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Justine oder vom Missgeschick der Tugend - Page 22

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Ihnen.« – »Ich will es glauben,« erwiderte Bressac, »und das ist dein Glück. Wenn du etwas anderes gesehen hättest,[50] würdest du lebend dieses Gesträuch nicht mehr verlassen. Jasmin, wir haben noch Zeit, die Abenteuer dieses Mädchens anzuhören und wir wollen nachher sehen, was zu tun ist.«

Die jungen Leute setzten sich nieder. Justine trat näher heran und erzählte mit unschuldvoller Stimmte alle Unglücksfälle, von denen sie seit ihrer Geburt heimgesucht worden war.

»Nun, Jasmin,« sagte Bressac, indem er sich erhob, »seien wir einmal gerecht.« Themis hat dieses Geschöpf verdammt, Dulden wir nicht, daß den Absichten der Götter so zuwider gehandelt werde. Vollziehen wir an der Delinquentin das Todesurteil, das über sie gefällt wurde. Dieser kleine Mord wird, statt ein Verbrechen zu sein, nur die moralische Ordnung verbessern. Da wir hüllten Reize sein allen Verlockungen des weiblichen Geschlechtes.

Bei diesen Worten schleppten die Barbaren unter Gelächter die weinende und schreiende Unglückliche nach der Mitte des Gehölzes. »Entkleiden wir sie,« sagte Bressac, indem er alle Hüllen entfernte, ohne daß der Anblick der bei dieser Handlung enthüllten Reize sein allen Verlockungen des weiblichen Geschlechts verschlossenes Herz weicher gestimmt hätte. »Welch häßliches Geschöpf ist doch so eine Frau,« sagte er, indem er sie mit seinem Fuß auf der Erde hin und her wandte, »o, Jasmin, sieh dieses scheußliche Tier.« Dann fuhr er fort, indem er auf sie ausspie: »Sage Herzchen, würdest Du Dich jemals an solchem Tier befriedigen?« – »Nicht einmal im Hintern,« erwiderte der Diener. – »Und das nennen also die Dummköpfe ihre Gottheit, das beten die Trotteln an. Sieh doch diesen aufgeschlitzten Bauch, diese Scheide an. In diesem Tempel opfert der Unsinn. Dort ist die Werkstatt der menschlichen Fortpflanzung. Vorwärts, nur kein Mitleid. Binden wir diese Hündin an.« Im Augenblick war das arme Mädchen mit einem Strick, den diese Ungeheuer aus ihren Hals und Schnupftüchern gedreht hatten, zwischen vier Bäumen derart angebunden, daß jedes ihrer Glieder an einem Baum festgehalten war. In dieser grausamen Stellung, bei der ihr Magen ohne Stütze zur Erde hing, empfand sie so heftige Qualen, daß ihr kalter Schweiß auf die Stirne trat. Je mehr aber die Unglückliche litt, desto mehr Ergötzen schienen die jungen Männer an dem Schauspiel zu haben. Sie betrachteten mit Wollust jede ihrer Zuckungen und richteten den Grad ihrer Freude nach der mehr oder minder großen Heftigkeit der Verzerrungen in den Gesichtsmuskeln der Armen.

»Nun ist's genug,« sagte Bressac, »diesmal wollen wir es bei der Angst bewenden lassen.«

»Justine,« fuhr er fort, indem er die Fesseln löste und ihr befahl, sich wieder anzukleiden, »seien Sie verschwiegen und folgen Sie uns. Wenn Sie sich mir anschließen, werden Sie es nicht bereuen. Meine Mutter bedarf einer zweiten Dienerin. Ich werde Sie ihr vorstellen. Aber wenn, Sie mit meiner Güte Mißbrauch treiben, wenn Sie mein Vertrauen verraten oder meinen Befehlen nicht gehorchen, so sehen Sie sich erst diese vier Bäume an. Bedenken[51] Sie, daß dies er verhängnisvolle Ort nur eine Meile weit von dem Schloß entfernt ist, in das ich Sie führe, und daß Sie bei der geringsten Verfehlung wieder hieher zurückkommen werden.«

Die plumpeste Vorspiegelung eines Glückes ist für den Unglücklichen das, was der Tau der vertrockneten Blüte ist. Justine warf sich weinend ihrem scheinbaren Wohltäter zu Füßen. Sie schwor, unterwürfig zu sein und sich gut betragen zu wollen. Allein der grausame Bressac, der für die Feude dieses armen Kindes ebenso wenig empfänglich war, wie für ihren Schmerz, sagte blos: »Wir wollen sehen« und setzte sich in Bewegung.

