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Justine oder vom Missgeschick der Tugend - Page 14

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Sie nichts,« fuhr er fort, als er ihren Widerwillen bemerkte, »wir werden plaudern und nichts soll ohne Ihren Willen geschehen.«

»O Justine,« fuhr er fort, indem er sie in seine Arme preßte, »ist es nicht eine Narrheit von Ihnen, daß Sie sich bei uns keusch erhalten wollen? Ja wird das überhaupt mit dem Interesse der Bande vereinbar sein? Es wäre unnütz, vor Ihnen ein Geheimnis daraus zu machen, daß, wenn wir nach den Städten kommen werden, wir mit Hilfe Ihrer Reize Fallen stellen wollen.« – »Nun, mein Herr,« erwiderte Justine, »da ich eher den, Tod vorziehen würde, als dazu behilflich sein, warum widersetzen Sie sich meiner Flucht?« – »Sicherlich widersetzen wir uns, mein Engel,« erwiderte Eisenherz. »Sie müssen entweder unserer Lust oder unserem Interesse dienen. Ihr Unglück legte Ihnen dieses Joch auf. Aber, Justine, Alles in dieser Welt läßt sich ins richtige Geleise bringen. Hören Sie mir also zu: Wenn Sie einwilligen, mit mir zu leben, mir allein anzugehören, so erspare Ich Ihnen die traurige Rolle, die Sie erwartet.« – »Ich soll die Geliebte eines ...« – »Sprechen Sie es nur aus, eines Gauners, werden, nicht wahr? Sicherlich kann ich Ihnen keinen anderen Titel bieten, aber überlegen Sie ein wenig. Da Sie doch unbedingt das verlieren müssen, was Ihnen so kostbar ist, ist es nicht besser, es einem einzelnen Mann zu opfern, der dann Ihre Stütze und Ihr Beschützer wird, als Allen?« – »Warum aber soll mir ein anderer Weg nicht möglich sein?« – »Weil wir Sie festhalten, mein Kind, und der Stärkere immer im Recht ist. In Wahrheit,« fuhr Eisenherz rasch fort, »wie kann ein Mädchen so einfältig sein und glauben, daß ihre Tugend von der mehr oder minder großen Weite eines ihrer Körperteile abhängt? Diese Keuschheit, die man sie von Kindheit an als Tugend betrachten lehrte, beleidigt sichtbarlich sowohl die Natur wie die menschliche Gesellschaft. Aber schön; ich will Ihnen beweisen, daß ich Ihnen gern gefallen möchte und Ihre Schwäche achten will. Ich werde dieses Phantom, dessen Besitz Sie so erfreut, nicht berühren. Ein so hübsches Mädchen hat mehr als eine Gunst zu vergeben und Venus wird bei ihr in mehr als einem Tempel verehrt. Ich will mich mit dem schmalsten begnügen. Sie wissen, meine Teure, in der Nähe des Labyrinths von Cypris gibt es einen dunklen Gang, in dem sich die Liebesgötter verstecken, um uns mit noch mehr Kraft zu locken. Dort ist der[32] Altar, auf dem ich opfern will; daran ist nicht das Mindeste auszusetzen. Wenn Sie eine Schwangerschaft befürchten, so ist Ihre Furcht in diesem Falle unbegründet. Ihre schöne Gestalt wird nicht verloren gehen. Ihre Erstlinge bleiben Ihnen bewahrt und Sie werden Sie einst keusch darbieten können. Nichts verrät ein Mädchen, das auf dieser Seite liebt. Wie heftig die Angriffe sein mögen, sobald die Biene den Honig aufgesaugt hat, schließt sich der Kelch der Rose derart fest, daß man glaubt, er könne sich nicht wieder öffnen. Wie viele Mädchen gibt es nicht, die zehn Jahre auf diese Art Lust genossen haben und sich später als Jungfrauen verheiratet haben. Wie viele Väter, wie viele Brüder gibt es nicht, die ihre Töchter, ihre Schwestern so gebraucht haben, ohne daß sie deshalb weniger würdig geworden seien, den Ehebund zu schließen. Mit einem Wort: dieser Gang ist das Obdach des Geheimnisses. Dort verbindet sich die Liebe mit der Keuschheit. Soll ich Ihnen noch mehr sagen, Justine? Wenn dieser Tempel der geheimnisvollste ist, so ist er auch gleichzeitig der wonnevollste. Die weite Annehmlichkeit des Nachbars taugt lange nicht so viel wie der aufregende Zauber eines Lokals, in das man nur mit Anstrengung eindringt, und in dem man nur mit Mühen wohnt. Selbst die Frauen gewinnen dabei nur und diejenigen, die einmal aus Vernunftsgründen gezwungen waren, nur diesen Weg beschreiten zu lassen, bleiben immer dabei. Versuchen Sie es, Justine. Leihen Sie mir Ihren göttlichen kleinen Popo und wir werden beide zufrieden sein.«

