Justine oder vom Missgeschick der Tugend - Page 17

von Donatien Alphonse François Marquis de Sade
Bibliothek

es denn etwas anderes als ein Uebergang, der, wenn der Mensch vernünftig ist, ihn zu Jener ewigen[38] Glückseligkeit führt, die der Lohn der Tugend ist? Ich will einen Augenblick mit Ihnen annehmen, daß das Verbrechen den Verbrecher hier auf Erden glücklich machen kann. Glauben Sie denn, daß die Gerechtigkeit Gottes, die trotz Ihrer Verleugnung existiert, daß diese ewige Gerechtigkeit nicht in der anderen Welt Rache ausübt an dem Bösewicht? Ah, behaupten Sie nicht das Gegenteil, mein Herr, ich beschwöre Sie; der einzige Trost im Unglück ist der Gedanke, daß das, was die Menschen an uns sündigen, von Gott vergolten werden wird! Denn wer sollte uns sonst rächen?« – »Wer? Niemand, Justine, durchaus niemand. Es ist durchaus nicht notwendig, daß der Unglückliche gerächt werde. Er hofft es, weil er es wünscht. Dieser Gedanke ist für ihn ein Trost, aber er ist deshalb nicht weniger falsch. Ja, mehr noch: Der Unglückliche muß leiden. Seine Demütigung, seine Schmerzen werden von Naturgesetzen bestimmt und sind in dem Getriebe der Welt ebenso nötig, wie Bevorzugte, der ihn erdrückt. Diese Wahrheit ist es, die die Gewissensbisse in der Verbrecherseele ertöten muß. Wenn die Natur uns Neigungen zum Bösen eingeflößt hat, gehorchen wir: Denn das Böse ist ihr notwendig. Begehen wir es ohne Furcht; denn nur wenn wir uns widersetzen würden, würden wir die Natur beleidigen. Aber da Sie noch einmal auf Gottesphantome zurückgekommen sind, Justine, so erfahren Sie denn, unschuldige Jugend, daß diese Religion, auf die Sie sich närrischerweise stützen, und die nur die Huldigung ist, die der Mensch seinem Schöpfer schuldig zu sein glaubt, zusammenfällt, sobald erwiesen ist, daß dieser Schöpfer nicht existiert. Hören Sie denn noch einmal, was ich über diesen Gegenstand zu erwidern habe.

