Gefährlicher Sommer (Teil 10) - Page 4

von Annelie Kelch
Mitglied

lebst du denn?“, empörte sich Kora.
„Katja! Sin­gen!“, grölte Hannes.
„Na gut!“, rief ich. „Auf eure Verantwortung! Hört mal alle her, ihr Fremdenlegionäre, die ihr euch im Lachauer Forst verborgen haltet, um die dreisten Wilderer zu schnappen.“
„Wie bitte? Treiben sich hier etwa auch Wilderer herum?“, schrie Kora entsetzt (vor legendären Legionären hatte sie anschei­nend überhaupt keine Angst).
Was für ein Mädchen!, dachte ich.
Hannes griente, und ich begann mit grottentiefer Zarah-Leander-Stimme, obwohl ich davon jedes Mal total heiser werde, „Brennend heißer Wüstensand“ zu singen. Glücklicherweise musste ich dabei nicht in den Spiegel blicken. Ich kam mir mit meiner an und für sich sehr leisen, hellen Stimme nämlich vor wie ein mordlüsternes Gorilla-Weibchen vor. Vermutlich sah ich beim Singen nicht an­nähernd so gut aus wie die bildschöne Diva, die von Natur aus eine tiefe Stimme hatte und sich nicht die Bohne beim Singen anstrengen musste. Allerdings hat die schöne Diva an extremer Geschmacksver­irrung gelitten, anderenfalls wäre sie in ihr Heimatland Schweden abgehauen, anstatt die dämlichen Nazis mit ihrer ge­heimnisvollen Stimme zu erfreuen. Jedenfalls vermied ich geflissentlich, den Blicken von Hannes, Kora und Konny zu begegnen und starrte während meines Leander-Gesangs beharrlich auf den Waldboden.

„Brennend heißer Wüstensand,
fern, so fern das Heimatland,
kein Gruß, kein Kuss, kein Scherz
(„kein Herz“, johlte Hannes dazwischen),
alles liegt so weit, so weit.
Dort wo die Blumen blühn,
dort wo die Täler grün,
dort war ich einmal zu Hause.

Wo ich die Liebste fand,
da liegt mein Heimatland, –
wie lang bin ich noch allein?“

Hannes kannte sogar die zweite Strophe von Freddys Heimatschnulze, und wir schmetterten den Text gemeinsam ̶ allerdings in zwei verschiedenen Tonlagen; denn Hannes kam längst nicht so tief wie ich und mein ureigener basso profun­do. Was ist eigentlich das Gegenteil von Kopfstimme, liebe kluge Christine? ̶ Ich weiß, dass du das weißt.
Den letzten Refrain ließen wir Konny alleine singen. Er hat eine schöne Stimme, ein Knabenalt, Christine ̶ fast wie ein Wiener Sängerknabe.
„Weshalb eigentlich Frem­denlegionäre? Ich dachte immer, Freddy meint die Gastar­beiter“, sinnierte Kora.
„Cousinchen, denk doch mal bitte etwas hintergründiger, beziehungsweise nach. Was sollen bitte sehr Gastarbeiter im heißen Wüstensand?“, mokierte sich Hannes.
Konny zuckte verächtlich mit den Schultern: „Schlager! – Pah!“
„Du hast keinen blassen Schimmer! Ich mag Freddy“, rief Kora empört.
„Da, die letzte Lichtung vorm Dorf“, sagte Hannes und zeigte auf den hellen grünen Platz, auf dem sich die weißen Blütenköpfe der Walderdbeeren zwischen ihren rosafarbe­nen Ranken zur Sonne streckten. Mir fiel plötzlich ein, dass ich am Hochsitz vorbeigeradelt war, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen. Ob Axel Kröger schon aus Husum zurück war? Im tiefen Schlaf lag er zu dieser Stunde gewiss noch nicht. Ich dachte an den zugenähten Schlafanzug und mir wurde tatsächlich ein wenig flau im Magen.

„Was für ein verrückter Nachmittag! Wollen doch mal sehn, wer zuerst auf der Dorfstraße ist!“, schrie Hannes verwegen und ohne jeden nachvollziehbaren Über­gang.
Ich schob seine Sprunghaftigkeit auf die Sommerhitze und das Niko­tin zurück, das ihm anscheinend zu Kopf gestiegen war, zurück; aber Konny und Kora schienen Feuer und Flamme zu sein und traten aus Lei­beskräften in die Pedale. Ich versuchte mitzuhalten.
Lenker an Lenker rasten wir über den mit Tannenna­deln gespickten, spiegelglatten Waldboden ins Dorf. Neben uns auf den Feldern, die sich zu beiden Seiten der Landstraße ausdehnten, verglühte ganz all­mählich der stille Sommertag, aber wir achteten nicht darauf.

