Justine oder vom Missgeschick der Tugend - Page 11

von Donatien Alphonse François Marquis de Sade
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sogar die Kühnheit gehabt haben, die Hände, die er fesselte, seiner Hose zu nähern, um ihnen die Wirkung dieses grausamen Schauspiels auf seine erregten Sinne zu zeigen.

Ohne sich verständlich machen zu können, wurde Justine in einen Fiaker geworfen. Dubourg und sein Kammerdiener begleiteten sie unter der Maske von Soldaten nach den Gefängnissen, in die sie beide eher hineingepaßt hätten. Sobald Dubourg im Wagen war, verübte er Grausamkeiten, die man sich nicht vorstellen kann. Justine war wehrlos und Themis selbst beschützte das Verbrechen. Mit Hilfe des Kammerdieners wurden ihr die Röcke aufgeschürzt und Dubourg küsste, schlug und mißhandelte sie am ganzen Körper. Aber wieder wurde der Altar mit dem Opfertrank begossen, der fürs Heiligtum bestimmt war und den zu großer Eifer nicht an seinen Bestimmungsort gelangen ließ. Endlich langte der Fiaker an. Man stieg aus und unsere Heldin wird als Diebin eingesperrt ohne daß sie auch nur ein Wort zu ihrer Rechtfertigung vorbringen konnte.

Mit einem Unglücklichen, der keinen Einfluß hat, wird kurzer Prozeß gemacht Justine konnte sich soviel sie wollte verteidigen: Ihre Herrin klagte sie an, die Uhr hatte sich in ihrem Zimmer gefunden; es war klar, daß sie sie gestohlen hatte. Als sie vorbringen wollte, wie man ihre Ehre angegriffen habe wie sich Dubourg verkleidet und was er während der Ueberführung getrieben habe, hielt man ihr entgegen, daß Herr Dubourg und Madame Delmouse seit langem als achtbare, solcher Greuel unfähige Leute bekannt seien. Sie wurde also nach der Conciergerie gebracht, wo ihre Hartnäckigkeit mit Entziehung ihrer Freiheit belohnt wurde. Erst ein neues Verbrechen sollte sie retten. Alle Klagen und Beschwerden Justines über ihre Verderber waren vergeblich. Ja der Himmel überschüttete diese Schufte sogar im Gegenteil mit Glück. Die Delmouse erbte einige Tage später von einem Onkel 50.000 Pfund Rente und Dubourg erhielt von der Regierung eine neue Einnahmequelle, die seine Einkünfte um 400.000 Frank jährlich erhöhte.

Es ist also doch wahr, daß die Wohlfahrt das Verbrechen begleitet und belohnt und daß auch inmitten der Verderbnis und des Verbrechens das heimisch sein kann, was die Menschen[25] Glück nennen. Wie viele Beispiele für diese traurige Wahrheit werden wir noch aufzuzählen haben!5
III. Kapitel.
Ein Ereignis, das die Ketten Justines bricht. Neue Gefahren für ihre Keuschheit. Sie wird Zeuge von Niederträchtigkeiten und entschlüpft endlich den Verbrechern, mit denen sie ihr Unglücksstern zusammengeführt hat.

Justine war in ihrem Gefängnis mit einer ungefähr dreißigjährigen Frau zusammen, die ebenso durch ihre Schönheit, als durch ihren Geist und die Art ihrer zahllosen Vergehen hervorstach. Sie hieß Dubois und war so wie Justine auf ihr Todesurteil gefaßt. Justine hatte diesem Geschöpf eine Art Interesse eingeflößt, das zwar das Verbrechen zur Grundlage hatte, aber in der Folge doch die Tugend befreite.