Die ersten Menschen erschraken über die Naturereignisse und glaubten notwendigerweise, daß sie von einem erhabenen und unbekannten Etwas ausgingen. Oone nachzudenken nahm er blindlings ein höchstes Wesen an und errichtete ihm Altäre, von diesem Augenblick an bildete sich jede Nation eines – je nach ihren Sitten, ihrer Bildung und dem Klima. Es gab bald auf der Welt ebensoviele Religionen wie Völker, aber unter allen diesen ekelhaften Götzenbildern konnte man das unsinnige Phantom erkennen, das Zeugnis gab für die Verblendung der ersten Menschen. Wenn eingehende Naturstudien, wenn ein reifer und richtig denkender Verstand mich nun aber lehrt, wie ich schon vorhin sagte, daß Bewegung in ihr ist und daß daher ein Bewegen unnötig ist, soll ich dann noch länger unter dem Joch dieses ekelhaften Wahngebildes seufzen, soll ich dann noch länger auf alle süßen Genüsse des Lebens verzichten? Nein, Justine, nein. Ich wäre ein Narr, unwürdig des Verstandes, mit dem mich die Natur beschenkt um diese Betrügereien durchschauen zu können. Höre endlich auf, an diesen eingebildeten Gott zu glauben, Justine, er[39] existierte niemals und die Natur bedarf seiner auch gar nicht. Ein Gott setzt eine Schöpfung voraus, das heißt einen Augenblick, wo es nichts gab oder wo Alles im Chaos war. Wenn einer dieser Zustände von Uebel war, weshalb ließ Euer blödsinniger Gott ihn solange bestehen? Und war er gut, warum änderte er ihn? Wenn jetzt Alles gut geordnet ist, hat Euer Gott ja nichts mehr zu tun? Aber wenn er überflüssig ist, kann er da mächtig sein? Und wenn er nicht mächtig ist, kann er da ein Gott sein? Kann er unserer Huldigung würdig sein? Wenn die Natur in ständiger Bewegung ist, wozu dient der Beweger? Und wenn der Beweger auf die Materie bewegend einwirkt, wieso ist er nicht diese Materie selbst? Können Sie sich eine Einwirkung des Geistes auf die Materie vorstellen? Vorstellen, daß eine Materie, die selbst nicht in Bewegung ist, vom Geist bewegt wird? Sie sagen, daß Ihr Gott gut ist; und trotz seines Bundes mit den Menschen, trotz des Blutes seines teuren Sohnes, der herabkam, um sich in Judäa hängen zu lassen, um diesen Bund zu festigen, trotz Allem wird zweieinhalb Drittel des Menschengeschlechtes verdammt, in den ewigen Flammen zu braten? Sie sagen, daß dieser Gott gerecht ist! Läßt es sich damit vereinbaren, daß er die ihm genehme Art der Verehrung nur einem Dreißigstel der Menschen mitteilt, während der Rest für die Unkenntnis mit ewigen Qualen bestraft wird? Was würden Sie zu einem Menschen sagen, der so gerecht wäre? Er ist allmächtig, fahren Sie fort. Aber dann gefällt ihm doch das Böse. Denn auf Erden herrscht es vielmehr als das Gute, und trotzdem läßt er Alles so weiter bestehen. Hier gibt es keinen Mittelweg. Entweder er liebt das Böse oder er hat nicht die Macht, sich zu widersetzen. Auf keinen Fall darf ich eine böse Tat bereuen. Denn, kann er sie nicht verhindern, so kann ich doch sicherlich nicht stärker sein wie er, und wenn sie ihm gefällt, so darf ich mich doch nicht widersetzen. Er ist unveränderlich, sagen Sie ferner; und trotzdem sehe ich ihn fünf- oder sechsmal Völker, Gesetze, Wünsche und Gefühle wechseln. Uebrigens bedingt Unveränderlichkeit Unverletzlichkeit und ein unverletzliches Wesen rächt sich nicht. Aber Sie behaupten ja, daß Ihr Gott sich rächt. Vermehrten Sie diese Chimäre in sich. Sie ist fürchterlich. Sie kann nur in dem schmalen Gehirn von Dummköpfen Platz finden.

Die Hoffnung auf eine zukünftige Welt oder die Furcht vor ihr darf Sie nicht beruhigen, Justine. Schaffen Sie sich nicht selbst Fesseln. Als schwacher Teil einer großen Masse kehren wir nach unserem Tode auf einen Augenblick in den Schoß der Natur zurück, um ihm in anderer Form wieder zu entsteigen. Und Alles das geschieht ohne Bezug auf Tugend oder begangene Verbrechen, weil nichts imstande ist, die Natur zu beleidigen und alle Menschen auf Erden so gehandelt haben, wie diese gemeinsame Mutter es wollte.«[40]

»O, mein Herr,« erwiderte Justine, verwirrt über diese Meinungen, »Sie glauben also, daß, wenn während Sie gestern ein unglückliches Kind vergewaltigten und mordeten, ein anderes Wesen in Ihrer Nähe die anderen Unglücklichen gelabt hätte, dieses letztere Wesen nicht den Himmel und Sie die Hölle verdient hätten?« – »Sicherlich nein, er hätte kein besseres Los zu erwarten, wie ich, Justine. Erstens weil es weder eine Belohnung oder Bestrafung im Jenseits gibt; und zweitens, weil besagter wohltätige Mensch nur denselben Befehlen der

Veröffentlicht / Quelle: 
Marquis de Sade: Die Geschichte der Justine. 1906

Seiten

Buchempfehlung:

Interne Verweise

Kommentare

01. Jan 2018

ICH darf das leider ja nicht lesen -
Sonst ha(u)t mich Krause! Mit dem Besen ...

LG Axel

02. Jan 2018

Das las ich bereits mit knapp dreizehn Jahren ganz "allein zu Hause".
Zum Glück gab 's bei uns keinen Besen wie die Bertha Krause.

LG Annelie

Seiten