Justine oder vom Missgeschick der Tugend - Page 174

von Donatien Alphonse François Marquis de Sade
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begann hier den Altar der Sodomie auf gleiche Art zu verschließen. »So habe ich es gern,« sprach nun Cardoville, als er die Festung gut verschlossen fand, die er einnehmen wollte. Er stieß mit unglaublicher Kraft zu; endlich lösten sich die Fäden und unter höllischen Qualen Justinens fuhr das ungeheure Glied Cardovilles ein. Nun drehte man das Opfer um und dieselbe Szene wiederholte sich, bis Justine in Blut schwamm. »Nun bin ich an der Reihe,« sprach Dolmus und band Justine los. »Ich will sie nicht zunähen, aber ich will sie auf ein Bett legen, das ihr auch nicht angenehme werden soll.« Alsbald brachte einer der Neger ein diagonales Kreuz, das ganz mit Stahlspitzen bedeckt war; darauf legte man Justine, während Dolmus sie von vorne bearbeitete. Sein Mund[416] preßte sich auf den der Dulderin und schien ihre Schmerzen einatmen zu wollen.

Nun begehrte die wütende Zulma, auf dem Kreuz gefickt zu werden; nur stellte sie die Bedingung, Justine möge über ihrem Kopf aufgehängt werden, damit das herabtröpfelnde Blut über sie fließe. Die Hure legte sich auf den Rücken, man band sie fest und alle Männer bestiegen sie der Reihe nach und alle kratzten den unglücklichen Körper auf, der über ihrem Kopf hing, um immer neue Bäche von Blut hervorquellen zu lassen; schließlich wurde der leblose Körper Justinens losgebunden. »Was wollen wir mit ihr machen?« fragte Cardoville. – »Wir müssen der Gerechtigkeit ihren Lauf lassen,« antwortete Dolmus, »sie wird ja trotzdem sterben. Bringen wir sie ins Gefängnis zurück.« – Julien versuchten also, Justine ins Leben zurückzurufen, indem er ihr die Wunden auswusch. »Nehmen Sie Ihre Kleider wieder, meine Tochter,« sprach Cardoville, »der Tag ist noch nicht angebrochen und die Männer, die Sie hergebracht haben, werden Sie wieder ins Gefängnis zurückführen.« Justine wollte sich diesen Ungeheuern zu Füßen werfen, um von ihnen eine Begnadigung zu erflehen, allein nicht nur, daß man sie nicht anhörte, die Frauen schmähten sie sogar und die Männer bedrohten sie. Sie wurde gepackt und wieder ins Gefängnis gebracht. »Legen Sie sich nieder,« sprach der Cerberus, indem er sie in ihre Zelle stieß, »und wenn Sie jemals Klage darüber erheben wollen, was Ihnen heute Nacht geschehen ist, so können Sie sicher sein, daß ich alles ableugnen würde.« – »O, Himmel,« rief Justine aus, als sie allein war, »wie sollte ich Bedauern empfinden, eine Welt, in der so viele Verbrecher leben, zu verlassen!«

