Justine oder vom Missgeschick der Tugend - Page 16

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Wald von Chantilly in Sicherheit glaubten, begannen sie ihr Geld zu zählen. Als sie fanden, daß sich die ganze Beute nur auf 200 Louis belief, sagte einer: »Wahrhaftig, wegen dieser kleinen Summe war es nicht der Mühe wert sechs Morde zu begehen.«

»Sachte, Freunde,« erwiderte die Dubois. »Nicht wegen der Summe habe ich euch ermahnt, als Ihr aufbrachet, nichts zu schonen. Das geschah nur wegen unserer Sicherheit. Diese Verbrechen muß man den Gesetzen in die Schuhe schieben und nicht uns; denn so lange man Diebe bestraft, werden sie morden, um nicht entdeckt zu werden. Wieso können Sie übrigens behaupten, daß 6 Mordtaten nicht durch 200 Louis genug bezahlt sind? Man darf niemals die Dinge nach den Beziehungen schätzen, die sie zu unseren Interessen haben. Sicherlich gäben wir keinen Obulus dafür her, daß diese Personen statt im Grabe zu liegen auf der Welt wären. Auch gibt es keinen wahren Genuß als den materiellen. So sind nicht nur 200 Louis genug für sechs Mordtaten, sondern selbst 30[36] Sou würden zur Rechtfertigung genügen. Denn diese 30 Sau hätten uns eine Befriedigung verschafft, die, obwohl nicht eben groß zu nennen, uns doch viel lebhafter erfreut hätte, als die 6 Mordtaten allein. Denn selbst in uns erregen diese nur einen ziemlich angenehmen Kitzel, da ja der Mensch immer eine Art Befriedigung über das Mißgeschick und das Unglück der Anderen empfindet.

Körperschwäche, Denkfehler und die verfluchten anerzogenen Vorurteile: das hält die Dummköpfe von einer verbrecherischen Laufbahn ab, das verhindert sie, sich unsterblich machen. Aber jedes vollkräftige, energische Wesen, das sich selbst mehr liebt als Andere, wird sich über Gott und Menschen lustig machen, dem Tod trotzen und die Gesetze verachten. Der Genuß ist ihm angenehm, so wird er sich ihn verschaffen. Die Wirkung des Verbrechens berührt ihn nicht, also kann er es begehen. Nun frage ich Sie, welcher vernünftige Mensch wird nicht gerne solch' leichte Dinge begehen, die ihn nicht näher berühren, um sich solche Genüsse zu verschaffen, die ihm angenehm sind?«

»O, Madame!« sagte Justine zur Dubois und erbat von ihr die Erlaubnis zu antworten, »merken Sie nicht, daß ihr Urteil in dem geschrieben steht, was Ihnen eben entschlüpft ist, Höchstens dem Wesen, das genug mächtig ist, um nichts von anderen befürchten zu müssen, kämen solche Grundsätze zu. Aber wir von allen ehrlichen Leuten Geächteten, von allen Gesetzen Verdammten, sollen wir nach Regeln leben, die höchstens das Schwert verschärfen können, das über unseren Häuptern hängt? Aber selbst wenn wir uns nicht in dieser traurigen Lage, wenn wir uns im Mittelpunkt der Gesellschaft befänden, können Sie glauben, Madame, daß solche Grundsätze uns zum Vorteil gereichen würden? Wie soll der nicht untergehen, der in seinem blinden Egoismus allein gegen den Interessenverband der anderen kämpfen will? Kann denn das alleinstehende Wesen sich gegen alle anderen stellen? Die Gesellschaft kann nur bestehen, wenn in ihr ununterbrochen Woltaten ausgetauscht werden. Darauf beruht sie, das sind ihre Stützen. Derjenige, der statt dieser guten Taten Verbrechen darbietet, wird unbedingt bekämpft werden, wenn er der Schwächere ist, er wird aber von dem ersten Besten erdrückt werden, wenn er der Schwächere ist. Auf jeden Fall aber wird er schließlich ausgetilgt werden. Das ist der Grund, weshalb verbrecherische Gesellschaften unmöglich lange bestehen können. Selbst unter uns, Madame, könnte niemals Eintracht herrschen, wenn Sie jedem anraten würden, nur seinem eigenen Interesse zu gehorchen. Könnten Sie von diesem Augenblicke an gerechtere weise dem etwas vorwerfen, der uns andere erdolchen wollte? Welch' schönes Lob für die Tugend, daß sie selbst in einer verbrecherischen Gesellschaft vonnöten ist und daß sich diese[37] Gesellschaft nicht einen Augenblick ohne diese Tugend erhalten könnte.«