Eines Abends, vielleicht zwei Tage bevor beide ihr Leben verlieren sollten, sagte die Dubois zu Justine, sie moge sich nicht schlafen legen, sondern sich unauffällig so nahe als möglich dem Gitter aufhalten. »Zwischen 7 und 8 Uhr,« fuhr sie fort, »wird in der Conciergerie Feuer ausbrechen. Dafür habe ich gesorgt. Zweifellos werden viele Menschen umkommen, aber was liegt daran, wenn es sich um unser Wohl handelt. Ich kenne nicht dieses Band einer lächerlichen Brüderlichkeit, das die Menschendank ihrer Schwäche und dem Aberglauben, bindet. Handeln wir jeder für uns, meine Tochter, so wie uns die Natur geschaffen hat und wenn manchmal unsere Bedürfnisse uns anderen näher führen, trennen wir uns, wenn es unser Interesse erfordert; denn der Egoismus ist das oberste, gerechteste und heiligste Naturgesetz. Mit einem Wort, inmitten des Todes und der Flammen wollen wir – vier meiner Kameraden, du und ich – uns retten. Ja, ich verspreche es dir, wir werden uns retten. Was kümmert uns-, was aus den Uebrigen wird!«

Durch eine jener unbegreiflichen Launen des Geschicks war es, nachdem es eben die Unschuld an unserer Heldin bestraft hatte, jetzt dem Verbrechen dienstbar. Das Feuer brach tatsächlich in furchtbarem Maßstabe aus und sechzig Personen verbrannten. Aber Justine, die Dubois und ihre Mitverschworenen retteten sich und erreichten noch in derselben Nacht die[26] Hütte eines Holzhauers im Walde von Bondy, der ein guter Freund der Verbrecherbande war.

»Du bist nun frei, Justine,« sagte jetzt die Dubois, »du kannst dir jetzt dein Leben einrichten, wie du willst. Aber wenn du meinem Rat folgst, mein Kind, so verzichtest du auf diese Tugendäußerungen, die, wie du siehst, dir noch niemals geholfen haben. Ein lächerliches Feingefühl, da es sich doch nur darum handelte, gefickt zu werden, brachte dich bis an die Stufen des Schaffots. Ein schreckliches Verbrechen rettet dich vor ihm. Sieh' also, wozu gute Handlungen in der Welt dienen und ob es der Mühe wert ist, sich dafür aufzuopfern. Du bist jung und hübsch, Justine. In zwei Jahren will ich dein Glück gemacht haben. Wenn man diesen Weg machen, will, muß man mehr als ein Handwerk kennen. Der Diebstahl, Mord, Raub, Brandstiftung, Hurerei, Ausschweifung, das sind die Tugenden unseres Standes. Ueberlege es dir, teures Mädchen, und gab uns bald Antwort. Denn es ist in dieser Hütte wenig sicher und wir müssen noch vor Tagesanbruch fort.« – »O, Madame,« erwiderte Justine, »ich bin Ihnen sehr zu Danke verpflichtet und weit davon entfernt mich dem entziehen zu wollen. Sie haben mir das Leben gerettet. Es ist schrecklich für mich, das dies durch ein Verbrechen geschah. Glauben Sie mir, daß, wenn ich es hätte begehen müssen, ich hundert Tode vorgezogen hätte. Ich merke wohl, welchen Gefahren ich durch meine Tugend ausgesetzt war. Aber wie groß immer sie gewesen sein mögen, ich werde sie auch weiterhin dem Glück vorziehen, das man durch ein Verbrechen erreichen muß. Es gibt in mir moralische und religiöse Grundsätze, die – dem Himmel sei Dank! – mich niemals verlassen werden. Wenn Gott mir Prüfungen schickt, so geschieht es, um mich in einer besseren Welt zu entschädigen. Diese Hoffnung tröstet mich, sie stärkt mich und läßt mich allen Leiden trotzen.«

»Tod und Teufel!« rief die Dubois mit gerunzelten Augenbrauen aus, »das sind unsinnige Gedanken, die Dich bald ins Gefängnis bringen werden. Laß Deinen niederträchtigen Gott laufen, meine Tochter; seine himmlische Gerechtigkeit, seine Belohnung und Bestrafung, alles das sind Plattheiten, die nur für Dummköpfe etwas taugen. Du bist zu klug,

Veröffentlicht / Quelle: 
Marquis de Sade: Die Geschichte der Justine. 1906

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Kommentare

01. Jan 2018

ICH darf das leider ja nicht lesen -
Sonst ha(u)t mich Krause! Mit dem Besen ...

LG Axel

02. Jan 2018

Das las ich bereits mit knapp dreizehn Jahren ganz "allein zu Hause".
Zum Glück gab 's bei uns keinen Besen wie die Bertha Krause.

LG Annelie

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