Als wir in den Hof einbogen, fiel mir sofort der BMW von Herrn Kröger ins Auge. Er hatte ihn neben den Linden geparkt.
Der neue Gutsverwalter stand vor dem großen Verandafenster und sah uns entgegen.
Ich war froh, dass ich meine Sonnenbrille trug und seinem Blick nicht begegnen musste. Mittlerweile fand ich die Sache mit dem Schlafanzug überhaupt nicht mehr lustig, sondern ziemlich albern, liebe Christine.
Kora, Konny und Hannes fuhren direkt auf das Haus zu, lehnten ihre Fahrräder gegen die Wand des alten Gemäuers und stiegen die Stu­fen der flachen Frei­treppe zur grau gefliesten Veranda em­por. Ihre müden, ver­schwitzten Gesichter glühten wie die Geranien, die Leni in einen der riesigen Terrakottakübel, die im Gewächshaus lagerten, ge­pflanzt hatte. Sie schmückten die zweite Stufe der Freitreppe vor der Verandatür und strahlten prächtiger als ein Sonnenunter­gang. Gleichwohl heimste jedes Mal die Gnä­digste die Lobeshymnen sämtlicher Lachauer Gäste ein­, weil auf der linken Seite neben dem Eingang zwei rundliche Rhododendronsträucher wuchsen, die mit ihren goldgelben, feuerrot besprenkelten Blüten eine wahre Show abzogen und die Geranien ins Abseits drängten.
„Wir könnten ein paar süße kleine Kar­toffelkäfer in die Rhododendronsträucher setzen“, hatte Hannes während unserer Rückfahrt vorge­schlagen. „Die fressen jede Menge Löcher in die Blätter. Vielleicht kommt Lenis Geranien-Arrangement dann endlich mal zum Zug.“
Ich war froh, dass ich in den Fahrradschuppen musste und Axel Kröger nicht zu begrüßen brauchte. Wenn der erfuhr, dass ich auf seinem Bett gesessen und seinen Pyjama zusammengeflickt hatte …
Ich tröstete mich damit, dass es ebenso gut Hannes, Kora oder Konny hätten sein können, die mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie ich im Gutshaus ein- und ausgingen.
„Bis nach dem Abendbrot; wir müssen noch gießen, ich hole dich nachher ab, Katja“, rief Konny mir nach.
Ich stellte Lenis Fahrrad im Schuppen ab und begrüßte Luchs, der vor dem großen Verandafenster auf- und abtapperte.
Aus der Laube drangen Frauenstimmen und lautes Gelächter. Sie war zum Bersten voll: Oma, Mutti, Leni, Tante Agnes, die bei dieser Hitze eine ihrer altmodischen schwarzen Trainingshosen trug, mit Gummizug in den Hosenbeinsäumen, Ulla und unsere hochgeschätzte „Schlossherrin“ hockten in der stickigen kleinen Efeuhöhle und schienen sich blendend zu un­terhalten. Ich setzte mich ins Gras und lauschte ihrem aufgereg­tem Geplapper. Der Lärm im Hühnergehege war nichts dagegen, liebe Christine. Sie waren dermaßen in Fahrt, dass ich den Eindruck hatte, dass sie mich gar nicht be­merkten, bis Leni plötzlich sagte: „Katja sieht so hungrig aus, Anita. Willst du nicht endlich das Abendbrot auf den Tisch bringen?“
Alle sahen mich prüfend an, und mir wurde unter ihren Blicken ganz unbehaglich zumute, weil ich wieder an Krögers Schlafanzug denken musste. Wo ich denn mit einem Mal herkäme, wollten die Damen wissen.
„Vom Baden. Das dürfte euch doch bekannt sein!“
Ich kam mir regelrecht ver­albert vor, Christine.
„War es denn schön?“, fragte Leni. Sie kam mir von allen anwesenden Frauen noch am normalsten vor und hatte auch viel weniger herumgegackert.­
„Ja, war denn im Wald alles in Ordnung, Katja?“, erkundigte sich Frau Brandner aufgeregt.
„Wo sind denn die an­deren?“, quengelte Mutter Kleve dazwischen.
„War viel los am Kiesteich, Katja?“
Tante Agnes ließ ihre fleißigen, altersfleckigen Hände ruhn und blickte von ihrer Handarbeit auf. Alle plapperten durcheinander, und selbstredend war mir klar, dass sie auf meine Antworten pfiffen. Ob ich mich zu ihren Fragen äußerte oder nicht, schien ihnen völlig schnuppe zu sein; denn die Gnädigste ergriff ohne Umschweife das Wort und erklärte: „Je weniger der Wald begangen beziehungsweise befahren wird, desto geringer ist die Chance, die herzlosen Wilderer zu schnappen. Letztes Jahr hat gottlob unser Knut noch ein Auge drauf gehabt ...“
Sie brach unvermittelt ab, trat einen Schritt vor, spähte hektisch nach allen Seiten und fuhr mit wesentlich leiserer Stimme fort: „Ich glaube sogar, dass Knut von einem Wilderer ermor­det wurde. Von einem, dem er schon lange auf der Spur war. Auf einer ganz heißen Spur. Oh, wie ist das alles schrecklich! Diese Kanaillen sind wahnsinnig schwer zu fassen. Denen ist nichts, aber auch gar nichts heilig! Die Kerle düsen nachts in den Wald, blenden das Wild mit den Scheinwerfern ihren Rostlauben (... wie kommt die Gnädigste bloß auf diesen Ausdruck? Ich musste mir ein Grinsen verkneifen) und knallen die armen Tiere einfach ab. Ihr müsst nämlich wissen, dass das Jagdgesetz es ausdrücklich verbietet, nächtens Wild zu schießen, schon gar nicht unter Anwendung von Scheinwerfern. Diesen Leuten sollte man unerbittlich den Garaus machen, selbstverständlich mit Hilfe der Polizei. Das ist ein skrupelloses und gemeingefährliches Pack! Die knallen auch ohne weiteres Menschen ab, Wildhüter oder harmlose Spaziergänger, wenn sie sich bei der Hatz ertappt fühlen, das könnt ihr mir glauben.“
Ich war ganz Ohr und nahm jedes Wort der Gnädigsten für bare Münze.

