Justine oder vom Missgeschick der Tugend - Page 12

von Donatien Alphonse François Marquis de Sade
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um dran zu glauben. O, Justine! Die Hartherzigkeit der Reichen berechtigt die Armen zu ihrer Schlechtigkeit. Ihre Schatzkammern mögen sich öffnen, die Menschlichkeit soll in ihre Herzen einziehen und wir werden nur für die Tugend leben. Die Natur hat uns Alle gleich geschaffen, Justine. Wenn das Schicksal mit seiner ungerechten Härte sich darin gefällt, dieses allgemeine Gesetz umzutoßen, so ist es unsere Sache, seine Launen zu korrigieren. Ich höre Ihnen gerne zu den reichen Leuten, den Beamten, den Priestern, wenn sie uns die Tugend predigen. Man kann leicht keine Lust zum Diebstahl haben, wenn man dreimal so viel hat,[27] wie man zum Leben braucht, leicht keine Lust zum Morde haben, wenn man stets von Schmeichler umgeben ist. Glaube mir, mein Kind, wenn uns die Natur in eine Lage versetzt, in der uns die schlechte Tat zur Notwendigkeit wird und sie uns gleichzeitig die Möglichkeit gibt, schlecht zu handeln, so dient das Böse ihren Gesetzen sicher ebenso wie das Gute. Der Zustand, in dem sie uns geschaffen hat, ist der der Gleichheit. Derjenige, der diesen Zustand zerstört, ist nicht schuldiger, wie der, der ihn wiederherzustellen trachtet. Beide handeln so, wie sie es müssen.«

Die Beredsamkeit der Dubois wirkte viel rascher wie die der Delmouse. Die Sache des Verbrechens wird einem Unparteiischen gegenüber viel besser von dem verteidigt, der aus Not handelt, wie von dem, der sich ihm nur um der Wollust willen hingibt. Justine war wie betäubt und glaubte schon, der Verführung dieser geschickten Frau nachgeben zu müssen. Aber eine stärkere Stimme in ihrem Herzen bekämpfte diese Schwäche, und sie erklärte der Verführerin, daß ihr das Verbrechen ein Greuel sei, und daß sie lieber sterben wolle als jemals eines zu begehen. »Nun gut,« erwiderte die Dubois, »mache was Du willst. Ich überlasse Dich Deinem schlimmen Stern. Aber wenn Du wieder ergriffen werden solltest, was ja bei Deinem Ungeschick nicht ausbleiben wird, sprich niemals von uns anderen.«

Während dieses Zwiegespräches tranken die vier Genossen der Dubois mit dem Holzhauer; und da der Wein gewöhnlich die Seele des Missetäters zu größeren Exzessen aufstachelt, beschlossen die Bösewichte, nachdem sie den Bescheid Justines erfahren hatten, aus ihr ein Opfer zu machen. Ihre Grundsätze, ihre Beschäftigung (es waren Straßenräuber), ihre Sitten, ihr gegenwärtiger Körperzustand (man ist nach drei Monaten Gefängnis sehr geil), die Finsternis, die Sicherheit, in der sie sich befanden, ihre Trunkenheit, die Unschuld Justines, ihr Alter und ihre göttlichen Reize: alles das feuerte sie an und ermunterte sie. Sie hörten auf zu trinken und beratschlagten. Dann befahlen sie Justine, sie möge sich auf der Stelle den Wünschen eines jeden von den Vieren hingeben. Wenn es gutwillig geschähe, würden sie ihr jeder einen Taler geben. Sollten sie aber Gewalt gebrauchen müssen, so würde es auch so gehen. Dann aber würden sie sie nach Gebrauch erdolchen und verscharren, damit das Geheimnis bewahrt bleibe.

