Justine oder vom Missgeschick der Tugend - Page 19

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zu sehr erhitzt; es kommt nichts ... oder vielleicht ist meine Nachsicht Schuld an dem Unglück, denn ich bin sicher, daß er mir stehen würde, wenn ich diesen Schuft da tötete« »Nein, bitte nicht,« sagte Justine, indem sie sich nach dem Räuber umkehrte. »Rühr dich nicht, Hure,« sagte dieser, indem er ihr zwei oder drei Faustschläge auf die Schultern versetzte. »Dein verfluchtes Gesicht stört mich immer, ich brauche jetzt einen Hintern.« Nun begann er wieder zu arbeiten, aber dieselben Hindernisse stellten sich ein und er mußte wieder verzichten. »Ich sehe wohl, daß es heute Abend nicht gehen wird,« sagte er schließlich, »gehen wir zurück.« Und sobald er wieder im Kreis der Uebrigen war, fuhr er fort: »Denken Sie an Ihr Versprechen, Justine, und bedenken Sie, daß ich diesen Kerl da morgen ebenso gut töten kann wie heute. Kinder,« fuhr er, an seine Kameraden gewandt, fort, »Ihr haftet mir für beide. Sie, Justine, werden neben meiner Schwester schlafen. Ich werde Sie rufen, wenn es an der Zeit sein wird.«

»Schlafen Sie ruhig, mein Herr,« erwiderte Justine, »und glauben Sie, daß diejenige, die sie mit Dankbarkeit erfüllt haben, nur darauf wartet, sich gefällig erweisen zu können.«

Währenddessen aßen und tranken unsere Spitzbuben und schliefen schließlich ganz vertrauensselig ein, indem sie den Gefangenen in ihre Mitte nahmen und Justine sich vollkommen frei neben die Dubois legte, die, berauscht wie alle anderen, bald die Augen schloß.

Kaum waren die Verbrecher eingeschlafen, als Justine rasch die Gelegenheit ergriff, um dem Reisenden folgendes zuzurufen: »Ach, mein Herr, eine schreckliche Katastrophe hat mich unter diese Leute getrieben. Ich hasse sie ebenso wie den unglücklichen Zufall, der die Ursache davon ist, daß ich hier bin. Ich habe wahrscheinlich nicht die Ehre, mit Ihnen verwandt zu sein, denn ich heiße ....« fuhr Justine fort, indem sie den Namen ihres Vaters nannte. »Wie, Fräulein?« unterbrach sie[43] »Saint-Florent, so heißen Sie?« – »Ja.« – »Ah, dann hat Ihnen der Himmel Ihre List in den Mund gelegt. Sie haben sich nicht getäuscht, Justine: Sie sind meine Nichte. Meine erste Frau, die ich vor fünf Iahren verlor, war die Schwester Ihres Vaters. O! Wie freue ich mich über den glücklichen Zufall, der uns vereint! Wenn ich Ihr Unglück gekannt hätte, so hätte ich sicher geholfen.« – »O, mein Herr, wie bin ich glücklich, Sie einstweilen befreit zu haben,« erwiderte Justine lebhaft. »Aber benützen wir den Augenblick, in dem diese Ungeheuer ausruhen und flüchten wir.« Bei diesen Worten bemerkte sie, daß die Brieftasche ihres Onkels nachlässig in der Tasche eines der Banditen steckte. Sie schlich hin, zog sie heraus und sagte dann leise zu Saint-Florent: »Eilen wir jetzt, mein Herr, verzichten wir auf das Uebrige. Wir würden es nicht ohne Gefahr erhalten können. O! Teurer Onkel, ich begebe mich jetzt in Ihren Schutz. Haben Sie Mitleid mit meinem Schicksal! Werden Sie der Beschützer meiner Unschuld. Flüchten wir!«

