Bocks Boot

von Monika Laakes
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Bock zog die schwarze Holztüre hinter sich klackend ins Schloß, drehte den Schlüssel zweimal um und rüttelte mehrmals am roten Türgriff. In der linken Hand hielt er einen Picknickkorb. Mit der anderen umklammerte er den Haustürschlüssel. Aus den Augenwinkeln spähte er kurz nach links in Richtung Straße. Nach dort schirmte ihn die hohe Eibenhecke seines angrenzenden Gartens ab. Dann schweifte sein Blick nach rechts zu den Vorgärten der sich an sein Haus anschließenden Reiheneinfamilienhäuser mit abgezirkelten Blumenrabatten und frisch gemähten Rasenminiaturen. Er lenkte den Blick zu den eingezäunten gegenüberliegenden Gärten hinter der kleinen Stichstraße. Die überhängenden Äste dort waren ihm stets ein Ärgernis. Bock hatte eine steile Falte zwischen den Augenbrauen. Sie hatte sich mit dem Wachsen der Äste vertieft.
Die Spätsommersonne kroch langsam hinter die Dächer. Bald schon wird es empfindlich kühl werden und die Ahnung vom nahenden Herbst wecken. Bock liebte die Melancholie welkender Blumen.
Er hatte seinen Vorgarten mit Kieselsteinen ausgelegt. In der Mitte befand sich ein kleines Quadrat von einem Meter geharkter Erde. Eine Lupine beherrschte hoch aufstrebend die Szene. Neben der Pflanze steckte ein grüner zwei Meter hoher Metallstab im Boden. An der Spitze waren zwei kleine gelbe Windsäcke befestigt. Bock betrachtete das leicht welkende Blau der Lupine, das Sonnengelb der schlaff baumelnden Windsäcke. Sein Blick ver-schmolz nun wieder mit dem Blau. Richtete sich meditativ nach innen. Fand dort das Blau des Himmels und des Wassers. Ließ vom Wolkenwind sein Herz umschmeicheln, ließ es eintauchen in die archaische Wasserwelt. Fühlte sich sozusagen sauwohl.
Er reckte sich abrupt, dabei straffte sich sein untersetzter Körper und der Bauch zog sich merklich zurück. Die kurzen, festen Arme griffen in die Luft. Er ballte die Hände zu Fäusten als Zeichen vollkommenen Wohlbefindens. Ein Mann von überschäumender Männlichkeit.
Bedächtig senkte er die Arme und drehte sich nach links. Ein Lächeln überzog sein Gesicht. Ein Leuchten aus kleinen steingrauen Augen, die beinahe im Innern der Höhlen verschwanden, da sich beim Hochziehen der Mundwinkel die mächtige Polsterung der Wangen nach oben schob. Sein Blick streichelte das große Boot, das auf seinem Grundstück die gesamte Fläche von circa 10 Meter Länge vor der Eibenhecke einnahm. Dahinter der Bürgersteig. Bock blickte zum Mast, auf dessen Spitze eine rotgrüne Lampe ihm nachts das Dachgeschoß ausleuchtete. Ihm die Illusion einer kindlichen Wunscherfüllung verlieh. Er sah, je nach Stimmung, den Mast eines Piratenschiffes, den einer Fischerjolle oder einer Luxusjacht. Heute zeigte der Mast mit unerschütterlicher Zuverlässigkeit seine hochaufgerichtete phallische Präsenz. Der symbolische Versuch des Besitzers mit letzter Kraft in den Himmel zu stoßen. Welch ein Tag!
Heute sollte Herta kommen, Mit einer unstillbaren Sehnsucht verschmolz Bock in Gedanken mit dem glattpolierten Holz des Mastes. Er winkelte seinen linken Arm an, dabei wurde der Blick auf seine Armbanduhr frei. Nur noch fünf Minuten bis 17°° Uhr. Dann wollte Herta eintreffen. Bock schlenderte zur kleinen stahlblitzenden Leiter, die sich mit acht Sprossen den Bootsleib hinaufzog. Einmal strich er über die glatte Wölbung des Schiffsbauches, dann erklomm er die Leiter und betrat das Bootsdeck. Stand einen Moment still. Zog die Schultern hoch und bemühte sich Luft in seine Lungenspitzen zu saugen. Sein Nacken rötete sich. Er glaubte die salzige Luft des Meeres auf der Zunge zu schmecken. Ein Genuß, der ihn vollkommen stimulierte und ihm ein sponta-nes, kehliges „Jippiii!“ entlockte. Er hatte inzwischen die Kombüsentüre geöffnet. Und wieder hüpfte sein Herz. Es roch nach Raumduftnote Seeluft vom Seedienst-Versand. Er hatte den Duftstab auf dem portablen Fernseher plaziert, der sich wiederum auf dem mittig stehenden Kajütenstisch befand. Bocks Schritte knirschten auf dem hellgelben Sand, der den Kajütenboden fingerhoch bedeckte. Siliziumkörner feinster Art.
