Brondo liebt Herta, seine Rose, blutrote Rose

Bild von Monika Laakes
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Brondo hatte Herta geliebt. Er hatte sie so sehr geliebt. Er hätte es nicht für möglich gehalten, noch einmal in seinem 61jährigen Leben so lieben zu können. Herta, diese Frau, ein Bild von einer Frau. Aufopferungsvoll und reif. So, wie er sich eine Schönheit vorstellte. Wie hatte er sie geliebt.
Nun betrachtete er seine Hände, schmale, feinnervige Künstlerhände. Hände, die gestern noch akribisch die Pinsel führten. Er hatte eine eigenwillige Technik entwickelt, mit beiden Händen gleichzeitig verschiedenartige Motive zu malen. Er behauptete, es seien zwei unterschiedliche Menschen in ihm vereint. Er, Brondo, sei nicht nur Brondo, sondern auch Gabriel. Sein anderes Ich sei Gabriel, der Genialere von beiden. Brondo blickte auf die rechte Hand, die von Brondo geleitete. Sie zitterte leicht. Er spreizte die Finger. Er blickte durch die Lücke von Mittel- und Ringfinger. Er hielt die Hand in Augenhöhe. Ein Sonnenstrahl blitzte durch das kahle Dezembergeäst des transparent gewordenen Stadtrandwaldes und spiegelte sich kurz in den Brillengläsern der am Boden liegenden Frau. Ihr zierlicher Körper streckte sich auf dem frostfesten Boden über einer Baumwurzel und bog sich leicht in den Hüften nach oben. Brondo starrte kurz auf seine Finger. Dann wieder durch die Lücken auf den Frauenkörper. Die Finger schwebten verdoppelt vor seinem Gesicht. Er zog sie im Zeitlupentempo zusammen und fixierte sie wieder. Die Augen stellten sich darauf ein, und die Hand hatte ihre schmale, schaufelförmige Form. Für den Bruchteil einer Sekunde vergaß er die Frau am Boden. Herta, seine Geliebte.
Wie schön sie doch war. Ihr friedvolles Gesicht mit der kleinen Nase. Die Oberlippe quoll ein wenig hervor über den vom langen Daumenlutschen verbogenen Schneidezähnen. In der kurzen Zeit ihrer hohen Liebe, sie währte vierzehn Wochen, berauschte er sich an alle ihren vermeintlichen Schwächen.
Nun lag sie als Verlängerung der Baumwurzel, als ein Stück Natur, einfach so da. Brondo sehnte jetzt mehr als alles sein Malzeug herbei. Seine Farben und Pinsel, die er stets im Kofferraum seines schwarzen R4 bei sich führte. Er sog die kalte Luft in seine Lungenflügel. Er spürte ein leichtes Stechen in Höhe des Herzens. Er malte mit beiden Zeigefingern Konturen in die Luft. Mit dem rechten malte er Gesicht und Brust bis zur Taille, der linke, von Gabriel geführt, übernahm den Rest des Körpers. Gabriel war immer etwas geschickter als Brondo. Er führte den Strich exakter und rascher.
Der Mann hörte plötzlich hinter sich ein Rascheln. Er zuckte zusammen. Brondo vergaß augenblicklich Gabriel und war wieder ganz bei sich. Er spürte in allen Fasern seines Körpers die nahende Gefahr. Mit wildem Blick durchforschte er das noch dichte Unterholz des Waldes. Die Gewissheit, in dieser Stadt, wo immer man sich auch befinden mag, niemals alleine zu sein, machte ihn wütend. MH, im Moloch der Ruhrregion nicht die größte Stadt, hatte ihn als seine Geburtsregion und wegen der daraus resultierenden Anhänglichkeit, seit 61 Jahren festgehalten. Ohne Unterbrechung.