„Helge ist ja nun bald soweit“, mischte sich Leni mit trostvoller Stimme ein. „Der wird die Sache schon in den Griff bekommen.“
Ulla zog ein skeptisches Ge­sicht. Dann erhoben sich die Damen. Reichlich schwerfällig und mit dem üb­lichen Gestöhne, als hätten sie fünfzig Kühe gemolken. Wer weiß, wie lange sie dort schon beisammenhockten. Es folgten die üblichen Takte über Ischias, Rheuma und wogegen man sonst noch zu kämpfen hätte im hohen Alter. Frau Brand­ner, Mutti und die junge hübsche Ulla schwiegen dazu, setzten aber ver­ständnisvolle Mienen auf.
Opa hatte schon den Tisch gedeckt, und mir wurde jäh bewusst, wie hungrig ich eigentlich war. Eine halbe Stunde später klopfte die Clique an Omas Küchen­tür, und wir gossen im gutem Einvernehmen Lenis ganzen Stolz, den sagenhaf­ten Kräutergarten.
Axel Kröger bekam ich an diesem Abend nicht mehr zu Gesicht, worüber ich mehr als froh war.

Titelblatt für "Gefährlicher Sommer", mein vorläufiger Entwurf

Seiten

Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise

Kommentare

13. Aug 2017

Dein Roman bleibt lesenswert!
(Noch nicht mal Krause sich beschwert ... )
[Auch der Entwurf, er fasziniert -
Weil er den Inhalt stark skizziert!]

LG Axel

13. Aug 2017

Dank, Axel, dir, für deinen Kommentar.
Gegen den Typ im Hintergrund ist Bertha wohl ein Waisenknabe.
Doch Katja überführt den Kerl mit viel Geschick und List.
Sein Name steht danach im Tageblatt - Extraausgabe,
bin froh, dass Bertha diesmal auch mit mir zufrieden ist.

LG Annelie

13. Aug 2017

Klasse Enwurf, Annelie, den würde ich nehmen, welche Technik hast du verwendet? Ich staune immer wieder darüber, wie vielseitig begabt du bist.

Liebe Sonntagsgrüße - Marie

13. Aug 2017

Danke, liebe Marie. Du wirst staunen, aber ich weiß die Technik nicht mehr. Es ist aber mit Sicherheit eine Collage aus eigener Zeichnung und Cliparts. Ich habe das Buch vor mehr als zehn Jahren geschrieben. Es war mein erstes Buch, und ich habe sehr lange daran herumgeschrieben, umgeschrieben, verworfen, neu geschrieben ... und ich habe den Eindruck, dass am Text noch manches geändert werden müsste, glaube auch, dass ich das Titelblatt noch irgendwo in Farbe gespeichert habe.

Liebe Grüße,
Annelie

Seiten