Jasmin und sein Herr sprachen leise zusammen, während Justine ihnen demütig und wortlos folgte. Ein Marsch von fünfviertel Stunden brachte sie nach dem Schloß der Frau von Bressac, dessen kostbare Ausstattung Justine lehrten, daß, welchen Posten immer sie hier einnehmen würde, es nur zu ihrem Vorteil gereichen könne.

Eine halbe Stunde nachdem sie angelangt waren, stellte sie der junge Mann seiner Mutter vor.

Frau von Bressac war ungefähr 45 Jahre alt, noch sehr schön und wiewohl weichherzig, so doch streng von Sitten. Sie war stolz darauf, in ihrem Leben niemals einem Fehltritt getan zu haben und verzieh auch Anderen nicht ihre Schwächen. Durch diese übertriebene Strenge fühlte sich ihr Sohn abgestoßen, der, wie wir gesehen haben, wohl Torheiten beging. Seit zwei Jahren Witwe, besaß Frau von Bressac eine jährliche Rente von 100.000 Talern, die, eines Tages mit der eigenen vom Vermögen des Vaters herstammenden vereinigt, dem Verbrecher, den wir kennen lernten, ein Jahreseinkommen von fast einer Million sicherte. Trotz so großer Aussichten gab Frau von Bressac ihrem Sohne sehr wenig Geld. Konnte ein Tachengeld von 25.000 Francs zur Bezahlung der Vergnügungen des jungen Mannes reichen? Nichts ist so teuer wie gerade seine Art von Leidenschaften. Zwar kosten die Männer weniger wie die Frauen, allein man läßt sich häufiger ficken, als man selber Nummern machen würde.

Frau von Bressac bewohnte drei Monate im Jahre das Landgut, wohin Justine kam, die übrige Zeit verbrachte sie in Paris. Von ihrem Sohne verlangte sie, daß er sie während dieser drei Monate nicht verlasse und man kann sich die Qualen eines jungen Mannes vorstellen, der seine Mutter verabscheute und jeden Augenblick als verloren betrachtete, den er fern von einer Stadt zubringen mußte, die für ihn der Mittelpunkt seiner Genüsse war.

Bressac befahl Justine, seiner Mutter von den Dingen Mitteilung zu machen, die sie ihm erzählt hatte. Sowie sie geendigt, ergriff die hochachtbare Frau das Wort: »Ihre Reinheit und Unschuld,« sagte sie, »lassen mich an Ihrer Wahrheitsliebe nicht zweifeln. Ich werde keine weiteren Erkundigungen über Sie einziehen als die, ob Sie wirklich die Tochter des Mannes sind, den Sie mir genannt haben. Ich habe Ihren Vater gekannt, und das ist für mich ein Grund mehr, mich für Sie zu interessieren. Was[52] die Geschichte mit der Delmouse betrifft, so nehme ich es auf mich, sie in zwei Besuchen zu ordnen, die ich dem Kanzler, einem alten Freund von mir abstatten werde. Dieses Geschöpf ist überdies ihrem Ruf nach schon längst gefallen, und ich könnte sie einsperren lassen, wenn ich wollte. Aber denken Sie gut nach, Justine,« fuhr Frau von Bressac fort, »daß das, was ich Ihnen hier verspreche, nur der Preis für eine glänzende Aufführung ist.«

Veröffentlicht / Quelle: 
Marquis de Sade: Die Geschichte der Justine. 1906

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Kommentare

01. Jan 2018

ICH darf das leider ja nicht lesen -
Sonst ha(u)t mich Krause! Mit dem Besen ...

LG Axel

02. Jan 2018

Das las ich bereits mit knapp dreizehn Jahren ganz "allein zu Hause".
Zum Glück gab 's bei uns keinen Besen wie die Bertha Krause.

LG Annelie

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