Er hatte sich den Sand über Meerestraum-Versand vor einer Woche zuschicken lassen. Es waren zehn handliche Säckchen. Nachdem der Fahrer des Spezialtransporters an einem Donnerstag gegen 10°° Uhr morgens die Säcke abgeliefert hatte, nahm Bock sie einzeln über die Schulter und schleppte sie in die Kajüte. Er hatte dafür zwei Stunden Zeit. Gegen 12°° Uhr war sein Sportunterricht in der nahegelegenen Hauptschule. Erst am darauffolgenden Tag gelang es ihm, den Sand zu überprüfen und Sack um Sack auf dem Holzboden des drei mal vier Meter großen Räumchens zu entleeren. Dann ging er auf die Knie und verteilte den Sand über die gesamte Fläche des Bodens. Strich ihn zärtlich mit den Handflächen glatt. Dachte dabei an Herta. Danach betrat er die Kajüte nicht mehr. Alles war bereitet, alles in Erwartung Hertas.
Und heute würden sich seine Fußabdrücke mit denen Hertas vermählen.
Nun betrachtete er seine frische Spur, die von der Türe zum Fenster führte. Er hatte den Picknickkorb neben den Fernseher gestellt. Er blickte durch das Fenster direkt auf den Mast. Er duckte sich leicht und erklomm mit den Augen die Spitze. Dort glomm durch aufkommende Dämmerung verstärkt das rotgrüne Licht der ovalen und Mast-verlängernden Lampe.
„Wenn die Lampe brennt, kommen Sie bitte sofort ins Boot“, hatte er Herta noch am Morgen per Telefon instruiert.
„Welche Lampe?!"
„An der Mastspitze.“
„Oh. Anner Spitze. Sagten Se anner Spitze, Härr Bock? Wat soll dat?“
Sie hatte ins Telefon geschnarrt.
Nun schnalzte Bock unbewußt beim Blick auf die Lampe und beim Gedanken an Herta mit der Zunge. Er kannte die Frau erst seit zwei Wochen. Als er sie gewahrte, war es wie ein leichter elektrischer Schlag in die Magengrube.
„Quatscht niemals eine Tussi auf der Straße an, das kann teuer werden“, hatte er seinen Schülern noch mit einem Augenzwinkern geraten. „Niemals eine Tussi. Das geht ins Geld.“
Die zwinkerten zurück. Das war einer jener Glücksmomente im Leben eines Sportlehrers. Er fühlte sich verbunden mit den jungen aufstrebenden Männern, fühlte sich total bestätigt und verstanden.
Und doch konnte er nicht umhin, Herta auf der Schloßstraße vor der großen Marmorkugel anzusprechen. Es war eben dieser elektrische Schlag, der ihn zu dieser abstrusen Tat zwang.
Der Tag war regnerisch. 15°° Uhr. Hinter ihm lagen zwei lähmende Sportstunden. Sein Volleyballturnier würde niemals überregionalen Rang einnehmen. Die Mannschaft ließ sich nicht bewegen. Bock war frustriert.
Dann seine Bemühung um Entspannung beim Spaziergang über die Schloßstraße in der City einer stillen Ruhrgebietsstadt. Diese Methode hatte schon einige Male bei ihm gewirkt. Er konzentrierte sich auf seine Schritte in Verbindung mit seinem Atem.
Plötzlich

Veröffentlicht / Quelle: 
Publ. 2001 in Potenz-Reliquien - Satiren

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Kommentare

04. Mär 2016

Du hast die Spannung ganz fein und subtil aufgebaut. Die Geschichte gefällt mir sehr.

Liebe Grüße,
Susanna

04. Mär 2016

Dankeschön für die ermunternden Kommentare. Hab ich sehr gerne gelesen und genossen.
Herzliche Grüße an Axel, Alfred und Susanna
von Monika

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