Am nächsten Tage besuchte der grausame Saint-Florent Justine. »Nun,« fragte er, »sind Sie mit den Freuden zufrieden, die ich Ihnen verschafft habe?« – »Oh, mein Herr, es sind Ungeheuer!« – »Ah, ich errate, Sie haben ihnen zu viel Samen gekostet, es gibt nichts Schlimmeres wie der Ekel. Also sprechen Sie, sprechen Sie, will man Ihnen das Leben retten?« – »Ich bin verloren.« – »Hören Sie, ich will Ihnen als Freund etwas sagen. Ich weiß, daß man die Absicht hat, sie lebend zu verbrennen, es handelt sich für Sie also nicht mehr darum, freizukommen, sondern nur darum, statt verbrannt gehenkt zu werden.« – »Nun, mein Herr, was soll ich dazu tun?« – »Vorerst müssen Sie sich mir hingeben.« – »Oh, mein Herr!« – »Nun, dann werden Sie eben verbrannt werden.« Und die Unglückliche ließ, um dem furchtbaren Tod zu entgehen, mit sich alles geschehen. Saint-Florent rief den Wärter heran. »Pierre,« sprach er zu ihm, »ficke dieses Lumpenweib vor meinen Augen. Welch ein Glück für einen derartig ungeschlachten Lümmel.« Er gehorchte also und sobald der Samen des Mannes geflossen war, fuhr Saint-Florent fort: »Nun ists genug, aber bilde dir nicht ein, Hure, daß ich deinetwegen den kleinsten Schritt unternehme. Ja, sei versichert,[417] daß du verbrannt werden wirst, und ich verlasse dich jetzt nur, um die Ausführung des Urteils zu beschleunigen.« Das Ungeheuer ging hinaus und ließ das arme Mädchen in einem Zustand der Niedergeschlagenheit zurück, der dem Tode ähnelte. Am folgenden Tage kam Cardoville, um mit ihr ein Verhör anzustellen. Sie schauderte über die Kaltblütigkeit, mit der dieser Schuft die Gerechtigkeit zu beleidigen wagte. Sie verteidigte sich mit der Wärme, wie es ihrem guten Recht zukam. Allein aus jeder ihrer Verteidigungsreden wußte dieser geschickte Richter neue Anklagen wieder sie zu erheben. Kühn fragte er sie, ob sie nicht einen reichen Bürger dieser Stadt namens Saint-Florent kenne, und als Justine die Frage bejahte, sprach Cardoville: »Mehr brauche ich nicht. Dieser Herr de Saint-Florent, den Sie zu kennen gestehen, hat Sie angezeigt, er hat angegeben, Sie in einer Bande von Räubern kennen gelernt zu haben, wobei Sie die Erste waren, die ihm sein Geld und seine Brieftasche stahlen. Ihre Kameraden wollten ihm das Leben schenken, Sie allein widersetzten sich dem. Trotzdem gelang es ihm, zu entfliehen. Außerdem bezeugt Herr de Saint-Florent, daß Sie, als Sie ihn vor einiger Zeit in Lyon besuchten, ihm eine Uhr und hundert Louis gestohlen hätten. Auch der Bischof von Grénoble und ein Benediktiner klagen Sie des Mordes, des Diebstahles und noch anderer Verbrechen an« Cardoville benützte den Augenblick der Ratlosigkeit Justinens und befahl dem Gerichtsschreiber, aufzuzeichnen, daß Justine ein umfassendes Geständnis all dieser Greueltaten abgelegt hätte.

Justine warf sich verzweifelt zur Erde und das Gewölbe widerhallte von ihren Schreien. »Verbrecher,« rief sie aus, »ich verlasse mich auf den gerechten Gott, der mich rächen wird! Du wirst den abscheulichen Mißbrauch deiner richterlichen Gewalt noch bereuen!« Cardoville klingelte, der Wärter erschien und führte die Angeklagte fort, während das Ungeheuer ruhig den Saal verließ und der Blitzstrahl verschlang es nicht.

Alles ging glatt von statten. Bald war Justine zum Tode verurteilt.

Justine überließ sich eben den traurigsten Gedanken, als der Wärter mit geheimnisvoller Miene auf sie zutrat. »Hören Sie,« sprach er, »Sie haben mir ein Interesse eingeflößt, und wenn Sie meinen Vorschlag annehmen, will ich Ihnen das Leben retten.« – »Oh, mein Herr, um was handelt es sich?« – »Sie sehen dort jenen dicken Mann, der gleich Ihnen nur die Hinrichtung erwartet. Er ist der Besitzer einer Brieftasche, die eine bedeutende Summe enthält.« – »Nun?« – »Nun, ich weiß, daß er sich nur mit dem Gedanken beschäftigt, wie er sein Vermögen in die Hände seiner Familie kommen lassen könnte. Rauben Sie es ihm und bringen Sie es mir, dann sind Sie frei. Vor allem aber beobachten Sie Stillschweigen und Sie dürfen niemals, ob Sie nun meinen Vorschlag annehmen oder nicht, etwas darüber laut werden[418] lassen. Entscheiden Sie sich!« – »Oh Gott,« rief Justine aus, »so ist also das Glück für mich immer nur durch ein Verbrechen erreichbar. Ja, mein Herr, ich will Ihnen folgen, Sie schlagen mir zwar ein Verbrechen vor, allein ich will es dennoch ausführen, um den Frevlern, die mich umkommen lassen wollen, ein grausameres zu ersparen.«

Der Wärter zog sich zurück und schon klang jene dumpfe Glocke, die den Verurteilten ankündigt, daß sie nicht mehr lange zu leben haben.33 Unsere Heldin beeilte sich also, an ihren Leidensgefährten heranzutreten und bald hatte sie ihm tatsächlich den Schatz geraubt. Sie eilte auf den Wärter zu, drückte ihn in dessen Hand, worauf sich bald die Pforten zur Freiheit öffneten. »Nur rasch fort,« sprach die Unglückliche zu sich selbst, als sie allein war. Die Nacht senkte sich herab und Finsternis begünstigte ihre Flucht und bald befand sie sich auf dem Wege nach Paris in der Hoffnung, dort ihre Schwester zu finden.

