Justine oder vom Missgeschick der Tugend - Page 18

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Natur gehorcht, wie ich, daher weder schuldiger noch verdienstvoller erscheinen kann. Verschiedene Umstände bestimmten ihn nach dieser Richtung und mich nach der anderen. Aber wir hätten beide gehandelt wie es die Natur von uns verlangte. Er, indem er ein gutes Werk tat und ich, indem ich ein Verbrechen beging.« – »O, mein Herr,« sagte Justine, »diese Gedankengänge sind fürchterlich.« – »Ja, für Sie, weil Sie fürchten ihr Opfer zu werden, aber nicht für mich, der der Opfernde ist.« – »Aber wenn das Glück sich wendet?« – »Dann werde ich mich unterwerfen, ohne meine Meinung zu ändern; und die Philosophie wird mich trösten, weil sie nur ein ewiges Nichts verspricht, was mir lieber ist, als die Ungewißheit von Qualen oder Belohnungen die Ihre Religion verspricht. Es ist außerdem gar kein Verhältnis zwischen dem Lohn und der Strafe; daher sind beide lächerlich und wenn sie das sind, können sie nicht das Werk eines Gottes sein. Oder wollen Sie mir vielleicht nach dem Beispiel einiger Gelehrten, die die Folterqualen der Hölle nicht mit Güte Gottes vereinbaren konnten, sagen, daß meine Qual darin bestehen wird, seines Anblickes beraubt zu sein? Was liegt mir daran. Kann ich das jemals als Strafe empfinden, daß ich eines Anblickes beraubt bin, von dem ich keinerlei Vorstellung habe? Oder aber er wird sich einen Augenblick lang meinen Augen darbieten, um mich die ganze Größe des Verlustes fühlen zu lassen. In diesem Fall wird es mir leicht fallen. Denn es ist nicht natürlich, daß ich den Verlust eines Wesens beklage, das mich für endliche Vergehen zu unendlichen Qualen verdammt. Diese einzige Ungerechtigkeit allein würde in mir einen solchen Hass erwecken, daß ich sicherlich nach der Urteilsvollstreckung keinerlei Bedauern empfinden werde.« – »Ah, ich sehe, mein Herr, es ist nicht möglich, Sie zu bekehren,« sagte Justine. – »Du hast Recht, mein Engel, versuche es gar nicht, es wäre unnütz. Lasse mich vielmehr an deiner Bekehrung arbeiten und glaube mir, daß du davon hundertmal mehr haben wirst.« – »Du mußt sie ficken, Bruder,« sagte die Dubois, »und gute Arbeit machen. Ich sehe nur darin ein Mittel sie zu bekehren. Eine Frau nimmt unerhört rasch die Grundsätze desjenigen an, von dem sie gefickt wird. Alle moralischen und religiösen Anschauungen verschwinden bald vor den Leidenschaften. Erwecke also die ihren, wenn du sie[41] mit Erfolg erziehen willst.« So sagte die Dubois und Eisenherz war eben daran, ihre Ratschläge in die Tat umzusetzen, als man ein Geräusch vernahm, das von einem Reiter herrührte. »Zu den Waffen,« rief Eisenherz aus, indem er so gut es ging sein ungeheures Glied wieder in die Hose steckte, mit dem er zum zweitenmal den Popo der unglücklichen Justine bedroht hatte. »Zu den Waffen!« Freunde, nachher »können wir wieder an unser Vergnügen denken.« Sie eilten davon und nach einigen Augenblicken brachten sie einen unglücklichen Reisenden nach dem Gebüsch, in dem unsere Banditen hausten.

