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Justine oder vom Missgeschick der Tugend - Page 23

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Justine warf sich nun ihrer Wohltäterin vor die Knie und versicherte, daß man mit ihr zufrieden sein würde, worauf sie ihre Stelle antreten konnte.

Nach einigen Tagen langten die Antworten auf die Erkundigungen ein. Man lobte Justine wegen ihrer Offenheit und bald verflüchtigten sich alle Gedanken an gewesenes Unglück aus ihrem Geist, um der süßestem Hoffnung Platz zu machen. Aber es war diesem armen Mädchen nicht bestimmt, jemals glücklich zu sein, und wenn sie es auch jetzt auf kurze Zeit war, so geschah das nur, um ihr das kommende Mißgeschick noch bitterer fühlen zu lassen.

Kaum war man nach Paris zurückgekehrt, als Frau von Bressac sich bemühte, ihrer Kammerfrau die Wege zu ebnen. Die Verleumdungen der Delmouse wurden als solche erkannt, aber man konnte ihr nichts mehr anhaben, da sie vor einigen Tagen nach Amerika, abgereist war, um eine reiche Erbschaft anzutreten.

Was die Feuersbrunst im Gefängnis betrifft, so überzeugte man sich bald, daß Justine, obwohl sie aus dem Ereignis Nutzen gezogen hatte, ihm doch vollständig ferne stand.

Man kann sich leicht vorstellen, wie alles das sie an Frau von Bressac fesselte. Jung, schwach und gefühlvoll wie sie war, öffnete Justine ihr Herz bald freudig den Gefühlen der Dankbarkeit. Da sie sich närrischerweise einbildete, daß eine Wohltat den Empfänger an den Geber binden müsse, richtete sie ihr Augenmerk nur mehr auf dieses kindische Gefühl. Es lag natürlich in der Absicht des jungen Mannes, Justine so sehr als möglich an seine Mutter zu fesseln, die er nicht leiden konnte. Aber wir müssen ihn erst näher schildern.

Bressac vereinigte mit den Reizen der Jugend eine verführerische Erscheinung. Wenn man an seinem Wuchs oder seinen Zügen Fehler hätte aussetzen können, so wären es die gewesen, daß sie sich ein wenig der Weichheit näherten, die den Frauen eigentümlich ist. Allein welche Seele steckte unter diesen weiblichen Formen. Man fand in ihr alle Laster, welche die größten Verbrecher auszeichnen. Niemals gab es jemand bösartigeren, rachsüchtigeren, grausameren, gottloseren und ausschweifenderen. Vor allem anderen haßte dieser sonderbare Mensch seine Mutter, und zwar war dieser Haß unglücklicherweise sowohl auf unerklärlichen Gefühlen als auch auf dem Interesse aufgebaut, das er an ihrem baldigen Hinscheiden haben mußte. Frau von Bressac tat alles, um ihren Sohn auf den Pfad der Tugend zurückzuführen, aber sie wendet zuviel Strenge an und der junge Mann[53] gab sich nur noch stürmischer seinen seltsamen Neigungen und seinem Haß hin.

»Bilden Sie sich nicht ein,« sagte Bressac eines Tages zu Justine, »daß meine Mutter aus sich selbst heraus so gut am Ihnen handelt. Glauben Sie mir, daß wenn ich sie nicht jeden Augenblicke antreiben würde, sie sich kaum an ihre Versprechungen erinnern würde. Ja, Justine, nur mir schulden Sie die Dankbarkeit, die Sie an meine Mutter verschwenden. Und ich muß Ihnen umso uneigennütziger erscheinen, als ich, wie Sie wohl wissen, nicht nach ihren Liebesbezeugungen trachte. Nein, nein, liebes Kind, ich verachte alles, was mir eine Frau geben kann, und die Dienste, die ich von Ihnen verlange, sind ganz anderer Art, und ich hoffe, daß Sie einsehen werden, daß ich ein Anrecht auf Ihre Dankbarkeit habe.«

Diese häufig wiederholten Redensarten waren Justine so unverständlich, daß Sie keine Antwort finden konnte. Um aber das Vertrauen der Leser nicht zu täuschen, müssen wir die Fehler eingestehen, die Justine beging.