Hier hatte er auch seine große Liebe, seine späte Liebe Herta im warmen Licht eines Septembertages kennengelernt. Auch an jenem Tag spiegelte sich das Sonnenlicht in ihren Brillengläsern. Ihr Lächeln, das die oberen Schneidezähne betonte und den Charme einer Comic-Mickeymouse-Figur besaß, elektrisierte ihn. Er spürte sofort eine tiefe Verbundenheit, ohne dafür eine Erklärung finden zu können. Brondo traf Herta am 25. September gegen 17.30 Uhr im Uhlenhorster Wald auf dem Parkplatz an der Großenbaumer Straße. Es war so ein schöner ausklingender Sonnentag. Brondo liebte den Uhlenhorst, den er mindestens einmal wöchentlich aufsuchte, um Freilandstudien zu betreiben. Er sammelte farbige Steine, die er später mit einem Hammer zerkleinerte und in einem Mörser zerrieb, um aus der Substanz Naturfarbstoff zu gewinnen. Er sammelte Blätter und Beeren und Baumrinde. Herta muss ihn dabei eine Weile beobachtet haben, dann sprach sie ihn an und fing ihn ein mit ihrem die Zähne entblößenden Lächeln.
Brondo betrachtete die Frau am Boden. Es raschelte beängstigend nahe. Dann tauchte ein rehbrauner Cocker neben ihm auf und schnürlte in Richtung der am Boden Liegenden. Er hatte die gleiche Sanftheit des Blicks wie Herta, seine Liebe. Seine große, späte Liebe.
Eine Frauenstimme gellte an sein Ohr. Sie schien aus Richtung des nahegelegenen Unterstandes zu kommen. Brondo hob den linken Fuß, und Gabriel stieß kräftig zu in Richtung des sanftmütigen Spaniels. Brondo liebte Hunde, und dieser mächtige Impuls überraschte ihn zutiefst. Der Hund, der vom starken Luftstrom des vorbeisausenden Fußes beim ruhigen Stöbern aufgeschreckt wurde, jaulte laut auf und stob davon.
Brondo kniete neben Herta nieder. Seine Hände flatterten hysterisch über ihren Körper. Er brauchte für sein Vorhaben ruhige Hände. Er hörte die empörte Stimme der Hundehalterin. Sie tröstete ihren kleinen Freund und schimpfte in den Wald hinein. Brondo sammelte Blätter. Das frische, zum Teil noch grüne Laub des Jahres. Einmal noch strich er mit großer Zärtlichkeit über das Gesicht der Frau, über das lange Blondhaar, das sich über den Boden ausbreitete wie ein Seidenfächer. Strich noch einmal beinahe schüchtern über die vorstehenden Schneidezähne. Am Mittag dieses sonnigen, klirrendkalten Tages. Sein Herz begann zu schmerzen. Dieses Herz, das mehr in der rechten Körperhälfte, also ganz bei Brondo, Schlag für Schlag sein Leben hütete. Dieses kostbare Leben, das bei Herta ein jähes Ende fand.
Einerseits faszinierte ihn die Tatsache, dass Gabriel ihm die Chance gab, in ruhiger Betrachtung vor diesem Körperwunder namens Herta verweilen zu dürfen. Andererseits konnte er diesen dumpfen Schmerz in seiner Brondobrust, der ihm große Angst einjagte, nicht hinwegzaubern. Ach, hätte diese Frau nur ihren Mund ruhig gehalten, hätte sie ihm nur die Möglichkeit der stillen Beschauung gegönnt, ihr Herz hätte den Dienst weiter verrichten können. Jahre über Jahre hätte es noch Schlag für Schlag ihr Leben erhalten. Brondo war von tiefer Traurigkeit erfüllt. Er saß in andächtiger Stille und blickte auf diese ausgestreckte Ästhetik. Er war ein Mann des Augenscheins. Nichts faszinierte ihn mehr als Bild und Komposition. Hätte ihm Herta nur diese Versenkung gelassen, niemals hätte Gabriel ihr ein Haar gekrümmt. Doch ihr Mund stand niemals still. Immer, trotz seiner zaghaften Bitten, redete sie von sich und ihren Erwartungen. Er hatte einfach keine Möglichkeit, diesen wunderschönen Mund in voller Reglosigkeit zu genießen und zu verinnerlichen.
„Brondo, Lieber, was starrst du mich so

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Kommentare

03. Apr 2016

Ja, die Liebe hat viele Gesichter und somit ungezählte Möglichkeiten, sie zu beschreiben.
Danke für Deine Beachtung in Form eies Gedichtes über Herta und Brondo.
Mit Frühlingsgrüßen von Monika

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