»Mein Herr,« sagte Justine, indem sie sich, so gut es ging, den Angriffen des Wüstlings widersetzte, »o, mein Herr, ich habe keinerlei Erfahrung in den greulichen Dingen, von denen Sie sprechen. Aber ich habe trotzdem sagen hören, daß dieses Vergehen sowohl die Frauen wie die Natur selbst beleidigt. Gottes Hand bestraft es in dieser Welt und die fünf Städte Sodom, Gomorrha u.s.w., die Gott in Flammen untergehen ließ, sind ein überzeugendes Beispiel wie empört der Ewige über diese Handlung ist. Die menschliche Gerechtigkeit hat, so gut sie konnte, die Strafe des höchsten Wesens übernommen und die Unglücklichen, die sich diesem Laster hingeben, lassen ihr Leben auf Scheiterhaufen.«

»Welche Unschuld! Welche Kindlichkeit!« fuhr Eisenherz fort. »O, Justine, wer konnte Ihnen so dumme Vorurteile einpflanzen? Hören Sie noch ein wenig zu und ich will Ihre Befürchtungen richtigstellen.«

»Das einzige Verbrechen, das in diesem Falle überhaupt liegen kann, ist der Verlust des zur Fortpflanzung bestimmten Samens. Wenn dieser Samen einzig zu Fortpflanzungszwecken in uns hineingelegt ist, so gestehe ich, daß es ein Vergehen wäre, ihn zu mißbrauchen. Aber, so wie bewiesen ist, daß viel mehr Samen da ist als die Natur zu besagtem Zwecke gebraucht, was[33] liegt dann daran, Justine, ob er in die Scheide oder in den Popo, in den Mund oder in die Hand fließt? Der Mensch, der ihn anderweitig verbraucht, handelt nicht schlechter als die Natur, die ihn überhaupt nicht verwendet. Schon die Möglichkeit der Ausführung sind ein Beweis dafür, daß diese Zerstreuungen sie nicht beleidigen. Ferner werden solche Samenverschleuderungen hundert und hundertmillionenmal täglich von ihr selbst ausgeführt. Die nächtlichen Pollutionen, die Nutzlosigkeit des Samens, wenn die Frau schwanger ist, seine Gefährlichkeit, wenn sie in den Regeln ist, beweisen zur Genüge, daß die Natur diese Verluste für gut befindet. Ah! Glaube mir, meine teure Justine, die Natur kümmert sich wenig um diese Kleinigkeiten, sie eilt mit raschem Schritt ihrem Ziele zu und beweist täglich dem, der sie zu ergründen sucht, daß sie nur schafft, um zu zerstören. Die Zerstörung, das oberste aller Gesetze, weil nichts ohne Zerstörung geschaffen werden kann, gefällt ihr weit mehr als die Fortpflanzung, die von einer griechischen Philosophenschule mit Recht das Ergebnis von Morden genannt wird. Aber Du sprachest

Veröffentlicht / Quelle: 
Marquis de Sade: Die Geschichte der Justine. 1906

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Kommentare

01. Jan 2018

ICH darf das leider ja nicht lesen -
Sonst ha(u)t mich Krause! Mit dem Besen ...

LG Axel

02. Jan 2018

Das las ich bereits mit knapp dreizehn Jahren ganz "allein zu Hause".
Zum Glück gab 's bei uns keinen Besen wie die Bertha Krause.

LG Annelie

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