So niederträchtig schlecht Bressac gegen sie vorgegangen war, war es ihr vom ersten Tage an, das sie ihn gesehen hatte, doch unmöglich, sich eines heftigen Gefühle von Zärtlichkeit zu erwehren. Das Dankbarkeitsgefühl vermehrte noch diese ungewollte Neigung in ihrem Herzen und bald verehrte die arme Justine diesen Verbrecher ebenso heftig, wie sie ihren Gott, ihre Religion und die Tugend anbetete. Sie hatte sich tausendfach Gedanken über die Grausamkeit dieses Mannes, über seine Geschmacksverwirrung, seinen Frauenhaß und über den sittlichen Abgrund, der ihn von ihr trennte, gemacht und trotzdem konnte nichts in dieser Welt diese keimende Leidenschaft ersticken. Wenn Bressac ihr Leben verlangt hätte, hätte sie es ihm ruhig gegeben. Aber Justine hatte noch niemals ein Wort laut werden lassen und der undankbare Bressac war weit davon entfernt, die Ursachen der Tränen zu erraten, die sie täglich um ihn vergoß. Trotzdem konnte er nicht umhin, zu bemerken, daß sie ihm alle seine Wünsche von den Augen ablas. Durch ihr Betragen hatte sie sich bald das volle Vertrauen des jungen Bressac erworben, so daß ar ihr feines Tages zu, sagen wagte: »Unter den jungen Männern, die sich mir hingeben, gibt es welche, die es nur aus Gefälligkeit für mich tun, Justine. Diese hätten den Anblick eines reizvollen jungen Mädchens nötig, und da ich ihren Wünschen, obwohl sie meinen Stolz verletzen, doch nachkommen will, so würde ich dabei dich jeder anderen vorziehen. Ich will von nichts wissen. Du wirst sie in meinem Kabinett vorbereiten und ich lasse sie erst in mein Zimmer, wenn sie in dem richtigen Zustand sind.« – »O, mein Herr,« erwiderte Justine unter Tränen, »wie können Sie mir solche Dinge vorschlagen? Und gar die Greuel, denen Sie sich hingeben ...« – »Ah, Justine,« unterbrach sie Bressac, »kann man jemals diese Neigung in sich töten? Wenn du ihre Reize kennen würdest! Wenn du begreifen könntest, was man bei[54] der süßen Illusion empfindet, daß man nicht mehr wie eine Frau ist! Unfaßbare Verwirrung dies Geistes: Man verabscheut dieses Geschlecht und ahmt ihm doch nach. Ach, nein, Justine, du kannst dir nicht vorstellen, welchen wollüstigen Kitzel diese göttliche Neigung hervorruft. Man kann sich unmöglich zurückhalten. Man verliert den Verstand, es ist ein Fieber. Tausend Küsse, einer feuriger wie der andere, können uns nicht in den Rausch versetzen, in den uns ein Reiter bringt. Von seinen Armen umschlungen, ein Mund auf den andern gepreßt, sind wir in einem Zustand, daß wir wünschen, unser ganzes Wesen möge mit dem seinen bloß einen Körper bilden. Wir möchten, daß unser Reiter stärker sei wie Herkules, daß er uns hinten aufreihe. Wir möchten, daß jener kostbare, heiß in unsere Eingeweide spritzende Samen durch seine Hitze und seine Kraft den unseren auslöst. Wir sind anders wie andere Menschen geschaffen und jene reizbare Haut, die das Innere eurer niederträchtigen Scheide auskleidet, hat der Himmel uns an jenen Altären geschenkt,

Veröffentlicht / Quelle: 
Marquis de Sade: Die Geschichte der Justine. 1906

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Kommentare

01. Jan 2018

ICH darf das leider ja nicht lesen -
Sonst ha(u)t mich Krause! Mit dem Besen ...

LG Axel

02. Jan 2018

Das las ich bereits mit knapp dreizehn Jahren ganz "allein zu Hause".
Zum Glück gab 's bei uns keinen Besen wie die Bertha Krause.

LG Annelie

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