Man kann den Zustand schwer schildern, in dem sich Saint-Florent befand. Die verschiedenen Gemütsbewegungen, die auf ihn eingewirkt hatten, die Dankbarkeit, die er mindestens zeigen mußte, selbst wenn er sie nicht empfand. Alles das nahm seinen Kopf so ein, daß er kein Wort hervorbringen konnte. Wie – werden einige Leser fragen – dieser Mann konnte an etwas anderes denken, als daran, sich vor seiner Woltäterin niederzuknieen? Nun so wollen wir im Vertrauen gleich jetzt eingestehen: Saint-Florent, der weit eher dafür geschaffen war, in dieser niederträchtigen Truppe zu bleiben, als von den Händen der Tugend gerettet zu werden, war durchaus nicht der Hilfe seiner eifervollen, tugendhaften Nichte würdig. Und wir fürchten, es wird sich in der Folge zeigen, daß Justine nur vom Regen in die Traufe gekommen sei. Aber gehen wir nicht den Ereignissen voraus. Es genügt, wenn man weiß, daß Saint-Florent nicht ohne heftigen Kitzel sowohl den Angriff auf Justine auch deren zahlreiche Reize gesehen hatte.

Die zwei Flüchtlinge hasteten fort, ohne ein Wort zu sprechen und die Morgenröte traf sie bereits außer jeder Gefahr, obwohl sie noch immer sich im Walde befanden.

In diesem Augenblick, als sich die Strahlen des aufgehenden Gestirns über die bezaubernden Reize Justines ergossen, in diesem Augenblick entzündete sich die blutschänderische Glut in dem Schuften am heftigsten. Eine Weile hielt er sie für die Göttin der Blumen, die mit der ersten Morgenröte über die Erde eilt, um die Kelche der Rosen zu öffnen, dann schien sie ihm wieder ein Sonnenstrahl zu sein, der die Welt leuchtend verschönert. Sie ging mit großer Schnelligkeit. Ihre Wangen leuchteten und ihre schönen blonden Haare wehten ihr verwirrt in das Gesicht. Von Zeit zu Zeit drehte sie anmutig ihren Kopf[44] nach dem Genossen ihrer Flucht und dann strahlte in ihren Zügen das Bewußtsein einer guten Tat.

Wenn es richtig ist, daß die Gesichtszüge das getreue Spiegelbild der Seele sind, dann waren die Gefühle Saint-Florents anderer Art. Schreckliche Begierden wühlten in seinem Inneren, furchtbare Pläne kreisten in seinem Gehirn. Trotzdem lächelte er und heuchelte Dankbarkeit und Freude eine unglückliche Nichte gefunden zu haben, die er, dank seinem Vermögen, aus aller Not befreien könne. Währenddessen trachtete sein durchdringendes Auge ihre Reize zu entschleiern, von denen er eine kleine Kostprobe erhalten hatte.

In diesem Zustand langten die Beiden in Luzarches an, wo sie in einem Gasthof Ruhe fanden.[45]
IV. Kapitel.
Undankbarkeit. – Ein sonderbares Schauspiel. – Eine interessante Begegnung. – Die neue Stelle. – Ueber Religionslosigkeit und Unmoral. – Pietätlosigkeit. – Justines Herzenszustand.

Es gibt Augenblicke im Leben, in denen man sehr vermögend sein kann, ohne deshalb genug zum Leben zu halben. In dieser Lage befand sich Saint-Florent. Er hatte 400.000 Francs in seiner Brieftasche und keinen Taler in der Börse. Dieser Gedanke hatte ihn vor dem Eintritt in die Herberge beunruhigt. »Trösten Sie sich, Onkel,« sagte Justine zu ihm, indem sie über seine Bedrängnis lachte, »die Diebe, die ich verlassen habe, haben mich mit Geld ausgestattet. Hier sind 20 Louis. Nehmen Sie sie, ich bitte Sie, gebrauchen Sie davon, so viel Sie wollen und geben Sie den Rest den Armen. Ich möchte nicht um Alles in der Welt Geld bei mir behalten, das von einem Morde herstammt.«

Saint-Florent tat nun so, ah ob er das Geld nur annehmen würde, unter der

Veröffentlicht / Quelle: 
Marquis de Sade: Die Geschichte der Justine. 1906

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Kommentare

01. Jan 2018

ICH darf das leider ja nicht lesen -
Sonst ha(u)t mich Krause! Mit dem Besen ...

LG Axel

02. Jan 2018

Das las ich bereits mit knapp dreizehn Jahren ganz "allein zu Hause".
Zum Glück gab 's bei uns keinen Besen wie die Bertha Krause.

LG Annelie

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