Man kann unmöglich die Wirkung schildern, die diese neue Grausamkeit in Justine hervorrief. Sie warf sich der Dubois zu Füßen und beschwor sie, noch einmal ihre Beschützerin zu sein. Aber die lachte blos über ihre Tränen. »Heiliger Himmel!« sagte sie zu ihr. »Du bist aber sehr unglücklich zu nennen! Du schauderst darüber, daß du von diesen vier schönen jungen Männern hintereinander gefickt werden sollst! Sieh,« sagte sie, indem sie ihr die Vier einzeln vorführte, »sieh diesen hier, er heißt Kettenbrecher, ist fünfundzwanzig Jahre alt und hat ein[28] Glied ... das man bewundern müßte, wenn nicht das meines Bruders hier wäre. Er heißt Eisenherz und ist dreißig Jahre alt. Sieh Dir diesen Wuchs an und erst dies Glied! Ich wette, daß Du es mit beiden Händen nicht umfassen kannst. Dieser Dritte heißt Obdachlos. Sieh diesen Schnurrbart an. Er ist sechsundzwanzig Jahre alt und (leise zu Justine) am Abend, bevor wir eingesperrt wurden, hat er mit mir elf Nummern hintereinander gemacht. Aber bei dem Vierten mußt Du mir zugestehen, daß er ein Engel ist. Er ist für seinen Beruf zu schön, zählt einundzwanzig Jahre und wir nennen ihn den Lebemann. Bei seinen Veranlagungen wird er es auch werden; aber sein Glied, Justine, sein Glied mußt du sehen. Sieh, wie lang, wie dick und wie hart es ist, wie wundervoll diese Spitze ist. Ich versichere dich, wenn ich dieses Ding in meinen Eingeweiden habe, glube ich besser gefickt zu weiden als Messaline es jemals wurde. Aber weißt Du auch, mein Kind, daß es 10.000 Frauen in Paris gibt, die die Hälfte ihres Vermögens oder ihres Schmuckes darum gäben, wenn sie an Deiner Stelle sein könnten.« Nach einigem Nachdenken fuhr sie fort: »Höre, ich habe genug Macht über diese Schelme, damit Dir von ihnen Gnade gewährt werde, aber Du mußt ihrer würdig sein.« – »Ach, Madame, was muß ich tun? Befehlen Sie mir!« – »Du mußt uns nachfolgen, töten, stehlen, vergiften, mißhandeln, Brandstiften, Rauben, Verwüsten wie wir. Um diesen Preis will ich Dich retten.« Jetzt schien es Justine, als ob sie nicht zögern dürfe. Denn die neuen Gefahren, die ihr durch ihre Einwilligung drohten, waren nicht so nahe. »Nun gut, Madame, ich will überallhin mitgehen,« rief sie aus, »überallhin, ich verspreche es Ihnen! Retten Sie mich vor der Wut dieser Männer und ich will Sie in Ihrem Leben nicht wieder verlassen!«

»Kinder,« sagte die Dubois, »dieses Mädchen gehört jetzt zu unserer Truppe. Ich nehme sie auf. Ich bitte, ihr keine Gewalt anzutun. Durch ihre Jugend und ihre Gestalt kann sie uns nützlich sein, also verleiden wir ihr nicht ihren neuen Beruf.«

Aber es gibt Grade der Leidenschaft, bei denen nichts mehr verfängt; und je mehr man dann versucht, die Stimme der Vernunft zu Gehör zu bringen, desto weniger wird sie gehört. Die Kameraden der Dubois befanden sich in diesem unglückseligen Zustand und alle Vier warteten mit dem Glied in der Hand auf die Entscheidung der Würfel, wer die Erstlinge erhalten solle. »Nein,« sagte Kettenbrecher, »die Hure muß dran glauben. Es gibt nichts, das sie retten kann. Würde man nicht sagen, daß man eine Jungfernprobe ablegen müsse, bevor man in eine Diebsgesellschaft aufgenommen wird!« – »Teufel noch einmal! Ich will ficken!« rief Obdachlos aus, indem er sich Justine mit dem Glied in der

Veröffentlicht / Quelle: 
Marquis de Sade: Die Geschichte der Justine. 1906

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Kommentare

01. Jan 2018

ICH darf das leider ja nicht lesen -
Sonst ha(u)t mich Krause! Mit dem Besen ...

LG Axel

02. Jan 2018

Das las ich bereits mit knapp dreizehn Jahren ganz "allein zu Hause".
Zum Glück gab 's bei uns keinen Besen wie die Bertha Krause.

LG Annelie

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