Als man ihn fragte, weshalb er allein und so frühzeitig auf einer verlassenen Landstraße reise, wie alt er sei und was sein Beruf sei, antwortete der Gefangene, daß er Saint-Florent heiße, einer der vornehmsten Kaufleute Lyons und fünfunddreißig Jahre alt sei, daß er in Handelsgeschäften von Flandern zurückkäme und daß er wenig Geld aber viel Papiere bei sich habe. Ferner erzählte er, daß sein Diener ihn am vergangenen Tage verlassen habe und daß er, um nicht unter der Hitze zu leiden, so frühzeitig reise, daß er jetzt nach Paris wolle um dort in zwei Tagen noch einen Teil seiner Geschäfte abzuwickeln. Er versicherte überdies, daß, wann er einen einsamen Weg eingeschlagen habe, er sich offenbar dadurch verirrt haben mußte, daß er am Pferde eingeschlafen sei. Danach bat er um sein Leben und bot von selbst alles an, was er bei sich hatte. Man prüfte seine Brieftasche und zählte sein Geld. Sie hätten keinen besseren Fang tun können. Saint-Florent besaß fast 400.000 Franks in Anweisungen von Pariser Banken, etwas Schmuck und ungefähr 100 Louis bares Geld. »Freundchen,« sagte jetzt Eisenherz, indem er ihm einen Pistolenlauf unter die Nase hielt, »Sie werden begreifen, daß wir Sie bei so viel Geld nicht am Leben lassen können. Wir wären bald verkauft und verraten.« – »O, mein Herr,« rief Justine aus, indem sie sich dem Räuber zu Füßen warf, »ich beschwöre Sie, mich nicht gleich bei meinem Eintritt in Ihre Truppe das Schauspiel einer Ermordung dieses Unglücklichen sehen zu lassen. Lassen Sie ihm das Leben. Schlagen Sie mir nicht die erste Bitte, die ich von Ihnen verlange, ab.« Dann fuhr sie fort, indem sie zu einer seltsamen List griff. »Der Name, den dieser Herr eben genannt hat zeigt mir, daß ich ihm ziemlich nahe stehe. Staunen Sie nicht,« sprach sie zu dem Gefangenen gewandt, »eine Verwandte in dieser Lage anzutreffen. Ich werde Ihnen alles erklären. Aber wegen dieser Beziehung,« fuhr sie eifrig wieder zu Eisenherz gewandt fort, »wegen dieser Beziehung schenken Sie mir das Leben dieses Unglücklichen. Ich werde diese Gnade durch die vollkommenste Unterwerfung belohnen.« – »Sie wissen, Justine, unter welcher Bedingung ich Ihnen die Gnade gewähren kann, die Sie von mir verlangen,« erwiderte Eisenherz, »Sie wissen doch, was ich von Ihnen will.« – »Gut, mein Herr, ich[42] werde alles tun,« rief sie, indem sie sich zwischen den Unglücklichen und den mordbereiten Dieb stürzte. »Ja, ja, ich willige in alles ein. Lassen Sie ihn leben, ich flehe Sie an.« – »Dann komm also,« sagte Eisenherz zu Justine, »ich will, daß du dem Wort auf der Stelle hältst.« Bei diesen Worten zog er den Gefangenen in benachbartes Gesträuch. Dort band er ihn an einen Baum, Justine mußte sich auf alle viere daneben legen und nun schürzte er ihre Röcke auf, während der Pistolenlauf noch immer nach der Gurgel des armen Reisenden gerichtet blieb, dessen Leben von der Unterwürfigkeit Justines abhing. Aber noch einmal sollte Justine vor dem ihr drohenden Unglück gerettet werden. Die Natur hinterging unseren Räuber grausam und sein Glied wurde schon in dem Peristyl des Tempels schlapp, Trotz aller Versuche ihm den nötigen Grad von Straffheit zu geben, die zu dem geplanten Verbrechen nötig war. »O, Teufel!« rief er wütend aus, »ich bin

Veröffentlicht / Quelle: 
Marquis de Sade: Die Geschichte der Justine. 1906

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Kommentare

01. Jan 2018

ICH darf das leider ja nicht lesen -
Sonst ha(u)t mich Krause! Mit dem Besen ...

LG Axel

02. Jan 2018

Das las ich bereits mit knapp dreizehn Jahren ganz "allein zu Hause".
Zum Glück gab 's bei uns keinen Besen wie die Bertha Krause.

LG Annelie

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