Es war ungefähr vier Uhr nachmittags, als sie in der Nähe von Esommes eine ungemein elegante Dame bemerkte, die mit vier Herren spazieren ging. »Abbé,« sprach diese Dame und wandte sich an einen ihrer Begleiter, »dieses Mädchen kommt mir bekannt vor. Mein Fräulein, auf ein Wort, ich bitte Sie, würden Sie mir nicht Ihren Namen sagen.« – »Oh, Madame, ich bin das unglücklichste aller Geschöpfe.« – »Aber Ihr Name?« – »Justine.« – »Justine? Wie, sollten Sie die Tochter des Bankiers N. sein?« – »Ja, Madame.« – »Freunde, es ist meine Schwester! Diese Schrammen und Narben dürfen Sie nicht täuschen, ich habe ihr ihr Schicksal vorausgesagt. Kommen Sie, mein Kind, kommen Sie auf mein Schloß mit mir. Ich bin neugierig, durch welchen Zufall ich Sie wieder getroffen habe.« – Justine schloß sich also der Gesellschaft an und als sie in Juliettens Heim äußersten Reichtum bemerkte, rief sie aus: »Wie, während ich kaum mein Leben fristen kann, genießt meine Schwester allen diesen Reichtum!« – »Du schwachherziges Mädchen, das darf Dich nicht täuschen,« erwiderte Juliette, »ich habe dir bereits alles vorausgesagt; ich bin die Bahn des Lasters gegangen und habe auf ihr nur Rosen gefunden. Du siehst aber, wohin dich deine verfluchten Vorurteile gebracht haben. Abbé,« fuhr die berühmte Schwester unserer Heldin fort, »man möge ihr anständige Kleider geben und neben uns für sie ein Gedeck auflegen. Morgen wollen wir ihre Erzählung anhören.«

Nachdem Justine erfrischt war und sich ausgeruht hatte, erzählte sie am nächsten Tage die Abenteuer, die wir eben gelesen haben. So sehr das arme Mädchen auch mitgenommen war, sie gefiel trotzdem allen Anwesenden und unsere Gesellschaft konnte sich nicht versagen, sie nach eingehender Prüfung zu loben. »Ja,« sprach einer von ihnen, der bald in der Geschichte[419] Juliettes eine Rolle spielen wird, »da sieht man wohl die Nachteile der Tugend, und hier, meine Freunde,« rief er, indem er auf Juliette wies, »hier sieht man die Vorteile des Lasters.« Der Rest des Abends wurde zur Ruhe benützt und am nächsten Tag kündigte Juliette an, daß sie ihre eigenen Abenteuer erzählen wolle, um, wie sie sagte, ihre Freunde besser beurteilen lassen zu können, wie sehr der Himmel das Verbrechen beschützt und die Tugend verfolgt. »Höre, Justine, Sie, Noirceuil und Chabert, Sie lade ich nicht ein, Dinge zu hören, die Sie bereits in allen Einzelheiten kennen; gehen Sie ein wenig aufs Land, während dieser Zeit und bei Ihrer Rückkunft werden wir uns überlegen, was wir mit diesem kleinen Mädchen anfangen werden. Aber Sie, Marquis, und Sie, mein teurer Chevalier, Sie bitte ich, mir zuzuhören, damit Sie überzeugt sind, daß Noirceuil und Chabert nicht ohne Grund behaupteten, ich sei eine der seltsamsten Frauen der Welt.«

Man ging in einen prächtigen Salon und die ganze Gesellschaft nahm auf bequemen Lehnstühlen Platz. Justine erhielt einen Stuhl und Juliette begann, auf einer Ottomane liegend, ihre Erzählung, die die Leser in den nächsten Bänden finden werden.

Ende des vierten Bandes

Veröffentlicht / Quelle: 
Marquis de Sade: Die Geschichte der Justine. 1906

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Kommentare

01. Jan 2018

ICH darf das leider ja nicht lesen -
Sonst ha(u)t mich Krause! Mit dem Besen ...

LG Axel

02. Jan 2018

Das las ich bereits mit knapp dreizehn Jahren ganz "allein zu Hause".
Zum Glück gab 's bei uns keinen Besen wie die Bertha Krause.

LG Annelie

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