»Welch' schreckliche Sophismen,« erwiderte Eisenherz. »Nicht die Tugend erhält verbrecherische Vereinigungen, sondern das Interesse und der Egoismus. Sie sind auf dem Holzweg mit Ihrem Lob der Tugend, Justine. Nicht weil ich tugendhaft bin, erdolche ich nicht meine Kameraden, sondern weil ich dann als Einzelner der Mittel beraubt wäre mir die Vorteile zu verschaffen, die mir durch ihre Hilfe möglich sind. Nur dieser Grund hält uns zurück; und dieser Grund, Justine, ist ein rein egoistischer, er hat mit der Tugend nichts zu tun. Sie sagen, daß derjenige, der allein gegen die Gesellschaft ankämpfen will, sich gefasst machen muß erdrückt zu werden. Wird er es nicht eher werden, wenn er sich seinem Elend und der Vernachlässigung der Menschen überläßt? Aber, werden Sie sagen, daraus würde ein ständiger Kriegszustand entstehen. Nun denn, gut. Ist dies nicht das einzig Wahre? Hat uns nicht die Natur blos dazu geschaffen?« Die Menschen waren ursprünglich neidisch, grausam und despotisch, jeder wollte alles für sich haben und nichts abtreten. So stritten sie ununterbrochen um ihr Recht; da kam der Gesetzgeber und sagte: »Höret auf, euch so zu zerfleischen. Wenn Ihr jeder dem Anderen einen Teil abgebet, wird Friede herrschen.« Ich will nichts gegen den Vorschlag an und für sich sagen. Aber es gibt zweierlei Arten von Menschen, die immer gegen seine Ausführung sein werden. Das sind die Stärkeren, die es nicht nötig hatten, etwas abzugeben, um glücklich zu sein, und die Schwächeren, die vielmehr abtreten mußten, als sie wiedererhielten. Jedoch die Gesellschaft besteht nur aus stärkeren und schwächeren Wesen und der Kriegszustand, der vorher herrschte, mußte sich als viel vorteilhafter erweisen, da er jedem freie Ausübung seiner Kräfte und seiner Tätigkeit ließ. Das wahrhaft gute Wesen lehnt sich gegen den Vertrag auf und verletzt ihn, so oft es kann, da es gewiß ist, daß es dadurch mehr Vorteile erhält als es als schwächeres verlieren könnte. Denn sowie ein Mensch den Vertrag einhält, ist er der Schwächere, sowie er ihn bricht – der Stärkere; und wenn die Gesetze ihn wieder in die schwächere Klasse zurückführen wollen, so ist das Schlimmste, was ihm zustoßen kann, der Tod und der ist unendlich weniger zu beklagen als ein Dasein in Elend und Unglück. Es gibt also für uns zwei Chancen: »Das Verbrechen, das beglückt oder das Schaffot, das uns hindert, unglücklich zu sein. Kann man da noch schwanken? Und kannst du, Justine, mir etwas Wirksameres darauf entgegnen?«

»Tausenderlei, mein Herr, tausenderlei,« erwiderte lebhaft Justine. »Darf denn der Mensch nur auf dieses Leben sein Augenmerk richten? Ist

Veröffentlicht / Quelle: 
Marquis de Sade: Die Geschichte der Justine. 1906

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Kommentare

01. Jan 2018

ICH darf das leider ja nicht lesen -
Sonst ha(u)t mich Krause! Mit dem Besen ...

LG Axel

02. Jan 2018

Das las ich bereits mit knapp dreizehn Jahren ganz "allein zu Hause".
Zum Glück gab 's bei uns keinen Besen wie die Bertha Krause.

LG Annelie

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