wohl nur ein, weil ich schon viele uralte Wälzer gewälzt habe in meinem Leben. Außerdem ist Dochtermann m.E. ein Dialekt im Norddeutschen. Woher solltest Du es auch kennen? Auch dann, wenn Du es mit "Kerzenverkäufer" übersetzt hättest, wäre es in Ordnung gewesen. Isadora war eine schöne Dame - bis sie fett wurde. Leider hat sie dann immer noch getanzt; aber leider nicht auf Spitzen, dazu war sie wohl zu groß und zu dick. Ihren Tanz hätte meines Erachtens aber ja jede Frau lernen können, die einigermaßen sportlich gewesen ist. Sie hat Jessenin auf einer Party in Russland kennengelernt. Das einzige russische Wort, das sie damals kannte, war "goldener Schopf"; sie hat es auch sofort angewandt; denn Jessenin war sehr blond - wie selten bei Russen. Es sind schon viele Tiere seit der Evolution ausgestorben. Bei manchen sehr gefährlichen kann man froh sein; aber es freut mich doch ganz außerordentlich, dass es Biologen gibt, die uralten Lebewesen auf der Spur sind und rezente schützen.

Liebe Grüße,
Annelie

31. Aug 2018

Dein sehr gutes Gedicht weckt Bilder, Annelie, aber auf Isadora Duncan in Verbindung mit Sergej Jessenin wäre ich ohne Erläuterung nicht gekommen ...

liebe Grüße - Marie

31. Aug 2018

Liebe Marie, danke für Deinen Kommentar. Isadora war im Begriff, Typ "Matrone" zu werden. Ihr Lebensstil in der Liason mit Jessenin förderte diesen Umstand noch durch (zu) gutes Essen, Zigaretten und Alkohol, während Jessenin noch ein junger Mann war, leider auch dem Alkohol sehr zugetan. Er hatte vielleicht auch gehofft, durch Isadora bekannter zu werden. Liebe zu Isadora will ich ihm aber nicht absprechen. Nachdem sie sich getrennt hatten, blieben sie befreundet. Jessenin hat ihr danach oft besorgte, liebevolle Briefe geschrieben (rauch nicht so viel etc.). Ihr Tod muss grauenvoll gewesen sein, und das bedauere ich ganz außerordentlich, obwohl ich für ihr Gehopse nichts übrig hatte/habe. Von Isadora hörte ich erstmalig von meiner Mutter. Jessenin hat später eine Tochter von Tolstoi geheiratet, Sofia oder Sonjetschka o.s.ä. Aber diese Ehe stand unter keinem guten Stern. Auch hier hatte man Jessenin in Verdacht, dass er sich durch diese Heirat einen besseren gesellschaftlichen Status verschaffen wollte. Jedoch war er nur wenig später so verzweifelt, dass er sich das Leben nahm.

Liebe Grüße zu Dir und einen schönen Abend,
Annelie

31. Aug 2018

Lieber Waldeck, danke für dieses Lob, kommt wie aus heiterem Himmel - weiß gar nicht, was ich sagen, schreiben soll. Ein Lob von Dir ist ja, als würden Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen.

Liebe Grüße zu Dir,
Annelie

01. Sep 2018

So viel verändert sich...
Ob Bandsalat wohl Jugendlichen schmeckt ;) -
und hinterm Tropfenfänger sich ein Regenschirm versteckt?
Wie Atom und Windkraft ändern die Natur
und Modern Dance in Dichtkunst sich verwischt
schriebst du und stets
dein absolut besonderes Gemisch
stimmt erheiternd nachdenklich!

LG Yvonne

01. Sep 2018

Dank Dir, Yvonne, Dein Kommentar - speziell wie eh und je und schön;
Das brauch ich eigentlich nicht extra hier noch zu erwähn'.
Der Tropfenfänger dieser Tage örtlich gegenwärtig: absolutes Muss!
Auf heiße Sonne folgt nun Regenguss auf Regenkuss.
Der Ausdruckstanz der Isadora: griechisch-klassisch orientiert,
mit viel Gewändern, Schals und andrem hat sie sich drapiert ...
So hopste sie erfolgreich um die Welt,
das brachte nebenbei auch noch viel Geld.

Liebe Grüße,
Annelie